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Ein Hungerkünstler, Franz Kafka

Wednesday, January 24th, 2007
In den letzten Jahrzehnten ist das Interesse an Hungerkünstlern sehr
zurückgegangen. Während es sich früher gut lohnte, große derartige
Vorführungen in eigener Regie zu veranstalten, ist dies heute völlig
unmöglich. Es waren andere Zeiten. Damals beschäftigte sich die ganze
Stadt mit dem Hungerkünstler; von Hungertag zu Hungertag stieg die
Teilnahme; jeder wollte den Hungerkünstler zumindest einmal täglich
sehn; an den spätern Tagen gab es Abonnenten, welche tagelang vor dem
kleinen Gitterkäfig saßen; auch in der Nacht fanden Besichtigungen
statt, zur Erhöhung der Wirkung bei Fackelschein; an schönen Tagen wurde
der Käfig ins Freie getragen, und nun waren es besonders die Kinder,
denen der Hungerkünstler gezeigt wurde; während er für die Erwachsenen
oft nur ein Spaß war, an dem sie der Mode halber teilnahmen, sahen die
Kinder staunend, mit offenem Mund, der Sicherheit halber einander bei
der Hand haltend, zu, wie er bleich, im schwarzen Trikot, mit mächtig
vortretenden Rippen, sogar einen Sessel verschmähend, auf hingestreutem
Stroh saß, einmal höflich nickend, angestrengt lächelnd Fragen
beantwortete, auch durch das Gitter den Arm streckte, um seine Magerkeit
befühlen zu lassen, dann aber wieder ganz in sich selbst versank, um
niemanden sich kümmerte, nicht einmal um den für ihn so wichtigen Schlag
der Uhr, die das einzige Möbelstück des Käfigs war, sondern nur vor sich
hinsah mit fast geschlossenen Augen und hie und da aus einem winzigen
Gläschen Wasser nippte, um sich die Lippen zu feuchten.

Außer den wechselnden Zuschauern waren auch ständige, vom Publikum
gewählte Wächter da, merkwürdigerweise gewöhnlich Fleischhauer, welche,
immer drei gleichzeitig, die Aufgabe hatten, Tag und Nacht den
Hungerkünstler zu beobachten, damit er nicht etwa auf irgendeine
heimliche Weise doch Nahrung zu sich nehme. Es war das aber lediglich
eine Formalität, eingeführt zur Beruhigung der Massen, denn die
Eingeweihten wußten wohl, daß der Hungerkünstler während der Hungerzeit
niemals, unter keinen Umständen, selbst unter Zwang nicht, auch das
Geringste nur gegessen hätte; die Ehre seiner Kunst verbot dies.
Freilich, nicht jeder Wächter konnte das begreifen, es fanden sich
manchmal nächtliche Wachgruppen, welche die Bewachung sehr lax
durchführten, absichtlich in eine ferne Ecke sich zusammensetzten und
dort sich ins Kartenspiel vertieften, in der offenbaren Absicht, dem
Hungerkünstler eine kleine Erfrischung zu gönnen, die er ihrer Meinung
nach aus irgendwelchen geheimen Vorräten hervorholen konnte. Nichts war
dem Hungerkünstler quälender als solche Wächter; sie machten ihn
trübselig; sie machten ihm das Hungern entsetzlich schwer; manchmal
überwand er seine Schwäche und sang während dieser Wachzeit, solange er
es nur aushielt, um den Leuten zu zeigen, wie ungerecht sie ihn
verdächtigten. Doch half das wenig; sie wunderten sich dann nur über
seine Geschicklichkeit, selbst während des Singens zu essen. Viel lieber
waren ihm die Wächter, welche sich eng zum Gitter setzten, mit der
trüben Nachtbeleuchtung des Saales sich nicht begnügten, sondern ihn
mit den elektrischen Taschenlampen bestrahlten, die ihnen der Impresario
zur Verfügung stellte. Das grelle Licht störte ihn gar nicht, schlafen
konnte er ja überhaupt nicht, und ein wenig hindämmern konnte er immer,
bei jeder Beleuchtung und zu jeder Stunde, auch im übervollen, lärmenden
Saal. Er war sehr gerne bereit, mit solchen Wächtern die Nacht gänzlich
ohne Schlaf zu verbringen; er war bereit, mit ihnen zu scherzen, ihnen
Geschichten aus seinem Wanderleben zu erzählen, dann wieder ihre
Erzählungen anzuhören, alles nur um sie wachzuhalten, um ihnen immer
wieder zeigen zu können, daß er nichts Eßbares im Käfig hatte und daß er
hungerte, wie keiner von ihnen es könnte. Am glücklichsten aber war er,
wenn dann der Morgen kam, und ihnen auf seine Rechnung ein überreiches
Frühstück gebracht wurde, auf das sie sich warfen mit dem Appetit
gesunder Männer nach einer mühevoll durchwachten Nacht. Es gab zwar
sogar Leute, die in diesem Frühstück eine ungebührliche Beeinflussung
der Wächter sehen wollten, aber das ging doch zu weit, und wenn man sie
fragte, ob etwa sie nur um der Sache willen ohne Frühstück die
Nachtwache übernehmen wollten, verzogen sie sich, aber bei ihren
Verdächtigungen blieben sie dennoch.

Dieses allerdings gehörte schon zu den vom Hungern überhaupt nicht zu
trennenden Verdächtigungen. Niemand war ja imstande, alle die Tage und
Nächte beim Hungerkünstler ununterbrochen als Wächter zu verbringen,
niemand also konnte aus eigener Anschauung wissen, ob wirklich
ununterbrochen, fehlerlos gehungert worden war; nur der Hungerkünstler
selbst konnte das wissen, nur er also gleichzeitig der von seinem
Hungern vollkommen befriedigte Zuschauer sein. Er aber war wieder aus
einem andern Grunde niemals befriedigt; vielleicht war er gar nicht vom
Hungern so sehr abgemagert, daß manche zu ihrem Bedauern den
Vorführungen fernbleiben mußten, weil sie seinen Anblick nicht ertrugen,
sondern er war nur so abgemagert aus Unzufriedenheit mit sich selbst. Er
allein nämlich wußte, auch kein Eingeweihter sonst wußte das, wie leicht
das Hungern war. Es war die leichteste Sache von der Welt. Er verschwieg
es auch nicht, aber man glaubte ihm nicht, hielt ihn günstigstenfalls
für bescheiden, meist aber für reklamesüchtig oder gar für einen
Schwindler, dem das Hungern allerdings leicht war, weil er es sich
leicht zu machen verstand, und der auch noch die Stirn hatte, es halb zu
gestehn. Das alles mußte er hinnehmen, hatte sich auch im Laufe der
Jahre daran gewöhnt, aber innerlich nagte diese Unbefriedigtheit immer
an ihm, und noch niemals, nach keiner Hungerperiode — dieses Zeugnis
mußte man ihm ausstellen — hatte er freiwillig den Käfig verlassen. Als
Höchstzeit für das Hungern hatte der Impresario vierzig Tage
festgesetzt, darüber hinaus ließ er niemals hungern, auch in den
Weltstädten nicht, und zwar aus gutem Grund. Vierzig Tage etwa konnte
man erfahrungsgemäß durch allmählich sich steigernde Reklame das
Interesse einer Stadt immer mehr aufstacheln, dann aber versagte das
Publikum, eine wesentliche Abnahme des Zuspruchs war festzustellen; es
bestanden natürlich in dieser Hinsicht kleine Unterschiede zwischen den
Städten und Ländern, als Regel aber galt, daß vierzig Tage die
Höchstzeit war. Dann also am vierzigsten Tage wurde die Tür des mit
Blumen umkränzten Käfigs geöffnet, eine begeisterte Zuschauerschaft
erfüllte das Amphitheater, eine Militärkapelle spielte, zwei Ärzte
betraten den Käfig, um die nötigen Messungen am Hungerkünstler
vorzunehmen, durch ein Megaphon wurden die Resultate dem Saale
verkündet, und schließlich kamen zwei junge Damen, glücklich darüber,
daß gerade sie ausgelost worden waren, und wollten den Hungerkünstler
aus dem Käfig ein paar Stufen hinabführen, wo auf einem kleinen
Tischchen eine sorgfältig ausgewählte Krankenmahlzeit serviert war. Und
in diesem Augenblick wehrte sich der Hungerkünstler immer. Zwar legte er
noch freiwillig seine Knochenarme in die hilfsbereit ausgestreckten
Hände der zu ihm hinabgebeugten Damen, aber aufstehen wollte er nicht.
Warum gerade jetzt nach vierzig Tagen aufhören? Er hätte es noch lange,
unbeschränkt lange ausgehalten; warum gerade jetzt aufhören, wo er im
besten, ja noch nicht einmal im besten Hungern war? Warum wollte man ihn
des Ruhmes berauben, weiter zu hungern, nicht nur der größte
Hungerkünstler aller Zeiten zu werden, der er ja wahrscheinlich schon
war, aber auch noch sich selbst zu übertreffen bis ins Unbegreifliche,
denn für seine Fähigkeit zu hungern fühlte er keine Grenzen. Warum
hatte diese Menge, die ihn so sehr zu bewundern vorgab, so wenig Geduld
mit ihm; wenn er es aushielt, noch weiter zu hungern, warum wollte sie
es nicht aushalten? Auch war er müde, saß gut im Stroh und sollte sich
nun hoch und lang aufrichten und zu dem Essen gehn, das ihm schon allein
in der Vorstellung Übelkeiten verursachte, deren Äußerung er nur mit
Rücksicht auf die Damen mühselig unterdrückte. Und er blickte empor in
die Augen der scheinbar so freundlichen, in Wirklichkeit so grausamen
Damen und schüttelte den auf dem schwachen Halse überschweren Kopf. Aber
dann geschah, was immer geschah. Der Impresario kam, hob stumm — die
Musik machte das Reden unmöglich — die Arme über dem Hungerkünstler, so,
als lade er den Himmel ein, sich sein Werk hier auf dem Stroh einmal
anzusehn, diesen bedauernswerten Märtyrer, welcher der Hungerkünstler
allerdings war, nur in ganz anderem Sinn; faßte den Hungerkünstler um
die dünne Taille, wobei er durch übertriebene Vorsicht glaubhaft machen
wollte, mit einem wie gebrechlichen Ding er es hier zu tun habe; und
übergab ihn — nicht ohne ihn im geheimen ein wenig zu schütteln, so daß
der Hungerkünstler mit den Beinen und dem Oberkörper unbeherrscht hin
und her schwankte — den inzwischen totenbleich gewordenen Damen. Nun
duldete der Hungerkünstler alles; der Kopf lag auf der Brust, es war,
als sei er hingerollt und halte sich dort unerklärlich; der Leib war
ausgehöhlt; die Beine drückten sich im Selbsterhaltungstrieb fest in den
Knien aneinander, scharrten aber doch den Boden, so, als sei es nicht
der wirkliche, den wirklichen suchten sie erst; und die ganze,
allerdings sehr kleine Last des Körpers lag auf einer der Damen, welche
hilfesuchend, mit fliegendem Atem — so hatte sie sich dieses Ehrenamt
nicht vorgestellt — zuerst den Hals möglichst streckte, um wenigstens
das Gesicht vor der Berührung mit dem Hungerkünstler zu bewahren, dann
aber, da ihr dies nicht gelang und ihre glücklichere Gefährtin ihr nicht
zu Hilfe kam, sondern sich damit begnügte, zitternd die Hand des
Hungerkünstlers, dieses kleine Knochenbündel, vor sich herzutragen,
unter dem entzückten Gelächter des Saales in Weinen ausbrach und von
einem längst bereitgestellten Diener abgelöst werden mußte. Dann kam
das Essen, von dem der Impresario dem Hungerkünstler während eines
ohnmachtähnlichen Halbschlafes ein wenig einflößte, unter lustigem
Plaudern, das die Aufmerksamkeit vom Zustand des Hungerkünstlers
ablenken sollte; dann wurde noch ein Trinkspruch auf das Publikum
ausgebracht, welcher dem Impresario angeblich vom Hungerkünstler
zugeflüstert worden war; das Orchester bekräftigte alles durch einen
großen Tusch, man ging auseinander, und niemand hatte das Recht, mit dem
Gesehenen unzufrieden zu sein, niemand, nur der Hungerkünstler, immer
nur er.

