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Ein Landarzt, Franz Kafka

Wednesday, March 21st, 2007
Ich war in großer Verlegenheit: eine dringende Reise stand mir bevor; ein
Schwerkranker wartete auf mich in einem zehn Meilen entfernten Dorfe;
starkes Schneegestöber füllte den weiten Raum zwischen mir und ihm;
einen Wagen hatte ich, leicht, großräderig, ganz wie er für unsere
Landstraßen taugt; in den Pelz gepackt, die Instrumententasche in der Hand,
stand ich reisefertig schon auf dem Hofe; aber das Pferd fehlte, das Pferd.
Mein eigenes Pferd war in der letzten Nacht, infolge der Überanstrengung in
diesem eisigen Winter, verendet; mein Dienstmädchen lief jetzt im Dorf
umher, um ein Pferd geliehen zu bekommen; aber es war aussichtslos, ich
wußte es, und immer mehr vom Schnee überhäuft, immer unbeweglicher
werdend, stand ich zwecklos da. Am Tor erschien das Mädchen, allein,
schwenkte die Laterne; natürlich, wer leiht jetzt sein Pferd her zu solcher
Fahrt? Ich durchmaß noch einmal den Hof; ich fand keine Möglichkeit;
zerstreut, gequält stieß ich mit dem Fuß an die brüchige Tür des schon seit
Jahren unbenützten Schweinestalles.

Sie öffnete sich und klappte in den Angeln auf und zu. Wärme und Geruch
wie von Pferden kam hervor. Eine trübe Stallaterne schwankte drin an
einem Seil. Ein Mann, zusammengekauert in dem niedrigen Verschlag,
zeigte sein offenes blauäugiges Gesicht. » Soll ich anspannen?« fragte er,
auf allen vieren hervorkriechend. Ich wußte nichts zu sagen und beugte
mich nur, um zu sehen, was es noch in dem Stalle gab. Das Dienstmädchen
stand neben mir. »Man weiß nicht, was für Dinge man im eigenen Hause
vorrätig hat«, sagte es, und wir beide lachten. »Holla, Bruder, holla,
Schwester!« rief der Pferdeknecht, und zwei Pferde, mächtige flankenstarke
Tiere, schoben sich hintereinander, die Beine eng am Leib, die
wohlgeformten Köpfe wie Kamele senkend, nur durch die Kraft der
Wendungen ihres Rumpfes aus dem Türloch, das sie restlos ausfüllten. Aber
gleich standen sie aufrecht, hochbeinig, mit dicht ausdampfendem Körper.
»Hilf ihm«, sagte ich, und das willige Mädchen eilte, dem Knecht das
Geschirr des Wagens zu reichen. Doch kaum war es bei ihm, umfaßt es der
Knecht und schlägt sein Gesicht an ihres. Es schreit auf und flüchtet sich zu
mir; rot eingedrückt sind zwei Zahnreihen in des Mädchens Wange. »Du
Vieh«, schreie ich wütend, »willst du die Peitsche?«, besinne mich aber
gleich, daß es ein Fremder ist, daß ich nicht weiß, woher er kommt, und daß
er mir freiwillig aushilft, wo alle andern versagen. Als wisse er von meinen
Gedanken, nimmt er meine Drohung nicht übel, sondern wendet sich nur
einmal, immer mit den Pferden beschäftigt, nach mir um. »Steigt ein«, sagt
er dann, und tatsächlich: alles ist bereit.

Mit so schönem Gespann, das merke ich, bin ich noch nie gefahren, und ich
steige fröhlich ein. »Kutschieren werde aber ich, du kennst nicht den Weg«,
sage ich. »Gewiß«, sagt er, »ich fahre gar nicht mit, ich bleibe bei Rosa.«
»Nein«, schreit Rosa und läuft im richtigen Vorgefühl der Unabwendbarkeit
ihres Schicksals ins Haus; ich höre die Türkette klirren, die sie vorlegt; ich
höre das Schloß einspringen; ich sehe, wie sie überdies im Flur und
weiterjagend durch die Zimmer alle Lichter verlöscht, um sich unauffindbar
zu machen. »Du fährst mit«, sage ich zu dem Knecht, »oder ich verzichte
auf die Fahrt, so dringend sie auch ist. Es fällt mir nicht ein, dir für die Fahrt
das Mädchen als Kaufpreis hinzugeben.« »Munter!« sagt er; klatscht in die
Hände; der Wagen wird fortgerissen, wie Holz in die Strömung; noch höre
ich, wie die Tür meines Hauses unter dem Ansturm des Knechts birst und
splittert, dann sind mir Augen und Ohren von einem zu allen Sinnen
gleichmäßig dringenden Sausen erfüllt. Aber auch das nur einen
Augenblick, denn, als öffne sich unmittelbar vor meinem Hoftor der Hof
meines Kranken, bin ich schon dort; ruhig stehen die Pferde; der Schneefall
hat aufgehört; Mondlicht ringsum; die Eltern des Kranken eilen aus dem
Haus; seine Schwester hinter ihnen; man hebt mich fast aus dem Wagen;
den verwirrten Reden entnehme ich nichts; im Krankenzimmer ist die Luft
kaum atembar; der vernachlässigte Herdofen raucht; ich werde das Fenster
aufstoßen; zuerst aber will ich den Kranken sehen. Mager, ohne Fieber,
nicht kalt, nicht warm, mit leeren Augen, ohne Hemd hebt sich der junge
unter dem Federbett, hängt sich an meinen Hals, flüstert mir ins Ohr:
»Doktor, laß mich sterben. « Ich sehe mich um; niemand hat es gehört; die
Eltern stehen stumm vorgebeugt und erwarten mein Urteil; die Schwester
hat einen Stuhl für meine Handtasche gebracht. Ich öffne die Tasche und
suche unter meinen Instrumenten; der Junge tastet immerfort aus dem Bett
nach mir hin, um mich an seine Bitte zu erinnern; ich fasse eine Pinzette,
prüfe sie im Kerzenlicht und lege sie wieder hin. »Ja«, denke ich lästernd,
»in solchen Fällen helfen die Götter, schicken das fehlende Pferd, fügen der
Eile wegen noch ein zweites hinzu, spenden zum Übermaß noch den
Pferdeknecht-.«

Jetzt erst fällt mir wieder Rosa ein; was tue ich, wie rette ich sie, wie ziehe
ich sie unter diesem Pferdeknecht hervor, zehn Meilen von ihr entfernt,
unbeherrschbare Pferde vor meinem Wagen? Diese Pferde, die jetzt die
Riemen irgendwie gelockert haben; die Fenster, ich weiß nicht wie, von
außen aufstoßen? jedes durch ein Fenster den Kopf stecken und, unbeirrt
durch den Aufschrei der Familie, den Kranken betrachten. »Ich fahre gleich
wieder zurück«, denke ich, als forderten mich die Pferde zur Reise auf, aber
ich dulde es, daß die Schwester, die mich durch die Hitze betäubt glaubt,
den Pelz mir abnimmt. Ein Glas Rum wird mir bereitgestellt, der Alte klopft
mir auf die Schulter, die Hingabe seines Schatzes rechtfertigt diese
Vertraulichkeit. Ich schüttle den Kopf; in dem engen Denkkreis des Alten
würde mir übel; nur aus diesem Grunde lehne ich es ab zu trinken. Die
Mutter steht am Bett und lockt mich hin; ich folge und lege, während ein
Pferd laut zur Zimmerdecke wiehert, den Kopf an die Brust des Jungen, der
unter meinem nassen Bart erschauert. Es bestätigt sich, was ich weiß: der
Junge ist gesund, ein wenig schlecht durchblutet, von der sorgenden Mutter
mit Kaffee durchtränkt, aber gesund und am besten mit einem Stoß aus dem
Bett zu treiben. Ich bin kein Weltverbesserer und lasse ihn liegen.

Ich bin vom Bezirk angestellt und tue meine Pflicht bis zum Rand, bis
dorthin, wo es fast zu viel wird. Schlecht bezahlt, bin ich doch freigebig und
hilfsbereit gegenüber den Armen. Noch für Rosa muß ich sorgen, dann mag
der Junge recht haben und auch ich will sterben. Was tue ich hier in diesem
endlosen Winter! Mein Pferd ist verendet, und da ist niemand im Dorf, der
mir seines leiht. Aus dem Schweinestall muß ich mein Gespann ziehen;
wären es nicht zufällig Pferde, müßte ich mit Säuen fahren. So ist es. Und
ich nicke der Familie zu. Sie wissen nichts davon, und wenn sie es wüßten,
würden sie es nicht glauben. Rezepte schreiben ist leicht, aber im übrigen
sich mit den Leuten verständigen, ist schwer. Nun, hier wäre also mein
Besuch zu Ende, man hat mich wieder einmal unnötig bemüht, daran bin ich
gewöhnt, mit Hilfe meiner Nachtglocke martert mich der ganze Bezirk, aber
daß ich diesmal auch noch Rosa hingeben mußte, dieses schöne Mädchen,
das jahrelang, von mir kaum beachtet, in meinem Hause lebte - dieses Opfer
ist zu groß, und ich muß es mir mit Spitzfindigkeiten aushilfsweise in
meinem Kopf irgendwie zurechtlegen, um nicht auf diese Familie
loszufahren, die mir ja beim besten Willen Rosa nicht zurückgeben kann.

Als ich aber meine Handtasche schließe und nach meinem Pelz winke, die
Familie beisammensteht, der Vater schnuppernd über dem Rumglas in
seiner Hand, die Mutter, von mir wahrscheinlich enttäuscht ja, was erwartet
denn das Volk? - tränenvoll in die Lippen beißend und die Schwester ein
schwer blutiges Handtuch schwenkend, bin ich irgendwie bereit, unter
Umständen zuzugeben, daß der Junge doch vielleicht krank ist. Ich gehe zu
ihm, er lächelt mir entgegen, als brächte ich ihm etwa die allerstärkste
Suppe - ach, jetzt wiehern beide Pferde; der Lärm soll wohl, höhern Orts
angeordnet, die Untersuchung erleichtern - und nun finde ich: ja, der Junge
ist krank. In seiner rechten Seite, in der Hüftengegend hat sich eine
handtellergroße Wunde aufgetan. Rosa, in vielen Schattierungen, dunkel in
der Tiefe, hellwerdend zu den Rändern, zartkörnig, mit ungleichmäßig sich
aufsammelndem Blut, offen wie ein Bergwerk obertags. So aus der
Entfernung. In der Nähe zeigt sich noch eine Erschwerung. Wer kann das
ansehen ohne leise zu pfeifen? Würmer, an Stärke und Länge meinem
kleinen Finger gleich, rosig aus eigenem und außerdem blutbespritzt,
winden sich, im Innern der Wunde festgehalten, mit weißen Köpfchen, mit
vielen Beinchen ans Licht. Armer Junge, dir ist nicht zu helfen. Ich habe
deine große Wunde aufgefunden; an dieser Blume in deiner Seite gehst du
zugrunde. Die Familie ist glücklich, sie sieht mich in Tätigkeit; die
Schwester sagt`s der Mutter, die Mutter dem Vater, der Vater einigen
Gästen, die auf den Fußspitzen, mit ausgestreckten Armen balancierend,
durch den Mondschein der offenen Tür hereinkommen.

»Wirst du mich retten?« flüstert schluchzend der Junge, ganz geblendet
durch das Leben in seiner Wunde. So sind die Leute in meiner Gegend.
Immer das Unmögliche vom Arzt verlangen. Den alten Glauben haben sie
verloren; der Pfarrer sitzt zu Hause und zerzupft die Meßgewänder, eines
nach dem andern; aber der Arzt soll alles leisten mit seiner zarten
chirurgischen Hand. Nun, wie es beliebt: ich habe mich nicht angeboten;
verbraucht ihr mich zu heiligen Zwecken, lasse ich auch das mit mir
geschehen; was will ich Besseres, alter Landarzt, meines Dienstmädchens
beraubt! Und sie kommen, die Familie und die Dorfältesten, und entkleiden
mich; ein Schulchor mit dem Lehrer an der Spitze steht vor dem Haus und
singt eine äußerst einfache Melodie auf den Text:

Entkleidet ihn, dann wird er heilen,
Und heilt er nicht, so tötet ihn!
`s ist nur ein Arzt, `s ist nur ein Arzt.

Dann bin ich entkleidet und sehe, die Finger im Barte, mit geneigtem Kopf
die Leute ruhig an. Ich bin durchaus gefaßt und allen überlegen und bleibe
es auch, trotzdem es mir nichts hilft, denn jetzt nehmen sie mich beim Kopf
und bei den Füßen und tragen mich ins Bett. Zur Mauer, an die Seite der
Wunde legen sie mich. Dann gehen alle aus der Stube; die Tür wird
zugemacht; der Gesang verstummt; Wolken treten vor den Mond; warm
liegt das Bettzeug um mich, schattenhaft schwanken die Pferdeköpfe in den
Fensterlöchern. »Weißt du«, höre ich, mir ins Ohr gesagt, »mein Vertrauen
zu dir ist sehr gering. Du bist ja auch nur irgendwo abgeschüttelt, kommst
nicht auf eigenen Füßen. Statt zu helfen, engst du mir mein Sterbebett ein.
Am liebsten kratzte ich dir die Augen aus.« »Richtig«, sage ich, »es ist eine
Schmach. Nun bin ich aber Arzt. Was soll ich tun? Glaube mir, es wird auch
mir nicht leicht.« »Mit dieser Entschuldigung soll ich mich begnügen?

Ach, ich muß wohl. Immer muß ich mich begnügen. Mit einer schönen
Wunde kam ich auf die Welt; das war meine ganze Ausstattung.« »Junger
Freund«, sage ich, »dein Fehler ist: du hast keinen Überblick. Ich, der ich
schon in allen Krankenstuben, weit und breit, gewesen bin, sage dir: deine
Wunde ist so übel nicht. Im spitzen Winkel mit zwei Hieben der Hacke
geschaffen. Viele bieten ihre Seite an und hören kaum die Hacke im Forst,
geschweige denn, daß sie ihnen näher kommt.« »Ist es wirklich so oder
täuschest du mich im Fieber? « »Es ist wirklich so, nimm das Ehrenwort
eines Amtsarztes mit hinüber.« Und er nahm`s und wurde still.

Aber jetzt war es Zeit, an meine Rettung zu denken. Noch standen treu die
Pferde an ihren Plätzen. Kleider, Pelz und Tasche waren schnell
zusammengerafft; mit dem Ankleiden wollte ich mich nicht aufhalten;
beeilten sich die Pferde wie auf der Herfahrt, sprang ich ja gewissermaßen
aus diesem Bett in meines. Gehorsam zog sich ein Pferd vom Fenster
zurück; ich warf den Ballen in den Wagen; der Pelz flog zu weit, nur mit
einem.Ärmel hielt er sich an einem Haken fest. Gut genug. Ich schwang
mich aufs Pferd. Die Riemen lose schleifend, ein Pferd kaum mit dem
andern verbunden, der Wagen irrend hinterher, den Pelz als letzter im
Schnee. »Munter!« sagte ich, aber munter ging`s nicht; langsam wie alte
Männer zogen wir durch die Schneewüste; lange klang hinter uns der neue,
aber irrtümliche Gesang der Kinder:

Freuet euch, ihr Patienten,
Der Arzt ist euch ins Bett gelegt!

Niemals komme ich so nach Hause; meine blühende Praxis ist verloren; ein
Nachfolger bestiehlt mich, aber ohne Nutzen, denn er kann mich nicht
ersetzen; in meinem Hause wütet der ekle Pferdeknecht; Rosa ist sein Opfer;
ich will es nicht ausdenken. Nackt, dem Froste dieses unglückseligsten
Zeitalters ausgesetzt, mit irdischem Wagen, unirdischen Pferden, treibe ich
alter Mann mich umher. Mein Pelz hängt hinten am Wagen, ich kann ihn
aber nicht erreichen, und keiner aus dem beweglichen Gesindel der
Patienten rührt den Finger. Betrogen! Betrogen! Einmal dem Fehlläuten der
Nachtglocke gefolgt - es ist niemals gutzumachen.