So lebte er mit regelmäßigen kleinen Ruhepausen viele Jahre, in
scheinbarem Glanz, von der Welt geehrt, bei alledem aber meist in trüber
Laune, die immer noch trüber wurde dadurch, daß niemand sie ernst zu
nehmen verstand. Womit sollte man ihn auch trösten? Was blieb ihm zu
wünschen übrig? Und wenn sich einmal ein Gutmütiger fand, der ihn
bedauerte und ihm erklären wollte, daß seine Traurigkeit wahrscheinlich
von dem Hungern käme, konnte es, besonders bei vorgeschrittener
Hungerzeit, geschehn, daß der Hungerkünstler mit einem Wutausbruch
antwortete und zum Schrecken aller wie ein Tier an dem Gitter zu
rütteln begann. Doch hatte für solche Zustände der Impresario ein
Strafmittel, das er gern anwandte. Er entschuldigte den Hungerkünstler
vor versammeltem Publikum, gab zu, daß nur die durch das Hungern
hervorgerufene, für satte Menschen nicht ohne weiteres begreifliche
Reizbarkeit das Benehmen des Hungerkünstlers verzeihlich machen könne;
kam dann im Zusammenhang damit auch auf die ebenso zu erklärende
Behauptung des Hungerkünstlers zu sprechen, er könnte noch viel länger
hungern, als er hungere; lobte das hohe Streben, den guten Willen, die
große Selbstverleugnung, die gewiß auch in dieser Behauptung enthalten
seien; suchte dann aber die Behauptung einfach genug durch Vorzeigen von
Photographien, die gleichzeitig verkauft wurden, zu widerlegen, denn auf
den Bildern sah man den Hungerkünstler an einem vierzigsten Hungertag,
im Bett, fast verlöscht vor Entkräftung. Diese dem Hungerkünstler zwar
wohlbekannte, immer aber von neuem ihn entnervende Verdrehung der
Wahrheit war ihm zu viel. Was die Folge der vorzeitigen Beendigung des
Hungerns war, stellte man hier als die Ursache dar! Gegen diesen
Unverstand, gegen diese Welt des Unverstandes zu kämpfen, war unmöglich.
Noch hatte er immer wieder in gutem Glauben begierig am Gitter dem
Impresario zugehört, beim Erscheinen der Photographien aber ließ er das
Gitter jedesmal los, sank mit Seufzen ins Stroh zurück, und das
beruhigte Publikum konnte wieder herankommen und ihn besichtigen.

Wenn die Zeugen solcher Szenen ein paar Jahre später daran
zurückdachten, wurden sie sich oft selbst unverständlich. Denn
inzwischen war jener erwähnte Umschwung eingetreten; fast plötzlich war
das geschehen; es mochte tiefere Gründe haben, aber wem lag daran, sie
aufzufinden; jedenfalls sah sich eines Tages der verwöhnte
Hungerkünstler von der vergnügungssüchtigen Menge verlassen, die lieber
zu anderen Schaustellungen strömte. Noch einmal jagte der Impresario mit
ihm durch halb Europa, um zu sehn, ob sich nicht noch hie und da das
alte Interesse wiederfände; alles vergeblich; wie in einem geheimen
Einverständnis hatte sich überall geradezu eine Abneigung gegen das
Schauhungern ausgebildet. Natürlich hatte das in Wirklichkeit nicht
plötzlich so kommen können, und man erinnerte sich jetzt nachträglich an
manche zu ihrer Zeit im Rausch der Erfolge nicht genügend beachtete,
nicht genügend unterdrückte Vorboten, aber jetzt etwas dagegen zu
unternehmen, war zu spät. Zwar war es sicher, daß einmal auch für das
Hungern wieder die Zeit kommen werde, aber für die Lebenden war das kein
Trost. Was sollte nun der Hungerkünstler tun? Der, welchen Tausende
umjubelt hatten, konnte sich nicht in Schaubuden auf kleinen Jahrmärkten
zeigen, und um einen andern Beruf zu ergreifen, war der Hungerkünstler
nicht nur zu alt, sondern vor allem dem Hungern allzu fanatisch ergeben.
So verabschiedete er denn den Impresario, den Genossen einer Laufbahn
ohnegleichen, und ließ sich von einem großen Zirkus engagieren; um seine
Empfindlichkeit zu schonen, sah er die Vertragsbedingungen gar nicht an.

Ein großer Zirkus mit seiner Unzahl von einander immer wieder
ausgleichenden und ergänzenden Menschen und Tieren und Apparaten kann
jeden und zu jeder Zeit gebrauchen, auch einen Hungerkünstler, bei
entsprechend bescheidenen Ansprüchen natürlich, und außerdem war es ja
in diesem besonderen Fall nicht nur der Hungerkünstler selbst, der
engagiert wurde, sondern auch sein alter berühmter Name, ja man konnte
bei der Eigenart dieser im zunehmenden Alter nicht abnehmenden Kunst
nicht einmal sagen, daß ein ausgedienter, nicht mehr auf der Höhe seines
Könnens stehender Künstler sich in einen ruhigen Zirkusposten flüchten
wolle, im Gegenteil, der Hungerkünstler versicherte, daß er, was
durchaus glaubwürdig war, ebensogut hungere wie früher, ja er behauptete
sogar, er werde, wenn man ihm seinen Willen lasse, und dies versprach
man ihm ohne weiteres, eigentlich erst jetzt die Welt in berechtigtes
Erstaunen setzen, eine Behauptung allerdings, die mit Rücksicht auf die
Zeitstimmung, welche der Hungerkünstler im Eifer leicht vergaß, bei den
Fachleuten nur ein Lächeln hervorrief.

Im Grunde aber verlor auch der Hungerkünstler den Blick für die
wirklichen Verhältnisse nicht und nahm es als selbstverständlich hin,
daß man ihn mit seinem Käfig nicht etwa als Glanznummer mitten in die
Manege stellte, sondern draußen an einem im übrigen recht gut
zugänglichen Ort in der Nähe der Stallungen unterbrachte. Große, bunt
gemalte Aufschriften umrahmten den Käfig und verkündeten, was dort zu
sehen war. Wenn das Publikum in den Pausen der Vorstellung zu den
Ställen drängte, um die Tiere zu besichtigen, war es fast unvermeidlich,
daß es beim Hungerkünstler vorüberkam und ein wenig dort haltmachte, man
wäre vielleicht länger bei ihm geblieben, wenn nicht in dem schmalen
Gang die Nachdrängenden, welche diesen Aufenthalt auf dem Weg zu den
ersehnten Ställen nicht verstanden, eine längere ruhige Betrachtung
unmöglich gemacht hätten. Dieses war auch der Grund, warum der
Hungerkünstler vor diesen Besuchszeiten, die er als seinen Lebenszweck
natürlich herbeiwünschte, doch auch wieder zitterte. In der ersten Zeit
hatte er die Vorstellungspausen kaum erwarten können; entzückt hatte er
der sich heranwälzenden Menge entgegengesehn, bis er sich nur zu bald –
auch die hartnäckigste, fast bewußte Selbsttäuschung hielt den
Erfahrungen nicht stand — davon überzeugte, daß es zumeist der Absicht
nach, immer wieder, ausnahmslos, lauter Stallbesucher waren. Und dieser
Anblick von der Ferne blieb noch immer der schönste. Denn wenn sie bis
zu ihm herangekommen waren, umtobte ihn sofort Geschrei und Schimpfen
der ununterbrochen neu sich bildenden Parteien, jener, welche — sie
wurde dem Hungerkünstler bald die peinlichere — ihn bequem ansehen
wollte, nicht etwa aus Verständnis, sondern aus Laune und Trotz, und
jener zweiten, die zunächst nur nach den Ställen verlangte. War der
große Haufe vorüber, dann kamen die Nachzügler, und diese allerdings,
denen es nicht mehr verwehrt war, stehen zu bleiben, solange sie nur
Lust hatten, eilten mit langen Schritten, fast ohne Seitenblick,
vorüber, um rechtzeitig zu den Tieren zu kommen. Und es war kein allzu
häufiger Glücksfall, daß ein Familienvater mit seinen Kindern kam, mit
dem Finger auf den Hungerkünstler zeigte, ausführlich erklärte, um was
es sich hier handelte, von früheren Jahren erzählte, wo er bei
ähnlichen, aber unvergleichlich großartigeren Vorführungen gewesen war,
und dann die Kinder, wegen ihrer ungenügenden Vorbereitung von Schule
und Leben her, zwar immer noch verständnislos blieben — was war ihnen
Hungern? — aber doch in dem Glanz ihrer forschenden Augen etwas von
neuen, kommenden, gnädigeren Zeiten verrieten. Vielleicht, so sagte
sich der Hungerkünstler dann manchmal, würde alles doch ein wenig besser
werden, wenn sein Standort nicht gar so nahe bei den Ställen wäre. Den
Leuten wurde dadurch die Wahl zu leicht gemacht, nicht zu reden davon,
daß ihn die Ausdünstungen der Ställe, die Unruhe der Tiere in der Nacht,
das Vorübertragen der rohen Fleischstücke für die Raubtiere, die Schreie
bei der Fütterung sehr verletzten und dauernd bedrückten. Aber bei der
Direktion vorstellig zu werden, wagte er nicht; immerhin verdankte er ja
den Tieren die Menge der Besucher, unter denen sich hie und da auch ein
für ihn Bestimmter finden konnte, und wer wußte, wohin man ihn
verstecken würde, wenn er an seine Existenz erinnern wollte und damit
auch daran, daß er, genau genommen, nur ein Hindernis auf dem Weg zu den
Ställen war.

Ein kleines Hindernis allerdings, ein immer kleiner werdendes Hindernis.
Man gewöhnte sich an die Sonderbarkeit, in den heutigen Zeiten
Aufmerksamkeit für einen Hungerkünstler beanspruchen zu wollen, und mit
dieser Gewöhnung war das Urteil über ihn gesprochen. Er mochte so gut
hungern, als er nur konnte, und er tat es, aber nichts konnte ihn mehr
retten, man ging an ihm vorüber. Versuche, jemandem die Hungerkunst zu
erklären! Wer es nicht fühlt, dem kann man es nicht begreiflich machen.
Die schönen Aufschriften wurden schmutzig und unleserlich, man riß sie
herunter, niemandem fiel es ein, sie zu ersetzen; das Täfelchen mit der
Ziffer der abgeleisteten Hungertage, das in der ersten Zeit sorgfältig
täglich erneut worden war, blieb schon längst immer das gleiche, denn
nach den ersten Wochen war das Personal selbst dieser kleinen Arbeit
überdrüssig geworden; und so hungerte zwar der Hungerkünstler weiter,
wie er es früher einmal erträumt hatte, und es gelang ihm ohne Mühe ganz
so, wie er es damals vorausgesagt hatte, aber niemand zählte die Tage,
niemand, nicht einmal der Hungerkünstler selbst wußte, wie groß die
Leistung schon war, und sein Herz wurde schwer. Und wenn einmal in der
Zeit ein Müßiggänger stehen blieb, sich über die alte Ziffer lustig
machte und von Schwindel sprach, so war das in diesem Sinn die dümmste
Lüge, welche Gleichgültigkeit und eingeborene Bösartigkeit erfinden
konnte, denn nicht der Hungerkünstler betrog, er arbeitete ehrlich,
aber die Welt betrog ihn um seinen Lohn.

Doch vergingen wieder viele Tage, und auch das nahm ein Ende. Einmal
fiel einem Aufseher der Käfig auf, und er fragte die Diener, warum man
hier diesen gut brauchbaren Käfig mit dem verfaulten Stroh drinnen
unbenützt stehen lasse; niemand wußte es, bis sich einer mit Hilfe der
Ziffertafel an den Hungerkünstler erinnerte. Man rührte mit Stangen das
Stroh auf und fand den Hungerkünstler darin. »Du hungerst noch immer?«
fragte der Aufseher, »wann wirst du denn endlich aufhören?« »Verzeiht
mir alle«, flüsterte der Hungerkünstler; nur der Aufseher, der das Ohr
ans Gitter hielt, verstand ihn. »Gewiß,« sagte der Aufseher und legte
den Finger an die Stirn, um damit den Zustand des Hungerkünstlers dem
Personal anzudeuten, »wir verzeihen dir.« »Immerfort wollte ich, daß ihr
mein Hungern bewundert«, sagte der Hungerkünstler. »Wir bewundern es
auch«, sagte der Aufseher entgegenkommend. »Ihr sollt es aber nicht
bewundern«, sagte der Hungerkünstler. »Nun, dann bewundern wir es also
nicht,« sagte der Aufseher, »warum sollen wir es denn nicht bewundern?«
»Weil ich hungern muß, ich kann nicht anders«, sagte der Hungerkünstler.
»Da sieh mal einer,« sagte der Aufseher, »warum kannst du denn nicht
anders?« »Weil ich,« sagte der Hungerkünstler, hob das Köpfchen ein
wenig und sprach mit wie zum Kuß gespitzten Lippen gerade in das Ohr des
Aufsehers hinein, damit nichts verloren ginge, »weil ich nicht die
Speise finden konnte, die mir schmeckt. Hätte ich sie gefunden, glaube
mir, ich hätte kein Aufsehen gemacht und mich vollgegessen wie du und
alle.« Das waren die letzten Worte, aber noch in seinen gebrochenen
Augen war die feste, wenn auch nicht mehr stolze Überzeugung, daß er
weiterhungre.

»Nun macht aber Ordnung!« sagte der Aufseher, und man begrub den
Hungerkünstler samt dem Stroh. In den Käfig aber gab man einen jungen
Panther. Es war eine selbst dem stumpfsten Sinn fühlbare Erholung, in
dem so lange öden Käfig dieses wilde Tier sich herumwerfen zu sehn. Ihm
fehlte nichts. Die Nahrung, die ihm schmeckte, brachten ihm ohne langes
Nachdenken die Wächter; nicht einmal die Freiheit schien er zu
vermissen; dieser edle, mit allem Nötigen bis knapp zum Zerreißen
ausgestattete Körper schien auch die Freiheit mit sich herumzutragen;
irgendwo im Gebiß schien sie zu stecken; und die Freude am Leben kam mit
derart starker Glut aus seinem Rachen, daß es für die Zuschauer nicht
leicht war, ihr standzuhalten. Aber sie überwanden sich, umdrängten den
Käfig und wollten sich gar nicht fortrühren.

Max und Moritz, Wilhelm Busch

Wednesday, January 17th, 2007

Eine Bubengeschichte in sieben Streichen

Max und Moritz machten beide,
Als sie lebten, keinem Freude:
Bildlich siehst du jetzt die Possen,
Die in Wirklichkeit verdrossen,
Mit behaglichem Gekicher,
Weil Du selbst vor ihnen sicher.
Aber das bedenke stets:
Wie man’s treibt, mein Kind, so geht’s.