Declinación: el artículo

Wednesday, March 14th, 2007
Masculino Neutro Femenino Plural

Nominativo

Acusativo

Dativo

Genitivo

Der Mann

Den Mann

Dem Mann

Des Mannes

Das Kind

Das Kind

Dem Kind

Des Kindes

Die Frau

Die Frau

Der Frau

Der Frau

die Männer/Kinder/Frauen

die Männer/Kinder/Frauen

den Männern/Kindern/Frauen

der Männer/Kinder/Frauen

Masculino Neutro Femenino Plural

Nominativo

Acusativo

Dativo

Genitivo

ein Mann

einen Mann

einem Mann

eines Mannes

ein Kind

ein Kind

einem Kind

eines Kindes

eine Frau

eine Frau

einer Frau

einer Frau

No existe:

En alemán se utilizan
otras formas para el
artículo indeterminado
Por ejemplo: ein paar


Elementos de la tabla periódica

Saturday, February 10th, 2007
Número atómico Español Alemán
1 Hidrógeno Wasserstoff
2 Helio Helium
3 Litio Lithium
4 Berilio Beryllium
5 Boro Bor
6 Carbono Kohlenlstoff
7 Nitrógeno Stickstoff
8 Oxígeno Sauerstoff
9 Flúor Fluor
10 Neón Neon
11 Sodio Natrium
12 Magnesio Magnesium
13 Aluminio Aluminium
14 Silicio Silizium
15 Fósforo Phosphor
16 Azufre Schwefel
17 Cloro Chlor
18 Argón Argon
19 Potasio Kalium
20 Calcio Kalzium
21 Escandio Skandium
22 Titanio Titan
23 Vanadio Vanadium
24 Cromo Chrom
25 Manganeso Mangan
26 Hierro Eisen
27 Cobalto Kobalt
28 Níquel Nickel
29 Cobre Kupfer
30 Zinc Zink
31 Galio Gallium
32 Germanio Germanium
33 Arsénico Arsen
34 Selenio Selen
35 Bromo Brom
36 Criptón Krypton
37 Rubidio Rubidium
38 Estroncio Strontium
39 Itrio Yttrium
40 Circonio Zirkonium
41 Niobio Niob
42 Molibdeno Molybdän
43 Tecnecio Technetium
44 Rutenio Ruthenium
45 Rodio Rhodium
46 Paladio Palladium
47 Plata Silber
48 Cadmio Kadmium
49 Indio Indium
50 Estaño Zinn
51 Antimonio Antimon
52 Teluro Tellur
53 Yodo Iod (Jod)
54 Xenón Xenon
55 Cesio Zäsium
56 Bario Barium
57 Lantano Lanthan
58 Cerio Zer
59 Prosedimio Praseodym
60 Neodimio Neodym
61 Promecio Promethium
62 Samario Samarium
63 Europio Europium
64 Gadolineo Gadolinium
65 Terbio Terbium
66 Disprosio Dysprosium
67 Holmio Holmium
68 Erbio Erbium
69 Tulio Thulium
70 Iterbio Ytterbium
71 Lutecio Lutetium
72 Hafnio Hafnium
73 Tántalo Tantal
74 Wolframio or Tungsteno Wolfram
75 Renio Rhenium
76 Osmio Osmium
77 Iridio Iridium
78 Platino Platin
79 Oro Gold
80 Mercurio Quecksilber
81 Talio Thallium
82 Plomo Blei
83 Bismuto Wismut
84 Polonio Polonium
85 Astato Astat
86 Radón Radon
87 Francio Franzium
88 Radio Radium
89 Actinio Aktinium
90 Torio Thorium
91 Protactinio Protaktinium
92 Uranio Uran
93 Neptunio Neptunium
94 Plutonio Plutonium
95 Americio Amerizium
96 Curio Kurium
97 Berkelio Berkelium
98 Californio Kalifornium
99 Einstenio Einsteinium
100 Fermio Fermium
101 Mendelevio Mendelevium
102 Nobelio Nobelium
103 Lawrencio Lawrencium
104 Ruterfordio Rutherfordium
105 Dubnio Dubnium
106 Seaborgio Seaborgium
107 Bohrio Bohrium
108 Hassio Hassium
109 Meitnerio Meitnerium

 
Fuente: Los elementos, lista multilingüe
 

Ein Hungerkünstler, Franz Kafka

Wednesday, January 24th, 2007
In den letzten Jahrzehnten ist das Interesse an Hungerkünstlern sehr
zurückgegangen. Während es sich früher gut lohnte, große derartige
Vorführungen in eigener Regie zu veranstalten, ist dies heute völlig
unmöglich. Es waren andere Zeiten. Damals beschäftigte sich die ganze
Stadt mit dem Hungerkünstler; von Hungertag zu Hungertag stieg die
Teilnahme; jeder wollte den Hungerkünstler zumindest einmal täglich
sehn; an den spätern Tagen gab es Abonnenten, welche tagelang vor dem
kleinen Gitterkäfig saßen; auch in der Nacht fanden Besichtigungen
statt, zur Erhöhung der Wirkung bei Fackelschein; an schönen Tagen wurde
der Käfig ins Freie getragen, und nun waren es besonders die Kinder,
denen der Hungerkünstler gezeigt wurde; während er für die Erwachsenen
oft nur ein Spaß war, an dem sie der Mode halber teilnahmen, sahen die
Kinder staunend, mit offenem Mund, der Sicherheit halber einander bei
der Hand haltend, zu, wie er bleich, im schwarzen Trikot, mit mächtig
vortretenden Rippen, sogar einen Sessel verschmähend, auf hingestreutem
Stroh saß, einmal höflich nickend, angestrengt lächelnd Fragen
beantwortete, auch durch das Gitter den Arm streckte, um seine Magerkeit
befühlen zu lassen, dann aber wieder ganz in sich selbst versank, um
niemanden sich kümmerte, nicht einmal um den für ihn so wichtigen Schlag
der Uhr, die das einzige Möbelstück des Käfigs war, sondern nur vor sich
hinsah mit fast geschlossenen Augen und hie und da aus einem winzigen
Gläschen Wasser nippte, um sich die Lippen zu feuchten.

Außer den wechselnden Zuschauern waren auch ständige, vom Publikum
gewählte Wächter da, merkwürdigerweise gewöhnlich Fleischhauer, welche,
immer drei gleichzeitig, die Aufgabe hatten, Tag und Nacht den
Hungerkünstler zu beobachten, damit er nicht etwa auf irgendeine
heimliche Weise doch Nahrung zu sich nehme. Es war das aber lediglich
eine Formalität, eingeführt zur Beruhigung der Massen, denn die
Eingeweihten wußten wohl, daß der Hungerkünstler während der Hungerzeit
niemals, unter keinen Umständen, selbst unter Zwang nicht, auch das
Geringste nur gegessen hätte; die Ehre seiner Kunst verbot dies.
Freilich, nicht jeder Wächter konnte das begreifen, es fanden sich
manchmal nächtliche Wachgruppen, welche die Bewachung sehr lax
durchführten, absichtlich in eine ferne Ecke sich zusammensetzten und
dort sich ins Kartenspiel vertieften, in der offenbaren Absicht, dem
Hungerkünstler eine kleine Erfrischung zu gönnen, die er ihrer Meinung
nach aus irgendwelchen geheimen Vorräten hervorholen konnte. Nichts war
dem Hungerkünstler quälender als solche Wächter; sie machten ihn
trübselig; sie machten ihm das Hungern entsetzlich schwer; manchmal
überwand er seine Schwäche und sang während dieser Wachzeit, solange er
es nur aushielt, um den Leuten zu zeigen, wie ungerecht sie ihn
verdächtigten. Doch half das wenig; sie wunderten sich dann nur über
seine Geschicklichkeit, selbst während des Singens zu essen. Viel lieber
waren ihm die Wächter, welche sich eng zum Gitter setzten, mit der
trüben Nachtbeleuchtung des Saales sich nicht begnügten, sondern ihn
mit den elektrischen Taschenlampen bestrahlten, die ihnen der Impresario
zur Verfügung stellte. Das grelle Licht störte ihn gar nicht, schlafen
konnte er ja überhaupt nicht, und ein wenig hindämmern konnte er immer,
bei jeder Beleuchtung und zu jeder Stunde, auch im übervollen, lärmenden
Saal. Er war sehr gerne bereit, mit solchen Wächtern die Nacht gänzlich
ohne Schlaf zu verbringen; er war bereit, mit ihnen zu scherzen, ihnen
Geschichten aus seinem Wanderleben zu erzählen, dann wieder ihre
Erzählungen anzuhören, alles nur um sie wachzuhalten, um ihnen immer
wieder zeigen zu können, daß er nichts Eßbares im Käfig hatte und daß er
hungerte, wie keiner von ihnen es könnte. Am glücklichsten aber war er,
wenn dann der Morgen kam, und ihnen auf seine Rechnung ein überreiches
Frühstück gebracht wurde, auf das sie sich warfen mit dem Appetit
gesunder Männer nach einer mühevoll durchwachten Nacht. Es gab zwar
sogar Leute, die in diesem Frühstück eine ungebührliche Beeinflussung
der Wächter sehen wollten, aber das ging doch zu weit, und wenn man sie
fragte, ob etwa sie nur um der Sache willen ohne Frühstück die
Nachtwache übernehmen wollten, verzogen sie sich, aber bei ihren
Verdächtigungen blieben sie dennoch.

Dieses allerdings gehörte schon zu den vom Hungern überhaupt nicht zu
trennenden Verdächtigungen. Niemand war ja imstande, alle die Tage und
Nächte beim Hungerkünstler ununterbrochen als Wächter zu verbringen,
niemand also konnte aus eigener Anschauung wissen, ob wirklich
ununterbrochen, fehlerlos gehungert worden war; nur der Hungerkünstler
selbst konnte das wissen, nur er also gleichzeitig der von seinem
Hungern vollkommen befriedigte Zuschauer sein. Er aber war wieder aus
einem andern Grunde niemals befriedigt; vielleicht war er gar nicht vom
Hungern so sehr abgemagert, daß manche zu ihrem Bedauern den
Vorführungen fernbleiben mußten, weil sie seinen Anblick nicht ertrugen,
sondern er war nur so abgemagert aus Unzufriedenheit mit sich selbst. Er
allein nämlich wußte, auch kein Eingeweihter sonst wußte das, wie leicht
das Hungern war. Es war die leichteste Sache von der Welt. Er verschwieg
es auch nicht, aber man glaubte ihm nicht, hielt ihn günstigstenfalls
für bescheiden, meist aber für reklamesüchtig oder gar für einen
Schwindler, dem das Hungern allerdings leicht war, weil er es sich
leicht zu machen verstand, und der auch noch die Stirn hatte, es halb zu
gestehn. Das alles mußte er hinnehmen, hatte sich auch im Laufe der
Jahre daran gewöhnt, aber innerlich nagte diese Unbefriedigtheit immer
an ihm, und noch niemals, nach keiner Hungerperiode — dieses Zeugnis
mußte man ihm ausstellen — hatte er freiwillig den Käfig verlassen. Als
Höchstzeit für das Hungern hatte der Impresario vierzig Tage
festgesetzt, darüber hinaus ließ er niemals hungern, auch in den
Weltstädten nicht, und zwar aus gutem Grund. Vierzig Tage etwa konnte
man erfahrungsgemäß durch allmählich sich steigernde Reklame das
Interesse einer Stadt immer mehr aufstacheln, dann aber versagte das
Publikum, eine wesentliche Abnahme des Zuspruchs war festzustellen; es
bestanden natürlich in dieser Hinsicht kleine Unterschiede zwischen den
Städten und Ländern, als Regel aber galt, daß vierzig Tage die
Höchstzeit war. Dann also am vierzigsten Tage wurde die Tür des mit
Blumen umkränzten Käfigs geöffnet, eine begeisterte Zuschauerschaft
erfüllte das Amphitheater, eine Militärkapelle spielte, zwei Ärzte
betraten den Käfig, um die nötigen Messungen am Hungerkünstler
vorzunehmen, durch ein Megaphon wurden die Resultate dem Saale
verkündet, und schließlich kamen zwei junge Damen, glücklich darüber,
daß gerade sie ausgelost worden waren, und wollten den Hungerkünstler
aus dem Käfig ein paar Stufen hinabführen, wo auf einem kleinen
Tischchen eine sorgfältig ausgewählte Krankenmahlzeit serviert war. Und
in diesem Augenblick wehrte sich der Hungerkünstler immer. Zwar legte er
noch freiwillig seine Knochenarme in die hilfsbereit ausgestreckten
Hände der zu ihm hinabgebeugten Damen, aber aufstehen wollte er nicht.
Warum gerade jetzt nach vierzig Tagen aufhören? Er hätte es noch lange,
unbeschränkt lange ausgehalten; warum gerade jetzt aufhören, wo er im
besten, ja noch nicht einmal im besten Hungern war? Warum wollte man ihn
des Ruhmes berauben, weiter zu hungern, nicht nur der größte
Hungerkünstler aller Zeiten zu werden, der er ja wahrscheinlich schon
war, aber auch noch sich selbst zu übertreffen bis ins Unbegreifliche,
denn für seine Fähigkeit zu hungern fühlte er keine Grenzen. Warum
hatte diese Menge, die ihn so sehr zu bewundern vorgab, so wenig Geduld
mit ihm; wenn er es aushielt, noch weiter zu hungern, warum wollte sie
es nicht aushalten? Auch war er müde, saß gut im Stroh und sollte sich
nun hoch und lang aufrichten und zu dem Essen gehn, das ihm schon allein
in der Vorstellung Übelkeiten verursachte, deren Äußerung er nur mit
Rücksicht auf die Damen mühselig unterdrückte. Und er blickte empor in
die Augen der scheinbar so freundlichen, in Wirklichkeit so grausamen
Damen und schüttelte den auf dem schwachen Halse überschweren Kopf. Aber
dann geschah, was immer geschah. Der Impresario kam, hob stumm — die
Musik machte das Reden unmöglich — die Arme über dem Hungerkünstler, so,
als lade er den Himmel ein, sich sein Werk hier auf dem Stroh einmal
anzusehn, diesen bedauernswerten Märtyrer, welcher der Hungerkünstler
allerdings war, nur in ganz anderem Sinn; faßte den Hungerkünstler um
die dünne Taille, wobei er durch übertriebene Vorsicht glaubhaft machen
wollte, mit einem wie gebrechlichen Ding er es hier zu tun habe; und
übergab ihn — nicht ohne ihn im geheimen ein wenig zu schütteln, so daß
der Hungerkünstler mit den Beinen und dem Oberkörper unbeherrscht hin
und her schwankte — den inzwischen totenbleich gewordenen Damen. Nun
duldete der Hungerkünstler alles; der Kopf lag auf der Brust, es war,
als sei er hingerollt und halte sich dort unerklärlich; der Leib war
ausgehöhlt; die Beine drückten sich im Selbsterhaltungstrieb fest in den
Knien aneinander, scharrten aber doch den Boden, so, als sei es nicht
der wirkliche, den wirklichen suchten sie erst; und die ganze,
allerdings sehr kleine Last des Körpers lag auf einer der Damen, welche
hilfesuchend, mit fliegendem Atem — so hatte sie sich dieses Ehrenamt
nicht vorgestellt — zuerst den Hals möglichst streckte, um wenigstens
das Gesicht vor der Berührung mit dem Hungerkünstler zu bewahren, dann
aber, da ihr dies nicht gelang und ihre glücklichere Gefährtin ihr nicht
zu Hilfe kam, sondern sich damit begnügte, zitternd die Hand des
Hungerkünstlers, dieses kleine Knochenbündel, vor sich herzutragen,
unter dem entzückten Gelächter des Saales in Weinen ausbrach und von
einem längst bereitgestellten Diener abgelöst werden mußte. Dann kam
das Essen, von dem der Impresario dem Hungerkünstler während eines
ohnmachtähnlichen Halbschlafes ein wenig einflößte, unter lustigem
Plaudern, das die Aufmerksamkeit vom Zustand des Hungerkünstlers
ablenken sollte; dann wurde noch ein Trinkspruch auf das Publikum
ausgebracht, welcher dem Impresario angeblich vom Hungerkünstler
zugeflüstert worden war; das Orchester bekräftigte alles durch einen
großen Tusch, man ging auseinander, und niemand hatte das Recht, mit dem
Gesehenen unzufrieden zu sein, niemand, nur der Hungerkünstler, immer
nur er.