Vorwort

Ach, was muß man oft von bösen
Kindern hören oder lesen!
Wie zum Beispiel hier von diesen,
Welche Max und Moritz hießen;
Die, anstatt durch weise Lehren
Sich zum Guten zu bekehren,
Oftmals noch darüber lachten
Und sich heimlich lustig machten.
ja, zur Übeltätigkeit,
Ja, dazu ist man bereit!
Menschen necken, Tiere quälen,
Äpfel, Birnen, Zwetschgen stehlen,
Das ist freilich angenehmer
Und dazu auch viel bequemer,
Als in Kirche oder Schule
Festzusitzen auf dem Stuhle.
Aber wehe, wehe, wehe!
Wenn ich, auf das Ende sehe!!
Ach, das war ein schlimmes Ding,
Wie es Max und Moritz ging!
Drum ist hier, was sie getrieben,
Abgemalt und aufgeschrieben.

ERSTER STREICH

Mancher gibt sich viele Müh’
Mit dem lieben Federvieh;
Einesteils der Eier wegen,
Welche diese Vögel legen;
Zweitens: Weil man dann und wann
Einen Braten essen kann;
Drittens aber nimmt man auch
Ihre Federn zum Gebrauch
In die Kissen und die Pfühle,
Denn man liegt nicht gerne kühle.
Seht, da ist die Witwe Bolte,
Die das auch nicht gerne wollte.
Ihrer Hühner waren drei
Und ein stolzer Hahn dabei.
Max und Moritz dachten nun:
Was ist hier jetzt wohl zu tun?
Ganz geschwinde, eins, zwei, drei,
Schneiden sie sich Brot entzwei,
In vier Teile, jedes Stück
Wie ein kleiner Finger dick.
Diese binden sie an Fäden,
Übers Kreuz, ein Stück an jeden,
Und verlegen sie, genau
In den Hof der guten Frau.
Kaum hat dies der Hahn gesehen,
Fängt er auch schon an zu krähen:
Kikeriki! Kikikerikih!! -
Tak, tak, tak! - Da kommen sie.
Hahn und Hühner schlucken munter
Jedes ein Stück Brot hinunter;
Aber als sie sich besinnen,
Konnte keines recht von hinnen.
In die Kreuz und in die Quer
Reißen sie sich hin und her,
Flattern auf und in die Höh’,
Ach herrje, herrjemine!
Ach, sie bleiben an dem langen,
Dürren Ast des Baumes hangen.
Und ihr Hals wird lang und länger,
Ihr Gesang wird bang und bänger.
Jedes legt noch schnell ein Ei,
Und dann kommt der Tod herbei.
Witwe Bolte in der Kammer
Hört im Bette diesen Jammer;
Ahnungsvoll tritt sie heraus,
Ach, was war das für ein Graus!
“Fließet aus dem Aug’, ihr Tränen!
All mein Hoffen, all mein Sehnen,
Meines Lebens schönster Traum
Hängt an diesem Apfelbaum!”
Tiefbetrübt und sorgenschwer
Kriegt sie jetzt das Messer her,
Nimmt die Toten von den Strängen,
Daß sie so nicht länger hängen,
Und mit stummem Trauerblick
Kehrt sie in ihr Haus zurück.
Dieses war der erste Streich,
Doch der zweite folgt sogleich.

ZWEITER STREICH

Als die gute Witwe Bolte
Sich von ihrem Schmerz erholte,
Dachte sie so hin und her,
Daß es wohl das beste wär’,
Die Verstorbnen, die hienieden
Schon so frühe abgeschieden,
Ganz im stillen und in Ehren
Gut gebraten zu verzehren.
Freilich war die Trauer groß,
Als sie nun so nackt und bloß
Abgerupft am Herde lagen,
Sie, die einst in schönen Tagen
Bald im Hofe, bald im Garten
Lebensfroh im Sande scharrten. -
Ach, Frau Bolte weint auf’s neu,
Und der Spitz steht auch dabei.
Max und Moritz rochen dieses.
“Schnell aufs Dach gekrochen!” hieß es.
Durch den Schornstein mit Vergnügen
Sehen sie die Hühner liegen,
Die schon ohne Kopf und Gurgeln
Lieblich in der Pfanne schmurgeln.
Eben geht mit einem Teller
Witwe Bolte in den Keller,
Daß sie von dem Sauerkohle
Eine Portion sich hole,
Wofür sie besonders schwärmt,
Wenn er wieder aufgewärmt.
Unterdessen auf dem Dache
Ist man tätig bei der Sache.
Max hat schon mit Vorbedacht
Eine Angel mitgebracht.

Schnupdiwup! Da wird nach oben
Schon ein Huhn heraufgehoben.
Schnupdiwup! Jetzt Numro zwei;
Schnupdiwup! Jetzt Numro drei;
Und jetzt kommt noch Numro vier:
Schnupdiwup! Dich haben wir!

Zwar der Spitz sah es genau,
Und er bellt: Rawau! Rawau!
Aber schon sind sie ganz munter
Fort und von dem Dach herunter.

Na! Das wird Spektakel geben,
Denn Frau Bolte kommt soeben;
Angewurzelt stand sie da,
Als sie nach der Pfanne sah.
Alle Hühner waren fort. -
“Spitz!!” - Das war ihr erstes Wort.
“O du Spitz, du Ungetüm!
Aber wart! Ich komme ihm!”
Mit dem Löffel groß und schwer
geht es über Spitzen her;
Laut ertönt sein Wehgeschrei
Denn er fühlt sich schuldenfrei.

Max und Moritz im Verstecke
Schnarchen aber an der Hecke
Und vom ganzen Hühnerschmaus
Guckt nur noch ein Bein heraus.
Dieses war der zweite Streich,
Doch der dritte folgt sogleich.

DRITTER STREICH

Jedermann im Dorfe kannte
Einen, der sich Böck benannte.
Alltagsröcke, Sonntagsröcke,
Lange Hosen, spitze Fräcke,
Westen mit bequemen Taschen,
Warme Mäntel und Gamaschen,
Alle diese Kleidungssachen
Wußte Schneider Bock zu machen.
Oder wäre was zu flicken,
Abzuschneiden, anzustücken,
Oder gar ein Knopf der Hose
Abgerissen oder lose,
Wie und wo und was es sei,
Hinten, vorne, einerlei,
Alles macht der Meister Böck,
Denn das ist sein Lebenszweck.
Drum so hat in der Gemeinde
Jedermann ihn gern zum Freunde.
Aber Max und Moritz dachten,
Wie sie ihn verdrießlich machten.
Nämlich vor des Meisters Hause
Floß ein Wasser mit Gebrause.
Übers Wasser führt ein Steg,
Und darüber geht der Weg.
Max und Moritz, gar nicht träge,
Sägen heimlich mit der Säge,
Ritzeratze! voller Tücke,
In die Brücke eine, Lücke.
Als nun diese Tat vorbei,
Hört man plötzlich ein Geschrei:
“He, heraus! Du Ziegen-Böck!
Schneider, Schneider, meck, meck, meck!”
Alles konnte Böck ertragen,
Ohne nur ein Wort zu sagen;
Aber wenn er dies erfuhr,
Ging’s ihm wider die Natur.
Schnelle springt er mit der Elle
Über seines Hauses Schwelle,
Denn schon wieder ihm zum Schreck
Tönt ein lautes: “Meck, meck, meck!”
Und schon ist er auf der Brücke,
Kracks! Die Brücke bricht in Stücke;
Wieder tönt es: “Meck, meck, meck!”
Plumps! Da ist der Schneider weg!
Grad als dieses vorgekommen,
Kommt ein Gänsepaar geschwommen,
Welches Böck in Todeshast
Krampfhaft bei den Beinen faßt.
Beide Gänse in der Hand,
Flattert er auf trocknes Land.
Übrigens bei alledem
Ist so etwas nicht bequem;
Wie denn Böck von der Geschichte
Auch das Magendrücken kriegte.
Hoch ist hier Frau Böck zu preisen!
Denn ein heißes Bügeleisen,
Auf den kalten Leib gebracht,
Hat es wiedergutgemacht.
Bald im Dorf hinauf, hinunter,
Hieß es: “Böck ist wieder munter!”
Dieses war der dritte Streich,
Doch der vierte folgt sogleich.

VIERTER STREICH

Also lautet ein Beschluß,
Daß der Mensch was lernen muß.
Nicht allein das Abc
Bringt den Menschen in die Höh’;
Nicht allein in Schreiben, Lesen
Übt sich ein vernünftig Wesen;
Nicht allein in Rechnungssachen
Soll der Mensch sich Mühe machen,
Sondern auch der Weisheit Lehren
Muß man mit Vergnügen hören.
Daß dies mit Verstand geschah,
War Herr Lehrer Lämpel da.

Max und Moritz, diese beiden,
Mochten ihn darum nicht leiden;
Denn wer böse Streiche macht,
Gibt nicht auf den Lehrer acht.
Nun war dieser brave Lehrer
Von dem Tobak ein Verehrer,
Was man ohne alle Frage
Nach des Tages Müh und Plage
Einem guten, alten Mann
Auch von Herzen gönnen kann.