So lebte er mit regelmäßigen kleinen Ruhepausen viele Jahre, in
scheinbarem Glanz, von der Welt geehrt, bei alledem aber meist in trüber
Laune, die immer noch trüber wurde dadurch, daß niemand sie ernst zu
nehmen verstand. Womit sollte man ihn auch trösten? Was blieb ihm zu
wünschen übrig? Und wenn sich einmal ein Gutmütiger fand, der ihn
bedauerte und ihm erklären wollte, daß seine Traurigkeit wahrscheinlich
von dem Hungern käme, konnte es, besonders bei vorgeschrittener
Hungerzeit, geschehn, daß der Hungerkünstler mit einem Wutausbruch
antwortete und zum Schrecken aller wie ein Tier an dem Gitter zu
rütteln begann. Doch hatte für solche Zustände der Impresario ein
Strafmittel, das er gern anwandte. Er entschuldigte den Hungerkünstler
vor versammeltem Publikum, gab zu, daß nur die durch das Hungern
hervorgerufene, für satte Menschen nicht ohne weiteres begreifliche
Reizbarkeit das Benehmen des Hungerkünstlers verzeihlich machen könne;
kam dann im Zusammenhang damit auch auf die ebenso zu erklärende
Behauptung des Hungerkünstlers zu sprechen, er könnte noch viel länger
hungern, als er hungere; lobte das hohe Streben, den guten Willen, die
große Selbstverleugnung, die gewiß auch in dieser Behauptung enthalten
seien; suchte dann aber die Behauptung einfach genug durch Vorzeigen von
Photographien, die gleichzeitig verkauft wurden, zu widerlegen, denn auf
den Bildern sah man den Hungerkünstler an einem vierzigsten Hungertag,
im Bett, fast verlöscht vor Entkräftung. Diese dem Hungerkünstler zwar
wohlbekannte, immer aber von neuem ihn entnervende Verdrehung der
Wahrheit war ihm zu viel. Was die Folge der vorzeitigen Beendigung des
Hungerns war, stellte man hier als die Ursache dar! Gegen diesen
Unverstand, gegen diese Welt des Unverstandes zu kämpfen, war unmöglich.
Noch hatte er immer wieder in gutem Glauben begierig am Gitter dem
Impresario zugehört, beim Erscheinen der Photographien aber ließ er das
Gitter jedesmal los, sank mit Seufzen ins Stroh zurück, und das
beruhigte Publikum konnte wieder herankommen und ihn besichtigen.

Wenn die Zeugen solcher Szenen ein paar Jahre später daran
zurückdachten, wurden sie sich oft selbst unverständlich. Denn
inzwischen war jener erwähnte Umschwung eingetreten; fast plötzlich war
das geschehen; es mochte tiefere Gründe haben, aber wem lag daran, sie
aufzufinden; jedenfalls sah sich eines Tages der verwöhnte
Hungerkünstler von der vergnügungssüchtigen Menge verlassen, die lieber
zu anderen Schaustellungen strömte. Noch einmal jagte der Impresario mit
ihm durch halb Europa, um zu sehn, ob sich nicht noch hie und da das
alte Interesse wiederfände; alles vergeblich; wie in einem geheimen
Einverständnis hatte sich überall geradezu eine Abneigung gegen das
Schauhungern ausgebildet. Natürlich hatte das in Wirklichkeit nicht
plötzlich so kommen können, und man erinnerte sich jetzt nachträglich an
manche zu ihrer Zeit im Rausch der Erfolge nicht genügend beachtete,
nicht genügend unterdrückte Vorboten, aber jetzt etwas dagegen zu
unternehmen, war zu spät. Zwar war es sicher, daß einmal auch für das
Hungern wieder die Zeit kommen werde, aber für die Lebenden war das kein
Trost. Was sollte nun der Hungerkünstler tun? Der, welchen Tausende
umjubelt hatten, konnte sich nicht in Schaubuden auf kleinen Jahrmärkten
zeigen, und um einen andern Beruf zu ergreifen, war der Hungerkünstler
nicht nur zu alt, sondern vor allem dem Hungern allzu fanatisch ergeben.
So verabschiedete er denn den Impresario, den Genossen einer Laufbahn
ohnegleichen, und ließ sich von einem großen Zirkus engagieren; um seine
Empfindlichkeit zu schonen, sah er die Vertragsbedingungen gar nicht an.

Ein großer Zirkus mit seiner Unzahl von einander immer wieder
ausgleichenden und ergänzenden Menschen und Tieren und Apparaten kann
jeden und zu jeder Zeit gebrauchen, auch einen Hungerkünstler, bei
entsprechend bescheidenen Ansprüchen natürlich, und außerdem war es ja
in diesem besonderen Fall nicht nur der Hungerkünstler selbst, der
engagiert wurde, sondern auch sein alter berühmter Name, ja man konnte
bei der Eigenart dieser im zunehmenden Alter nicht abnehmenden Kunst
nicht einmal sagen, daß ein ausgedienter, nicht mehr auf der Höhe seines
Könnens stehender Künstler sich in einen ruhigen Zirkusposten flüchten
wolle, im Gegenteil, der Hungerkünstler versicherte, daß er, was
durchaus glaubwürdig war, ebensogut hungere wie früher, ja er behauptete
sogar, er werde, wenn man ihm seinen Willen lasse, und dies versprach
man ihm ohne weiteres, eigentlich erst jetzt die Welt in berechtigtes
Erstaunen setzen, eine Behauptung allerdings, die mit Rücksicht auf die
Zeitstimmung, welche der Hungerkünstler im Eifer leicht vergaß, bei den
Fachleuten nur ein Lächeln hervorrief.

Im Grunde aber verlor auch der Hungerkünstler den Blick für die
wirklichen Verhältnisse nicht und nahm es als selbstverständlich hin,
daß man ihn mit seinem Käfig nicht etwa als Glanznummer mitten in die
Manege stellte, sondern draußen an einem im übrigen recht gut
zugänglichen Ort in der Nähe der Stallungen unterbrachte. Große, bunt
gemalte Aufschriften umrahmten den Käfig und verkündeten, was dort zu
sehen war. Wenn das Publikum in den Pausen der Vorstellung zu den
Ställen drängte, um die Tiere zu besichtigen, war es fast unvermeidlich,
daß es beim Hungerkünstler vorüberkam und ein wenig dort haltmachte, man
wäre vielleicht länger bei ihm geblieben, wenn nicht in dem schmalen
Gang die Nachdrängenden, welche diesen Aufenthalt auf dem Weg zu den
ersehnten Ställen nicht verstanden, eine längere ruhige Betrachtung
unmöglich gemacht hätten. Dieses war auch der Grund, warum der
Hungerkünstler vor diesen Besuchszeiten, die er als seinen Lebenszweck
natürlich herbeiwünschte, doch auch wieder zitterte. In der ersten Zeit
hatte er die Vorstellungspausen kaum erwarten können; entzückt hatte er
der sich heranwälzenden Menge entgegengesehn, bis er sich nur zu bald –
auch die hartnäckigste, fast bewußte Selbsttäuschung hielt den
Erfahrungen nicht stand — davon überzeugte, daß es zumeist der Absicht
nach, immer wieder, ausnahmslos, lauter Stallbesucher waren. Und dieser
Anblick von der Ferne blieb noch immer der schönste. Denn wenn sie bis
zu ihm herangekommen waren, umtobte ihn sofort Geschrei und Schimpfen
der ununterbrochen neu sich bildenden Parteien, jener, welche — sie
wurde dem Hungerkünstler bald die peinlichere — ihn bequem ansehen
wollte, nicht etwa aus Verständnis, sondern aus Laune und Trotz, und
jener zweiten, die zunächst nur nach den Ställen verlangte. War der
große Haufe vorüber, dann kamen die Nachzügler, und diese allerdings,
denen es nicht mehr verwehrt war, stehen zu bleiben, solange sie nur
Lust hatten, eilten mit langen Schritten, fast ohne Seitenblick,
vorüber, um rechtzeitig zu den Tieren zu kommen. Und es war kein allzu
häufiger Glücksfall, daß ein Familienvater mit seinen Kindern kam, mit
dem Finger auf den Hungerkünstler zeigte, ausführlich erklärte, um was
es sich hier handelte, von früheren Jahren erzählte, wo er bei
ähnlichen, aber unvergleichlich großartigeren Vorführungen gewesen war,
und dann die Kinder, wegen ihrer ungenügenden Vorbereitung von Schule
und Leben her, zwar immer noch verständnislos blieben — was war ihnen
Hungern? — aber doch in dem Glanz ihrer forschenden Augen etwas von
neuen, kommenden, gnädigeren Zeiten verrieten. Vielleicht, so sagte
sich der Hungerkünstler dann manchmal, würde alles doch ein wenig besser
werden, wenn sein Standort nicht gar so nahe bei den Ställen wäre. Den
Leuten wurde dadurch die Wahl zu leicht gemacht, nicht zu reden davon,
daß ihn die Ausdünstungen der Ställe, die Unruhe der Tiere in der Nacht,
das Vorübertragen der rohen Fleischstücke für die Raubtiere, die Schreie
bei der Fütterung sehr verletzten und dauernd bedrückten. Aber bei der
Direktion vorstellig zu werden, wagte er nicht; immerhin verdankte er ja
den Tieren die Menge der Besucher, unter denen sich hie und da auch ein
für ihn Bestimmter finden konnte, und wer wußte, wohin man ihn
verstecken würde, wenn er an seine Existenz erinnern wollte und damit
auch daran, daß er, genau genommen, nur ein Hindernis auf dem Weg zu den
Ställen war.

Ein kleines Hindernis allerdings, ein immer kleiner werdendes Hindernis.
Man gewöhnte sich an die Sonderbarkeit, in den heutigen Zeiten
Aufmerksamkeit für einen Hungerkünstler beanspruchen zu wollen, und mit
dieser Gewöhnung war das Urteil über ihn gesprochen. Er mochte so gut
hungern, als er nur konnte, und er tat es, aber nichts konnte ihn mehr
retten, man ging an ihm vorüber. Versuche, jemandem die Hungerkunst zu
erklären! Wer es nicht fühlt, dem kann man es nicht begreiflich machen.
Die schönen Aufschriften wurden schmutzig und unleserlich, man riß sie
herunter, niemandem fiel es ein, sie zu ersetzen; das Täfelchen mit der
Ziffer der abgeleisteten Hungertage, das in der ersten Zeit sorgfältig
täglich erneut worden war, blieb schon längst immer das gleiche, denn
nach den ersten Wochen war das Personal selbst dieser kleinen Arbeit
überdrüssig geworden; und so hungerte zwar der Hungerkünstler weiter,
wie er es früher einmal erträumt hatte, und es gelang ihm ohne Mühe ganz
so, wie er es damals vorausgesagt hatte, aber niemand zählte die Tage,
niemand, nicht einmal der Hungerkünstler selbst wußte, wie groß die
Leistung schon war, und sein Herz wurde schwer. Und wenn einmal in der
Zeit ein Müßiggänger stehen blieb, sich über die alte Ziffer lustig
machte und von Schwindel sprach, so war das in diesem Sinn die dümmste
Lüge, welche Gleichgültigkeit und eingeborene Bösartigkeit erfinden
konnte, denn nicht der Hungerkünstler betrog, er arbeitete ehrlich,
aber die Welt betrog ihn um seinen Lohn.

Doch vergingen wieder viele Tage, und auch das nahm ein Ende. Einmal
fiel einem Aufseher der Käfig auf, und er fragte die Diener, warum man
hier diesen gut brauchbaren Käfig mit dem verfaulten Stroh drinnen
unbenützt stehen lasse; niemand wußte es, bis sich einer mit Hilfe der
Ziffertafel an den Hungerkünstler erinnerte. Man rührte mit Stangen das
Stroh auf und fand den Hungerkünstler darin. »Du hungerst noch immer?«
fragte der Aufseher, »wann wirst du denn endlich aufhören?« »Verzeiht
mir alle«, flüsterte der Hungerkünstler; nur der Aufseher, der das Ohr
ans Gitter hielt, verstand ihn. »Gewiß,« sagte der Aufseher und legte
den Finger an die Stirn, um damit den Zustand des Hungerkünstlers dem
Personal anzudeuten, »wir verzeihen dir.« »Immerfort wollte ich, daß ihr
mein Hungern bewundert«, sagte der Hungerkünstler. »Wir bewundern es
auch«, sagte der Aufseher entgegenkommend. »Ihr sollt es aber nicht
bewundern«, sagte der Hungerkünstler. »Nun, dann bewundern wir es also
nicht,« sagte der Aufseher, »warum sollen wir es denn nicht bewundern?«
»Weil ich hungern muß, ich kann nicht anders«, sagte der Hungerkünstler.
»Da sieh mal einer,« sagte der Aufseher, »warum kannst du denn nicht
anders?« »Weil ich,« sagte der Hungerkünstler, hob das Köpfchen ein
wenig und sprach mit wie zum Kuß gespitzten Lippen gerade in das Ohr des
Aufsehers hinein, damit nichts verloren ginge, »weil ich nicht die
Speise finden konnte, die mir schmeckt. Hätte ich sie gefunden, glaube
mir, ich hätte kein Aufsehen gemacht und mich vollgegessen wie du und
alle.« Das waren die letzten Worte, aber noch in seinen gebrochenen
Augen war die feste, wenn auch nicht mehr stolze Überzeugung, daß er
weiterhungre.

»Nun macht aber Ordnung!« sagte der Aufseher, und man begrub den
Hungerkünstler samt dem Stroh. In den Käfig aber gab man einen jungen
Panther. Es war eine selbst dem stumpfsten Sinn fühlbare Erholung, in
dem so lange öden Käfig dieses wilde Tier sich herumwerfen zu sehn. Ihm
fehlte nichts. Die Nahrung, die ihm schmeckte, brachten ihm ohne langes
Nachdenken die Wächter; nicht einmal die Freiheit schien er zu
vermissen; dieser edle, mit allem Nötigen bis knapp zum Zerreißen
ausgestattete Körper schien auch die Freiheit mit sich herumzutragen;
irgendwo im Gebiß schien sie zu stecken; und die Freude am Leben kam mit
derart starker Glut aus seinem Rachen, daß es für die Zuschauer nicht
leicht war, ihr standzuhalten. Aber sie überwanden sich, umdrängten den
Käfig und wollten sich gar nicht fortrühren.

Max und Moritz, Wilhelm Busch

Wednesday, January 17th, 2007

Eine Bubengeschichte in sieben Streichen

Max und Moritz machten beide,
Als sie lebten, keinem Freude:
Bildlich siehst du jetzt die Possen,
Die in Wirklichkeit verdrossen,
Mit behaglichem Gekicher,
Weil Du selbst vor ihnen sicher.
Aber das bedenke stets:
Wie man’s treibt, mein Kind, so geht’s.

Vorwort

Ach, was muß man oft von bösen
Kindern hören oder lesen!
Wie zum Beispiel hier von diesen,
Welche Max und Moritz hießen;
Die, anstatt durch weise Lehren
Sich zum Guten zu bekehren,
Oftmals noch darüber lachten
Und sich heimlich lustig machten.
ja, zur Übeltätigkeit,
Ja, dazu ist man bereit!
Menschen necken, Tiere quälen,
Äpfel, Birnen, Zwetschgen stehlen,
Das ist freilich angenehmer
Und dazu auch viel bequemer,
Als in Kirche oder Schule
Festzusitzen auf dem Stuhle.
Aber wehe, wehe, wehe!
Wenn ich, auf das Ende sehe!!
Ach, das war ein schlimmes Ding,
Wie es Max und Moritz ging!
Drum ist hier, was sie getrieben,
Abgemalt und aufgeschrieben.