Max und Moritz, unverdrossen,
Sinnen aber schon auf Possen,
Ob vermittelst seiner Pfeifen
Dieser Mann nicht anzugreifen.
Einstens, als es Sonntag wieder
Und Herr Lämpel, brav und bieder,
In der Kirche mit Gefühle
Saß vor seinem Orgelspiele,
Schlichen sich die bösen Buben
In sein Haus und seine Stuben
Wo die Meerschaumpfeife stand;
Max hält sie in seiner Hand;
Aber Moritz aus der Tasche
Zieht die Flintenpulverflasche,
Und geschwinde, stopf, stopf, stopf!
Pulver in den Pfeifenkopf. -
Jetzt nur still und schnell nach Haus,
Denn schon ist die Kirche aus. -
Eben schließt in sanfter Ruh
Lämpel seine Kirche zu;
Und mit Buch und Notenheften
Nach besorgten Amtsgeschäften
Lenkt er freudig seine Schritte
Zu der heimatlichen Hütte,
Und voll Dankbarkeit sodann
Zündet er sein Pfeifchen an.
“Ach!” - spricht er - “Die größte Freud
Ist doch die Zufriedenheit!!”
Rums!! - Da geht die Pfeife los
Mit Getöse, schrecklich groß.
Kaffeetopf und Wasserglas,
Tobaksdose, Tintenfaß,
Ofen, Tisch und Sorgensitz -
Alles fliegt im Pulverblitz. -
Als der Dampf sich nun erhob,
Sieht man Lämpel, der gottlob
Lebend auf dem Rücken liegt;
Doch er hat was abgekriegt.
Nase, Hand, Gesicht und Ohren
Sind so schwarz als wie die Mohren,
Und des Haares letzter Schopf
Ist verbrannt bis auf den Kopf.
Wer soll nun die Kinder lehren
Und die Wissenschaft vermehren?
Wer soll nun für Lämpel leiten
Seine Amtestätigkeiten?
Woraus soll der Lehrer rauchen,
Wenn die Pfeife nicht zu brauchen?
Mit der Zeit wird alles heil,
Nur die Pfeife hat ihr Teil.
Dieses war der vierte Streich,
Doch der fünfte folgt sogleich.

FÜNFTER STREICH

Wer in Dorfe oder Stadt
Einen Onkel wohnen hat,
Der sei höflich und bescheiden,
Denn das mag der Onkel leiden.
Morgens sagt man: “Guten Morgen!
Haben Sie was zu besorgen?”
Bringt ihm, was er haben muß:
Zeitung, Pfeife, Fidibus.
Oder sollt’ es wo im Rücken
Drücken, beißen oder zwicken,
Gleich ist man mit Freudigkeit
Dienstbeflissen und bereit.
Oder sei’s nach einer Prise,
Daß der Onkel heftig niese,
Ruft man:”Prosit!” alsogleich.
“Danke!” - “Wohl bekomm’ es Euch!”
Oder kommt er spät nach Haus,
Zieht man ihm die Stiefel aus,
Holt Pantoffel, Schlafrock, Mütze,
Daß er nicht im Kalten sitze -
Kurz, man ist darauf ‘bedacht,
Was dem Onkel Freude macht.

Max und Moritz ihrerseits
Fanden darin keinen Reiz.
Denkt euch nur, welch schlechten Witz
Machten sie mit Onkel Fritz!
jeder weiß, was so ein Mai=
Käfer für ein Vogel sei.
In den Bäumen hin und her
Fliegt und kriecht und krabbelt er.
Max und Moritz, immer munter,
Schütteln sie vom Baum herunter.
In die Tüte von Papiere
Sperren sie die Krabbeltiere.
Fort damit und in die Ecke
Unter Onkel Fritzens Decke!
Bald zu Bett geht Onkel Fritze
In der spitzen Zippelmütze;
Seine Augen macht er zu,
Hüllt sich ein und schläft in Ruh.
Doch die Käfer, kratze, kratze!
Kommen schnell aus der Matratze.
Schon faßt einer, der voran,
Onkel Fritzens Nase an.
“Bau!” - schreit er - “Was ist das hier?!!”
Und erfaßt das Ungetier.
Und den Onkel, voller Grausen,
Sieht man aus dem Bette sausen.
“Autsch!!” - Schon wieder hat er einen
Im Genicke, an den Beinen;
Hin und her und rundherum
Kriecht es, fliegt es mit Gebrumm.
Onkel Fritz, in dieser Not,
Haut und trampelt alles tot
Guckste wohl! Jetzt ist’s vorbei
Mit der Käferkrabbelei!

Onkel Fritz hat wieder Ruh
Und macht seine Augen zu.
Dieses war der fünfte Streich,
Doch der sechste folgt sogleich.

SECHSTER STREICH

In der schönen Osterzeit,
Wenn die frommen Bäckersleut’
‘Viele süße Zuckersachen
Backen und zurechte machen,
Wünschten Max und Moritz auch
Sich so etwas zum Gebrauch.
Doch der Bäcker, mit Bedacht,
Hat das Backhaus zugemacht.
Also will hier einer stehlen,
Muß er durch den Schlot sich quälen.
Ratsch! Da kommen die zwei Knaben
Durch den Schornstein, schwarz wie Raben.
Puff! Sie fallen in die Kist’,
Wo das Mehl darinnen ist.
Da! Nun sind sie alle beide
Rundherum so weiß wie Kreide.
Aber schon mit viel Vergnügen
Sehen sie die Brezeln liegen.
Knacks!! - Da bricht der Stuhl entzwei;
Schwapp!! - Da liegen sie im Brei.
Ganz von Kuchenteig umhüllt
Stehn sie da als Jammerbild.
Gleich erscheint der Meister Bäcker
Und bemerkt die Zuckerlecker.
Eins, zwei, drei! - Eh’ man’s gedacht,
Sind zwei Brote draus gemacht.
In dem Ofen glüht es noch -
Ruff!! - damit ins Ofenloch!
Ruff!! - man zieht sie aus der Glut;
Denn nun sind sie braun und gut.
Jeder denkt, die sind perdü!
Aber nein! - Noch leben sie!
Knusper, knasper! - wie zwei Mäuse
Fressen sie durch das Gehäuse;
Und der Meister Bäcker schrie:
“Ach herrje! Da laufen sie!”
Dieses war der sechste Streich,
Doch der letzte folgt sogleich.

LETZTER STREICH

Max und Moritz, wehe euch!
jetzt kommt euer letzter Streich!

Wozu müssen auch die beiden
Löcher in die Säcke schneiden??
Seht, da trägt der Bauer Mecke
Einen seiner Maltersäcke.
Aber kaum daß er von hinnen,
Fängt das Korn schon an zu rinnen.
Und verwundert steht und spricht er:
“Zapperment! Dat Ding werd lichter!”
Hei! Da sieht er voller Freude
Max und Moritz im Getreide.
Rabs!! - in seinen großen Sack
Schaufelt er das Lumpenpack.
Max und Moritz wird es schwüle,
Denn nun geht es nach der Mühle.
“Meister Müller, he, heran!
Mahl er das, so schnell er kann!”
“Her damit!” Und in den Trichter
Schüttet er die Bösewichter.
Rickeracke! Rickeracke!
Geht die Mühle ‘mit Geknacke.

Hier kann man sie noch erblicken,
Fein geschroten und in Stücken.
Doch sogleich verzehret sie
Meister Müllers Federvieh.

SCHLUSS

Als man dies im Dorf erführ,
War von Trauer keine Spur.
Witwe Bolte, mild und weich,
Sprach: “Sieh da, ich dacht,es gleich!”
“Jajaja!” rief Meister Böck
“Bosheit ist kein Lebenszweck!”
Drauf so sprach Herr Lehrer Lämpel:
“Dies ist wieder ein Exempel!”
“Freilich”, meint’ der Zuckerbäcker,
“Warum ist der Mensch so lecker!”
Selbst der gute Onkel Fritze
Sprach: “Das kommt von dumme Witze!”
Doch der brave Bauersmann
Dachte: Wat geiht meck dat an!
Kurz, im ganzen Ort herum
Ging ein freudiges Gebrumm:
“Gott sei Dank! Nun ist’s vorbei
Mit der Übeltäterei!”

Eine kleine Frau, Franz Kafka

Monday, January 1st, 2007

Es ist eine kleine Frau; von Natur aus recht schlank, ist sie doch stark
geschnürt; ich sehe sie immer im gleichen Kleid, es ist aus
gelblich-grauem, gewissermaßen holzfarbigem Stoff und ist ein wenig mit
Troddeln oder knopfartigen Behängen von gleicher Farbe versehen; sie ist
immer ohne Hut, ihr stumpf-blondes Haar ist glatt und nicht
unordentlich, aber sehr locker gehalten. Trotzdem sie geschnürt ist, ist
sie doch leicht beweglich, sie übertreibt freilich diese Beweglichkeit,
gern hält sie die Hände in den Hüften und wendet den Oberkörper mit
einem Wurf überraschend schnell seitlich. Den Eindruck, den ihre Hand
auf mich macht, kann ich nur wiedergeben, wenn ich sage, daß ich noch
keine Hand gesehen habe, bei der die einzelnen Finger derart scharf
voneinander abgegrenzt wären, wie bei der ihren; doch hat ihre Hand
keineswegs irgendeine anatomische Merkwürdigkeit, es ist eine völlig
normale Hand.