ERSTER STREICH

Mancher gibt sich viele Müh’
Mit dem lieben Federvieh;
Einesteils der Eier wegen,
Welche diese Vögel legen;
Zweitens: Weil man dann und wann
Einen Braten essen kann;
Drittens aber nimmt man auch
Ihre Federn zum Gebrauch
In die Kissen und die Pfühle,
Denn man liegt nicht gerne kühle.
Seht, da ist die Witwe Bolte,
Die das auch nicht gerne wollte.
Ihrer Hühner waren drei
Und ein stolzer Hahn dabei.
Max und Moritz dachten nun:
Was ist hier jetzt wohl zu tun?
Ganz geschwinde, eins, zwei, drei,
Schneiden sie sich Brot entzwei,
In vier Teile, jedes Stück
Wie ein kleiner Finger dick.
Diese binden sie an Fäden,
Übers Kreuz, ein Stück an jeden,
Und verlegen sie, genau
In den Hof der guten Frau.
Kaum hat dies der Hahn gesehen,
Fängt er auch schon an zu krähen:
Kikeriki! Kikikerikih!! -
Tak, tak, tak! - Da kommen sie.
Hahn und Hühner schlucken munter
Jedes ein Stück Brot hinunter;
Aber als sie sich besinnen,
Konnte keines recht von hinnen.
In die Kreuz und in die Quer
Reißen sie sich hin und her,
Flattern auf und in die Höh’,
Ach herrje, herrjemine!
Ach, sie bleiben an dem langen,
Dürren Ast des Baumes hangen.
Und ihr Hals wird lang und länger,
Ihr Gesang wird bang und bänger.
Jedes legt noch schnell ein Ei,
Und dann kommt der Tod herbei.
Witwe Bolte in der Kammer
Hört im Bette diesen Jammer;
Ahnungsvoll tritt sie heraus,
Ach, was war das für ein Graus!
“Fließet aus dem Aug’, ihr Tränen!
All mein Hoffen, all mein Sehnen,
Meines Lebens schönster Traum
Hängt an diesem Apfelbaum!”
Tiefbetrübt und sorgenschwer
Kriegt sie jetzt das Messer her,
Nimmt die Toten von den Strängen,
Daß sie so nicht länger hängen,
Und mit stummem Trauerblick
Kehrt sie in ihr Haus zurück.
Dieses war der erste Streich,
Doch der zweite folgt sogleich.

ZWEITER STREICH

Als die gute Witwe Bolte
Sich von ihrem Schmerz erholte,
Dachte sie so hin und her,
Daß es wohl das beste wär’,
Die Verstorbnen, die hienieden
Schon so frühe abgeschieden,
Ganz im stillen und in Ehren
Gut gebraten zu verzehren.
Freilich war die Trauer groß,
Als sie nun so nackt und bloß
Abgerupft am Herde lagen,
Sie, die einst in schönen Tagen
Bald im Hofe, bald im Garten
Lebensfroh im Sande scharrten. -
Ach, Frau Bolte weint auf’s neu,
Und der Spitz steht auch dabei.
Max und Moritz rochen dieses.
“Schnell aufs Dach gekrochen!” hieß es.
Durch den Schornstein mit Vergnügen
Sehen sie die Hühner liegen,
Die schon ohne Kopf und Gurgeln
Lieblich in der Pfanne schmurgeln.
Eben geht mit einem Teller
Witwe Bolte in den Keller,
Daß sie von dem Sauerkohle
Eine Portion sich hole,
Wofür sie besonders schwärmt,
Wenn er wieder aufgewärmt.
Unterdessen auf dem Dache
Ist man tätig bei der Sache.
Max hat schon mit Vorbedacht
Eine Angel mitgebracht.

Schnupdiwup! Da wird nach oben
Schon ein Huhn heraufgehoben.
Schnupdiwup! Jetzt Numro zwei;
Schnupdiwup! Jetzt Numro drei;
Und jetzt kommt noch Numro vier:
Schnupdiwup! Dich haben wir!

Zwar der Spitz sah es genau,
Und er bellt: Rawau! Rawau!
Aber schon sind sie ganz munter
Fort und von dem Dach herunter.

Na! Das wird Spektakel geben,
Denn Frau Bolte kommt soeben;
Angewurzelt stand sie da,
Als sie nach der Pfanne sah.
Alle Hühner waren fort. -
“Spitz!!” - Das war ihr erstes Wort.
“O du Spitz, du Ungetüm!
Aber wart! Ich komme ihm!”
Mit dem Löffel groß und schwer
geht es über Spitzen her;
Laut ertönt sein Wehgeschrei
Denn er fühlt sich schuldenfrei.

Max und Moritz im Verstecke
Schnarchen aber an der Hecke
Und vom ganzen Hühnerschmaus
Guckt nur noch ein Bein heraus.
Dieses war der zweite Streich,
Doch der dritte folgt sogleich.

DRITTER STREICH

Jedermann im Dorfe kannte
Einen, der sich Böck benannte.
Alltagsröcke, Sonntagsröcke,
Lange Hosen, spitze Fräcke,
Westen mit bequemen Taschen,
Warme Mäntel und Gamaschen,
Alle diese Kleidungssachen
Wußte Schneider Bock zu machen.
Oder wäre was zu flicken,
Abzuschneiden, anzustücken,
Oder gar ein Knopf der Hose
Abgerissen oder lose,
Wie und wo und was es sei,
Hinten, vorne, einerlei,
Alles macht der Meister Böck,
Denn das ist sein Lebenszweck.
Drum so hat in der Gemeinde
Jedermann ihn gern zum Freunde.
Aber Max und Moritz dachten,
Wie sie ihn verdrießlich machten.
Nämlich vor des Meisters Hause
Floß ein Wasser mit Gebrause.
Übers Wasser führt ein Steg,
Und darüber geht der Weg.
Max und Moritz, gar nicht träge,
Sägen heimlich mit der Säge,
Ritzeratze! voller Tücke,
In die Brücke eine, Lücke.
Als nun diese Tat vorbei,
Hört man plötzlich ein Geschrei:
“He, heraus! Du Ziegen-Böck!
Schneider, Schneider, meck, meck, meck!”
Alles konnte Böck ertragen,
Ohne nur ein Wort zu sagen;
Aber wenn er dies erfuhr,
Ging’s ihm wider die Natur.
Schnelle springt er mit der Elle
Über seines Hauses Schwelle,
Denn schon wieder ihm zum Schreck
Tönt ein lautes: “Meck, meck, meck!”
Und schon ist er auf der Brücke,
Kracks! Die Brücke bricht in Stücke;
Wieder tönt es: “Meck, meck, meck!”
Plumps! Da ist der Schneider weg!
Grad als dieses vorgekommen,
Kommt ein Gänsepaar geschwommen,
Welches Böck in Todeshast
Krampfhaft bei den Beinen faßt.
Beide Gänse in der Hand,
Flattert er auf trocknes Land.
Übrigens bei alledem
Ist so etwas nicht bequem;
Wie denn Böck von der Geschichte
Auch das Magendrücken kriegte.
Hoch ist hier Frau Böck zu preisen!
Denn ein heißes Bügeleisen,
Auf den kalten Leib gebracht,
Hat es wiedergutgemacht.
Bald im Dorf hinauf, hinunter,
Hieß es: “Böck ist wieder munter!”
Dieses war der dritte Streich,
Doch der vierte folgt sogleich.

VIERTER STREICH

Also lautet ein Beschluß,
Daß der Mensch was lernen muß.
Nicht allein das Abc
Bringt den Menschen in die Höh’;
Nicht allein in Schreiben, Lesen
Übt sich ein vernünftig Wesen;
Nicht allein in Rechnungssachen
Soll der Mensch sich Mühe machen,
Sondern auch der Weisheit Lehren
Muß man mit Vergnügen hören.
Daß dies mit Verstand geschah,
War Herr Lehrer Lämpel da.

Max und Moritz, diese beiden,
Mochten ihn darum nicht leiden;
Denn wer böse Streiche macht,
Gibt nicht auf den Lehrer acht.
Nun war dieser brave Lehrer
Von dem Tobak ein Verehrer,
Was man ohne alle Frage
Nach des Tages Müh und Plage
Einem guten, alten Mann
Auch von Herzen gönnen kann.