Diese kleine Frau nun ist mit mir sehr unzufrieden, immer hat sie etwas
an mir auszusetzen, immer geschieht ihr Unrecht von mir, ich ärgere sie
auf Schritt und Tritt; wenn man das Leben in allerkleinste Teile teilen
und jedes Teilchen gesondert beurteilen könnte, wäre gewiß jedes
Teilchen meines Lebens für sie ein Ärgernis. Ich habe oft darüber
nachgedacht, warum ich sie denn so ärgere; mag sein, daß alles an mir
ihrem Schönheitssinn, ihrem Gerechtigkeitsgefühl, ihren Gewohnheiten,
ihren Überlieferungen, ihren Hoffnungen widerspricht, es gibt derartige
einander widersprechende Naturen, aber warum leidet sie so sehr
darunter? Es besteht ja gar keine Beziehung zwischen uns, die sie
zwingen würde, durch mich zu leiden. Sie müßte sich nur entschließen,
mich als völlig Fremden anzusehn, der ich ja auch bin und der ich gegen
einen solchen Entschluß mich nicht wehren, sondern ihn sehr begrüßen
würde, sie müßte sich nur entschließen, meine Existenz zu vergessen, die
ich ihr ja niemals aufgedrängt habe oder aufdrängen würde — und alles
Leid wäre offenbar vorüber. Ich sehe hiebei ganz von mir ab und davon,
daß ihr Verhalten natürlich auch mir peinlich ist, ich sehe davon ab,
weil ich ja wohl erkenne, daß alle diese Peinlichkeit nichts ist im
Vergleich mit ihrem Leid. Wobei ich mir allerdings durchaus dessen
bewußt bin, daß es kein liebendes Leid ist; es liegt ihr gar nichts
daran, mich wirklich zu bessern, zumal ja auch alles, was sie an mir
aussetzt, nicht von einer derartigen Beschaffenheit ist, daß mein
Fortkommen dadurch gestört würde. Aber mein Fortkommen kümmert sie eben
auch nicht, sie kümmert nichts anderes als ihr persönliches Interesse,
nämlich die Qual zu rächen, die ich ihr bereite, und die Qual, die ihr
in Zukunft von mir droht, zu verhindern. Ich habe schon einmal versucht,
sie darauf hinzuweisen, wie diesem fortwährenden Ärger am besten ein
Ende gemacht werden könnte, doch habe ich sie gerade dadurch in eine
derartige Aufwallung gebracht, daß ich den Versuch nicht mehr
wiederholen werde.

Auch liegt ja, wenn man will, eine gewisse Verantwortung auf mir, denn
so fremd mir die kleine Frau auch ist, und so sehr die einzige
Beziehung, die zwischen uns besteht, der Ärger ist, den ich ihr bereite,
oder vielmehr der Ärger, den sie sich von mir bereiten läßt, dürfte es
mir doch nicht gleichgültig sein, wie sie sichtbar unter diesem Ärger
auch körperlich leidet. Es kommen hie und da, sich mehrend in letzter
Zeit, Nachrichten zu mir, daß sie wieder einmal am Morgen bleich,
übernächtig, von Kopfschmerzen gequält und fast arbeitsunfähig gewesen
sei; sie macht damit ihren Angehörigen Sorgen, man rät hin und her nach
den Ursachen ihres Zustandes und hat sie bisher noch nicht gefunden. Ich
allein kenne sie, es ist der alte und immer neue Ärger. Nun teile ich
freilich die Sorgen ihrer Angehörigen nicht; sie ist stark und zäh; wer
sich so zu ärgern vermag, vermag wahrscheinlich auch die Folgen des
Ärgers zu überwinden; ich habe sogar den Verdacht, daß sie sich –
wenigstens zum Teil — nur leidend stellt, um auf diese Weise den
Verdacht der Welt auf mich hinzulenken. Offen zu sagen, wie ich sie
durch mein Dasein quäle, ist sie zu stolz; an andere meinetwegen zu
appellieren, würde sie als eine Herabwürdigung ihrer selbst empfinden;
nur aus Widerwillen, aus einem nicht aufhörenden, ewig sie antreibenden
Widerwillen beschäftigt sie sich mit mir; diese unreine Sache auch noch
vor der Öffentlichkeit zu besprechen, das wäre für ihre Scham zu viel.
Aber es ist doch auch zu viel, von der Sache ganz zu schweigen, unter
deren unaufhörlichem Druck sie steht. Und so versucht sie in ihrer
Frauenschlauheit einen Mittelweg; schweigend, nur durch die äußern
Zeichen eines geheimen Leides will sie die Angelegenheit vor das Gericht
der Öffentlichkeit bringen. Vielleicht hofft sie sogar, daß, wenn die
Öffentlichkeit einmal ihren vollen Blick auf mich richtet, ein
allgemeiner öffentlicher Ärger gegen mich entstehen und mit seinen
großen Machtmitteln mich bis zur vollständigen Endgültigkeit viel
kräftiger und schneller richten wird, als es ihr verhältnismäßig doch
schwacher privater Ärger imstande ist; dann aber wird sie sich
zurückziehen, aufatmen und mir den Rücken kehren. Nun, sollten dies
wirklich ihre Hoffnungen sein, so täuscht sie sich. Die Öffentlichkeit
wird nicht ihre Rolle übernehmen; die Öffentlichkeit wird niemals so
unendlich viel an mir auszusetzen haben, auch wenn sie mich unter ihre
stärkste Lupe nimmt. Ich bin kein so unnützer Mensch, wie sie glaubt;
ich will mich nicht rühmen und besonders nicht in diesem Zusammenhang;
wenn ich aber auch nicht durch besondere Brauchbarkeit ausgezeichnet
sein sollte, werde ich doch auch gewiß nicht gegenteilig auffallen; nur
für sie, für ihre fast weißstrahlenden Augen bin ich so, niemanden
andern wird sie davon überzeugen können. Also könnte ich in dieser
Hinsicht völlig beruhigt sein? Nein, doch nicht; denn wenn es wirklich
bekannt wird, daß ich sie geradezu krank mache durch mein Benehmen, und
einige Aufpasser, eben die fleißigsten Nachrichten-Überbringer, sind
schon nahe daran, es zu durchschauen oder sie stellen sich wenigstens
so, als durchschauten sie es, und es kommt die Welt und wird mir die
Frage stellen, warum ich denn die arme kleine Frau durch meine
Unverbesserlichkeit quäle und ob ich sie etwa bis in den Tod zu treiben
beabsichtige und wann ich endlich die Vernunft und das einfache
menschliche Mitgefühl haben werde, damit aufzuhören — wenn mich die Welt
so fragen wird, es wird schwer sein, ihr zu antworten. Soll ich dann
eingestehn, daß ich an jene Krankheitszeichen nicht sehr glaube und
soll ich damit den unangenehmen Eindruck hervorrufen, daß ich, um von
einer Schuld loszukommen, andere beschuldige und gar in so unfeiner
Weise? Und könnte ich etwa gar offen sagen, daß ich, selbst wenn ich an
ein wirkliches Kranksein glaubte, nicht das geringste Mitgefühl hätte,
da mir ja die Frau völlig fremd ist und die Beziehung, die zwischen uns
besteht, nur von ihr hergestellt ist und nur von ihrer Seite aus
besteht. Ich will nicht sagen, daß man mir nicht glauben würde; man
würde mir vielmehr weder glauben noch nicht glauben; man käme gar nicht
so weit, daß davon die Rede sein könnte; man würde lediglich die Antwort
registrieren, die ich hinsichtlich einer schwachen, kranken Frau gegeben
habe, und das wäre wenig günstig für mich. Hier wie bei jeder andern
Antwort wird mir eben hartnäckig in die Quere kommen die Unfähigkeit der
Welt, in einem Fall wie diesem den Verdacht einer Liebesbeziehung nicht
aufkommen zu lassen, trotzdem es bis zur äußersten Deutlichkeit zutage
liegt, daß eine solche Beziehung nicht besteht und daß, wenn sie
bestehen würde, sie eher noch von mir ausginge, der ich tatsächlich die
kleine Frau in der Schlagkraft ihres Urteils und der Unermüdlichkeit
ihrer Folgerungen immerhin zu bewundern fähig wäre, wenn ich nicht eben
durch ihre Vorzüge immerfort gestraft würde. Bei ihr aber ist jedenfalls
keine Spur einer freundlichen Beziehung zu mir vorhanden; darin ist sie
aufrichtig und wahr; darauf ruht meine letzte Hoffnung; nicht einmal,
wenn es in ihren Kriegsplan passen würde, an eine solche Beziehung zu
mir glauben zu machen, würde sie sich soweit vergessen, etwas derartiges
zu tun. Aber die in dieser Richtung völlig stumpfe Öffentlichkeit wird
bei ihrer Meinung bleiben und immer gegen mich entscheiden.

So bliebe mir eigentlich doch nur übrig, rechtzeitig, ehe die Welt
eingreift, mich soweit zu ändern, daß ich den Ärger der kleinen Frau
nicht etwa beseitige, was undenkbar ist, aber doch ein wenig mildere.
Und ich habe mich tatsächlich öfters gefragt, ob mich denn mein
gegenwärtiger Zustand so befriedige, daß ich ihn gar nicht ändern wolle,
und ob es denn nicht möglich wäre, gewisse Änderungen an mir
vorzunehmen, auch wenn ich es nicht täte, weil ich von ihrer
Notwendigkeit überzeugt wäre, sondern nur, um die Frau zu besänftigen.
Und ich habe es ehrlich versucht, nicht ohne Mühe und Sorgfalt, es
entsprach mir sogar, es belustigte mich fast; einzelne Änderungen
ergaben sich, waren weithin sichtbar, ich mußte die Frau nicht auf sie
aufmerksam machen, sie merkt alles derartige früher als ich, sie merkt
schon den Ausdruck der Absicht in meinem Wesen; aber ein Erfolg war mir
nicht beschieden. Wie wäre es auch möglich? Ihre Unzufriedenheit mit mir
ist ja, wie ich jetzt schon einsehe, eine grundsätzliche; nichts kann
sie beseitigen, nicht einmal die Beseitigung meiner selbst; ihre
Wutanfälle etwa bei der Nachricht meines Selbstmordes wären grenzenlos.
Nun kann ich mir nicht vorstellen, daß sie, diese scharfsinnige Frau,
dies nicht ebenso einsieht wie ich, und zwar sowohl die
Aussichtslosigkeit ihrer Bemühungen als auch meine Unschuld, meine
Unfähigkeit, selbst bei bestem Willen ihren Forderungen zu entsprechen.
Gewiß sieht sie es ein, aber als Kämpfernatur vergißt sie es in der
Leidenschaft des Kampfes, und meine unglückliche Art, die ich aber nicht
anders wählen kann, denn sie ist mir nun einmal so gegeben, besteht
darin, daß ich jemandem, der außer Rand und Band geraten ist, eine
leise Mahnung zuflüstern will. Auf diese Weise werden wir uns natürlich
nie verständigen. Immer wieder werde ich etwa im Glück der ersten
Morgenstunden aus dem Hause treten und dieses um meinetwillen vergrämte
Gesicht sehn, die verdrießlich aufgestülpten Lippen, den prüfenden und
schon vor der Prüfung das Ergebnis kennenden Blick, der über mich
hinfährt und dem selbst bei größter Flüchtigkeit nichts entgehen kann,
das bittere in die mädchenhafte Wange sich einbohrende Lächeln, das
klagende Aufschauen zum Himmel, das Einlegen der Hände in die Hüften, um
sich zu festigen, und dann in der Empörung das Bleichwerden und
Erzittern.

Letzthin machte ich, überhaupt zum erstenmal, wie ich mir bei dieser
Gelegenheit erstaunt eingestand, einem guten Freund einige Andeutungen
von dieser Sache, nur nebenbei, leicht, mit ein paar Worten, ich drückte
die Bedeutung des Ganzen, so klein sie für mich nach außen hin im Grunde
ist, noch ein wenig unter die Wahrheit hinab. Sonderbar, daß der Freund
dennoch nicht darüber hinweghörte, ja sogar aus eigenem der Sache an
Bedeutung hinzugab, sich nicht ablenken ließ und dabei verharrte. Noch
sonderbarer allerdings, daß er trotzdem in einem entscheidenden Punkt
die Sache unterschätzte, denn er riet mir ernstlich, ein wenig zu
verreisen. Kein Rat könnte unverständiger sein; die Dinge liegen zwar
einfach, jeder kann sie, wenn er näher hinzutritt, durchschauen, aber so
einfach sind sie doch auch nicht, daß durch mein Wegfahren alles oder
auch nur das Wichtigste in Ordnung käme. Im Gegenteil, vor dem Wegfahren
muß ich mich vielmehr hüten; wenn ich überhaupt irgendeinen Plan
befolgen soll, dann jedenfalls den, die Sache in ihren bisherigen,
engen, die Außenwelt noch nicht einbeziehenden Grenzen zu halten, also
ruhig zu bleiben, wo ich bin, und keine großen, durch diese Sache
veranlaßten, auffallenden Veränderungen zuzulassen, wozu auch gehört,
mit niemandem davon zu sprechen, aber dies alles nicht deshalb, weil es
irgendein gefährliches Geheimnis wäre, sondern deshalb, weil es eine
kleine, rein persönliche und als solche immerhin leicht zu tragende
Angelegenheit ist und weil sie dieses auch bleiben soll. Darin waren die
Bemerkungen des Freundes doch nicht ohne Nutzen, sie haben mich nichts
Neues gelehrt, aber mich in meiner Grundansicht bestärkt.

Wie es sich ja überhaupt bei genauerem Nachdenken zeigt, daß die
Veränderungen, welche die Sachlage im Laufe der Zeit erfahren zu haben
scheint, keine Veränderungen der Sache selbst sind, sondern nur die
Entwicklung meiner Anschauung von ihr, insofern, als diese Anschauung
teils ruhiger, männlicher wird, dem Kern näher kommt, teils allerdings
auch unter dem nicht zu verwindenden Einfluß der fortwährenden
Erschütterungen, seien diese auch noch so leicht, eine gewisse
Nervosität annimmt.

Ruhiger werde ich der Sache gegenüber, indem ich zu erkennen glaube, daß
eine Entscheidung, so nahe sie manchmal bevorzustehen scheint, doch wohl
noch nicht kommen wird; man ist leicht geneigt, besonders in jungen
Jahren, das Tempo, in dem Entscheidungen kommen, sehr zu überschätzen;
wenn einmal meine kleine Richterin, schwach geworden durch meinen
Anblick, seitlich in den Sessel sank, mit der einen Hand sich an der
Rückenlehne festhielt, mit der anderen an ihrem Schnürleib nestelte, und
Tränen des Zornes und der Verzweiflung ihr die Wangen hinabrollten,
dachte ich immer, nun sei die Entscheidung da und gleich würde ich
vorgerufen werden, mich zu verantworten. Aber nichts von Entscheidung,
nichts von Verantwortung, Frauen wird leicht übel, die Welt hat nicht
Zeit, auf alle Fälle aufzupassen. Und was ist denn eigentlich in all den
Jahren geschehn? Nichts weiter, als daß sich solche Fälle wiederholten,
einmal stärker, einmal schwächer, und daß nun also ihre Gesamtzahl
größer ist. Und daß Leute sich in der Nähe herumtreiben und gern
eingreifen würden, wenn sie eine Möglichkeit dazu finden würden; aber
sie finden keine, bisher verlassen sie sich nur auf ihre Witterung, und
Witterung allein genügt zwar, um ihren Besitzer reichlich zu
beschäftigen, aber zu anderem taugt sie nicht. So aber war es im Grunde
immer, immer gab es diese unnützen Eckensteher und Lufteinatmer, welche
ihre Nähe immer auf irgendeine überschlaue Weise, am liebsten durch
Verwandtschaft, entschuldigten, immer haben sie aufgepaßt, immer haben
sie die Nase voll Witterung gehabt, aber das Ergebnis alles dessen ist
nur, daß sie noch immer dastehn. Der ganze Unterschied besteht darin,
daß ich sie allmählich erkannt habe, ihre Gesichter unterscheide; früher
habe ich geglaubt, sie kämen allmählich von überall her zusammen, die
Ausmaße der Angelegenheit vergrößerten sich und würden von selbst die
Entscheidung erzwingen; heute glaube ich zu wissen, daß das alles von
altersher da war und mit dem Herankommen der Entscheidung sehr wenig
oder nichts zu tun hat. Und die Entscheidung selbst, warum benenne ich
sie mit einem so großen Wort? Wenn es einmal — und gewiß nicht morgen
und übermorgen und wahrscheinlich niemals — dazu kommen sollte, daß sich
die Öffentlichkeit doch mit dieser Sache, für die sie, wie ich immer
wiederholen werde, nicht zuständig ist, beschäftigt, werde ich zwar
nicht unbeschädigt aus dem Verfahren hervorgehen, aber es wird doch wohl
in Betracht gezogen werden, daß ich der Öffentlichkeit nicht unbekannt
bin, in ihrem vollen Licht seit jeher lebe, vertrauensvoll und Vertrauen
verdienend, und daß deshalb diese nachträglich hervorgekommene leidende
kleine Frau, die nebenbei bemerkt ein anderer als ich vielleicht längst
als Klette erkannt und für die Öffentlichkeit völlig geräuschlos unter
seinem Stiefel zertreten hätte, daß diese Frau doch schlimmstenfalls nur
einen kleinen häßlichen Schnörkel dem Diplom hinzufügen könnte, in
welchem mich die Öffentlichkeit längst als ihr achtungswertes Mitglied
erklärt. Das ist der heutige Stand der Dinge, der also wenig geeignet
ist, mich zu beunruhigen.