Max und Moritz, unverdrossen,
Sinnen aber schon auf Possen,
Ob vermittelst seiner Pfeifen
Dieser Mann nicht anzugreifen.
Einstens, als es Sonntag wieder
Und Herr Lämpel, brav und bieder,
In der Kirche mit Gefühle
Saß vor seinem Orgelspiele,
Schlichen sich die bösen Buben
In sein Haus und seine Stuben
Wo die Meerschaumpfeife stand;
Max hält sie in seiner Hand;
Aber Moritz aus der Tasche
Zieht die Flintenpulverflasche,
Und geschwinde, stopf, stopf, stopf!
Pulver in den Pfeifenkopf. -
Jetzt nur still und schnell nach Haus,
Denn schon ist die Kirche aus. -
Eben schließt in sanfter Ruh
Lämpel seine Kirche zu;
Und mit Buch und Notenheften
Nach besorgten Amtsgeschäften
Lenkt er freudig seine Schritte
Zu der heimatlichen Hütte,
Und voll Dankbarkeit sodann
Zündet er sein Pfeifchen an.
“Ach!” - spricht er - “Die größte Freud
Ist doch die Zufriedenheit!!”
Rums!! - Da geht die Pfeife los
Mit Getöse, schrecklich groß.
Kaffeetopf und Wasserglas,
Tobaksdose, Tintenfaß,
Ofen, Tisch und Sorgensitz -
Alles fliegt im Pulverblitz. -
Als der Dampf sich nun erhob,
Sieht man Lämpel, der gottlob
Lebend auf dem Rücken liegt;
Doch er hat was abgekriegt.
Nase, Hand, Gesicht und Ohren
Sind so schwarz als wie die Mohren,
Und des Haares letzter Schopf
Ist verbrannt bis auf den Kopf.
Wer soll nun die Kinder lehren
Und die Wissenschaft vermehren?
Wer soll nun für Lämpel leiten
Seine Amtestätigkeiten?
Woraus soll der Lehrer rauchen,
Wenn die Pfeife nicht zu brauchen?
Mit der Zeit wird alles heil,
Nur die Pfeife hat ihr Teil.
Dieses war der vierte Streich,
Doch der fünfte folgt sogleich.

FÜNFTER STREICH

Wer in Dorfe oder Stadt
Einen Onkel wohnen hat,
Der sei höflich und bescheiden,
Denn das mag der Onkel leiden.
Morgens sagt man: “Guten Morgen!
Haben Sie was zu besorgen?”
Bringt ihm, was er haben muß:
Zeitung, Pfeife, Fidibus.
Oder sollt’ es wo im Rücken
Drücken, beißen oder zwicken,
Gleich ist man mit Freudigkeit
Dienstbeflissen und bereit.
Oder sei’s nach einer Prise,
Daß der Onkel heftig niese,
Ruft man:”Prosit!” alsogleich.
“Danke!” - “Wohl bekomm’ es Euch!”
Oder kommt er spät nach Haus,
Zieht man ihm die Stiefel aus,
Holt Pantoffel, Schlafrock, Mütze,
Daß er nicht im Kalten sitze -
Kurz, man ist darauf ‘bedacht,
Was dem Onkel Freude macht.

Max und Moritz ihrerseits
Fanden darin keinen Reiz.
Denkt euch nur, welch schlechten Witz
Machten sie mit Onkel Fritz!
jeder weiß, was so ein Mai=
Käfer für ein Vogel sei.
In den Bäumen hin und her
Fliegt und kriecht und krabbelt er.
Max und Moritz, immer munter,
Schütteln sie vom Baum herunter.
In die Tüte von Papiere
Sperren sie die Krabbeltiere.
Fort damit und in die Ecke
Unter Onkel Fritzens Decke!
Bald zu Bett geht Onkel Fritze
In der spitzen Zippelmütze;
Seine Augen macht er zu,
Hüllt sich ein und schläft in Ruh.
Doch die Käfer, kratze, kratze!
Kommen schnell aus der Matratze.
Schon faßt einer, der voran,
Onkel Fritzens Nase an.
“Bau!” - schreit er - “Was ist das hier?!!”
Und erfaßt das Ungetier.
Und den Onkel, voller Grausen,
Sieht man aus dem Bette sausen.
“Autsch!!” - Schon wieder hat er einen
Im Genicke, an den Beinen;
Hin und her und rundherum
Kriecht es, fliegt es mit Gebrumm.
Onkel Fritz, in dieser Not,
Haut und trampelt alles tot
Guckste wohl! Jetzt ist’s vorbei
Mit der Käferkrabbelei!

Onkel Fritz hat wieder Ruh
Und macht seine Augen zu.
Dieses war der fünfte Streich,
Doch der sechste folgt sogleich.

SECHSTER STREICH

In der schönen Osterzeit,
Wenn die frommen Bäckersleut’
‘Viele süße Zuckersachen
Backen und zurechte machen,
Wünschten Max und Moritz auch
Sich so etwas zum Gebrauch.
Doch der Bäcker, mit Bedacht,
Hat das Backhaus zugemacht.
Also will hier einer stehlen,
Muß er durch den Schlot sich quälen.
Ratsch! Da kommen die zwei Knaben
Durch den Schornstein, schwarz wie Raben.
Puff! Sie fallen in die Kist’,
Wo das Mehl darinnen ist.
Da! Nun sind sie alle beide
Rundherum so weiß wie Kreide.
Aber schon mit viel Vergnügen
Sehen sie die Brezeln liegen.
Knacks!! - Da bricht der Stuhl entzwei;
Schwapp!! - Da liegen sie im Brei.
Ganz von Kuchenteig umhüllt
Stehn sie da als Jammerbild.
Gleich erscheint der Meister Bäcker
Und bemerkt die Zuckerlecker.
Eins, zwei, drei! - Eh’ man’s gedacht,
Sind zwei Brote draus gemacht.
In dem Ofen glüht es noch -
Ruff!! - damit ins Ofenloch!
Ruff!! - man zieht sie aus der Glut;
Denn nun sind sie braun und gut.
Jeder denkt, die sind perdü!
Aber nein! - Noch leben sie!
Knusper, knasper! - wie zwei Mäuse
Fressen sie durch das Gehäuse;
Und der Meister Bäcker schrie:
“Ach herrje! Da laufen sie!”
Dieses war der sechste Streich,
Doch der letzte folgt sogleich.

LETZTER STREICH

Max und Moritz, wehe euch!
jetzt kommt euer letzter Streich!

Wozu müssen auch die beiden
Löcher in die Säcke schneiden??
Seht, da trägt der Bauer Mecke
Einen seiner Maltersäcke.
Aber kaum daß er von hinnen,
Fängt das Korn schon an zu rinnen.
Und verwundert steht und spricht er:
“Zapperment! Dat Ding werd lichter!”
Hei! Da sieht er voller Freude
Max und Moritz im Getreide.
Rabs!! - in seinen großen Sack
Schaufelt er das Lumpenpack.
Max und Moritz wird es schwüle,
Denn nun geht es nach der Mühle.
“Meister Müller, he, heran!
Mahl er das, so schnell er kann!”
“Her damit!” Und in den Trichter
Schüttet er die Bösewichter.
Rickeracke! Rickeracke!
Geht die Mühle ‘mit Geknacke.

Hier kann man sie noch erblicken,
Fein geschroten und in Stücken.
Doch sogleich verzehret sie
Meister Müllers Federvieh.

SCHLUSS

Als man dies im Dorf erführ,
War von Trauer keine Spur.
Witwe Bolte, mild und weich,
Sprach: “Sieh da, ich dacht,es gleich!”
“Jajaja!” rief Meister Böck
“Bosheit ist kein Lebenszweck!”
Drauf so sprach Herr Lehrer Lämpel:
“Dies ist wieder ein Exempel!”
“Freilich”, meint’ der Zuckerbäcker,
“Warum ist der Mensch so lecker!”
Selbst der gute Onkel Fritze
Sprach: “Das kommt von dumme Witze!”
Doch der brave Bauersmann
Dachte: Wat geiht meck dat an!
Kurz, im ganzen Ort herum
Ging ein freudiges Gebrumm:
“Gott sei Dank! Nun ist’s vorbei
Mit der Übeltäterei!”