Daß ich mit den Jahren doch ein wenig unruhig geworden bin, hat mit der
eigentlichen Bedeutung der Sache gar nichts zu tun; man hält es einfach
nicht aus, jemanden immerfort zu ärgern, selbst wenn man die
Grundlosigkeit des Ärgers wohl erkennt; man wird unruhig, man fängt an,
gewissermaßen nur körperlich, auf Entscheidungen zu lauern, auch wenn
man an ihr Kommen vernünftigerweise nicht sehr glaubt. Zum Teil aber
handelt es sich auch nur um eine Alterserscheinung; die Jugend kleidet
alles gut; unschöne Einzelheiten verlieren sich in der unaufhörlichen
Kraftquelle der Jugend; mag einer als Junge einen etwas lauernden Blick
gehabt haben, er ist ihm nicht übelgenommen, er ist gar nicht bemerkt
worden, nicht einmal von ihm selbst, aber, was im Alter übrigbleibt,
sind Reste, jeder ist nötig, keiner wird erneut, jeder steht unter
Beobachtung, und der lauernde Blick eines alternden Mannes ist eben ein
ganz deutlich lauernder Blick, und es ist nicht schwierig, ihn
festzustellen. Nur ist es aber auch hier keine wirkliche sachliche
Verschlimmerung.

Von wo aus also ich es auch ansehe, immer wieder zeigt sich und dabei
bleibe ich, daß, wenn ich mit der Hand auch nur ganz leicht diese kleine
Sache verdeckt halte, ich noch sehr lange, ungestört von der Welt, mein
bisheriges Leben ruhig werde fortsetzen dürfen, trotz allen Tobens der
Frau.

Die kleine Seejungfer, Hans Christian Andersen

Sunday, December 31st, 2006

Weit draußen im Meere ist das Wasser so blau wie die Blütenblätter der schönsten Kornblume, und so klar wie das reinste Glas, aber es ist dort sehr tief, tiefer als irgendein Ankertau reicht, viele Kirchtürme müßten aufeinandergestellt werden, um vom Grunde bis über das Wasser zu reicher. Dort unten wohnt das Meervolk.Nun muß man nicht etwa glauben, daß dort nur der nackte, weiße Sandboden sei! Nein, da wachsen die wundersamsten Bäume und Pflanzen, deren Stiele und Blätter so geschmeidig sind, daß sie sich bei der geringsten Bewegung des Wassers rühren, als ob sie lebend wären. Alle Fische, klein und groß, schlüpfen zwischen den Zweigen hindurch, gerade wie hier oben die Vögel in der Luft. An der allertiefsten Stelle liegt des Meerkönigs Schloß. Die Mauern sind aus Korallen und die langen spitzen Fenster von allerklarstem Bernstein. Das Dach aber besteht aus Muschelschalen, die sich öffnen und schließen, je nachdem das Wasser strömt; das sieht prächtig aus, denn in jeder liegen strahlende Perlen, eine einzige davon würde der Stolz einer Königskrone sein.

Der Meerkönig dort unten war seit vielen Jahren Witwer, aber seine alte Mutter besorgte sein Haus. Sie war eine kluge Frau, doch recht stolz auf ihren Adel deshalb trug sie zwölf Austern auf dem Schwanze während die anderen Vornehmen nur sechs tragen durften.-Sonst verdiente sie großes Lob, besonders weil sie die kleinen Meerprinzessinnen, ihre Enkelinnen, so liebte. Das waren sechs prächtige Kinder, aber die jüngste war die schönste von allen. Ihre Haut war so klar und zart wie ein Rosenblatt, ihre Augen so blau wie die tiefste See, aber ebenso wie alle die anderen hatte sie keine Füße. Ihr Körper endete in einem Fischschwanz.

Den lieben langen Tag durften sie unten im Schlosse, wo lebendige Blumen aus den Wänden wuchsen, spielen. Die großen Bernsteinfenster wurden aufgemacht, und dann schwammen die Fische zu ihnen herein, gerade wie bei uns die Schwalben hereinfliegen wenn wir die Fenster aufmachen. Aber die Fische schwammen geradeswegs auf die kleinen Prinzessinnen zu, fraßen aus ihren Händen und ließen sich streicheln.

Draußen vor dem Schlosse war ein großer Garten mit feuerroten und dunkelblauen Bäumen, die Früchte strahlten wie Gold und die Blumen wie brennendes Feuer, indem sie fortwährend Stengel und Blätter bewegten. Der Boden selbst war der feinste Sand aber blau wie Schwefelflamme. Über dem Ganzen dort unten lag ein seltsamer blauer Schein, man hätte eher glauben mögen, daß man hoch oben in der Luft stände und nur Himmel über und unter sich sähe, als daß man auf dem Meeresgrunde sei. Bei Windstille konnte man die Sonne sehen, sie erschien wie eine Purpurblume aus deren Kelche alles Licht strömte.

Jede der kleinen Prinzessinnen hatte ihren kleinen Fleck im Garten, wo sie graben und pflanzen konnte, ganz wie sie wollte. Eine gab ihrem Blumenbeet die Gestalt eines Walfisches, einer anderen erschien es hübscher, daß das ihre einem Meerweiblein glich, aber die Jüngste machte ihr Beet ganz rund wie die Sonne und hatte nur Blumen darauf, die so rot wie diese leuchteten. Sie war ein seltsames Kind, still und nachdenklich, und während die anderen Schwestern sich mit den merkwürdigsten Sachen, die aus gestrandeten Schiffen genommen waren, putzten, wollte sie nur, außer ihren rosenroten Blumen, die der Sonne dort oben glichen, ein schönes Marmorbild haben. Es war ein herrlicher Knabe, aus weißem, klarem Stein gehauen, der beim Stranden auf den Meeresboden gesunken war. Sie pflanzte neben dem Bilde eine rosenrote Trauerweide, die prächtig wuchs und mit ihren frischen Zweigen darüber hing bis auf den blauen Sandboden hinab, wo der Schatten sich violett färbte und gleich den Zweigen in sanfter Bewegung war; es sah aus, als ob die Spitze und die Wurzeln miteinander spielten, als ob sie sich küssen wollten.

Sie kannte keine größere Freude, als von der Menschenwelt über ihr zu hören, die alte Großmutter mußte ihr alles erzählen, was sie wußte von den Schiffen und Städten, Menschen und Tieren. Ganz besonders wunderbar und herrlich erschien es ihr, daß oben auf der Erde die Blumen dufteten, denn das taten sie auf dem Meeresboden nicht, und daß die Wälder grün waren und die Fische, die man dort auf den Zweigen sieht, so laut und lieblich singen konnten, daß es eine Lust war. Es waren die kleinen Vögel, die die Grobmutter Fische nannte, denn sonst hätten es die Kinder nicht verstehen können, da sie nie einen Vogel gesehen hatten.

“Wenn Ihr Euer fünfzehntes Jahr erreicht habt,” sagte die Grobmutter, “so werdet Ihr Erlaubnis bekommen, aus dem Meere emporzutauchen, im Mondschein auf den Klippen zu sitzen und die großen Schiffe vorbeisegeln zu sehen, auch die Wälder und Städte sollt Ihr dann sehen!” Im nächsten Jahre wurde die eine von den Schwestern fünfzehn Jahre, aber die anderen, die eine war immer ein Jahr jünger als die andere, die Jüngste mußte also noch fünf lange Jahre warten, bevor sie vom Meeresgrund aufsteigen und sehen konnte, wie es bei uns aussieht. Aber die eine versprach der anderen zu erzählen, was sie gesehen und am ersten Tage am schönsten gefunden hätte denn ihre Grobmutter erzählte ihnen nicht genug, da war noch so vieles, worüber sie Bescheid wissen mußten.

Keine war so sehnsuchtsvoll, wie die Jüngste, gerade sie, die am längsten Zeit zu warten hatte und die so still und gedankenvoll war. Manche Nacht stand sie am offenen Fenster und sah hinauf durch das dunkelblaue Wasser, wo die Fische mit ihren Flossen und Schwänzen einherruderten. Mond und Sterne konnte sie sehen; zwar leuchteten sie nur ganz bleich, aber durch das Wasser sahen sie viel größer aus, als für unsere Augen; glitt es dann gleich einer schwarzen Wolke unter ihnen dahin, so wußte sie, daß es entweder ein Walfisch war, der über ihr schwamm, oder auch ein Schiff mit vielen Menschen; die dachten gewiß nicht daran, daß eine liebliche kleine Seejungfer unten stand und ihre weißen Hände gegen den Kiel emporstrecken.

Nun war die älteste Prinzessin fünfzehn Jahre alt und durfte zur Meeresoberfläche aufsteigen.

Als sie zurückkam, wußte sie hundert Dinge zu erzählen, das herrlichste jedoch, sagte sie, wäre, im Mondschein auf einer Sandbank in der ruhigen See zu liegen und zu der großen Stadt dicht bei der Küste hinüberzuschauen, wo die Lichter blinkten wie hundert Sterne, die Musik und den Lärm und die Geräusche der Wagen und Menschen zu hören, die vielen Kirchtürme und Giebel zu sehen und zu hören, wie die Glocken läuten. - Und die Jüngste sehnte sich immer mehr nach diesem allen, gerade weil sie noch nicht hinauf durfte.

O, wie horchte sie auf, und wenn sie dann abends am offenen Fenster stand und durch das dunkelblaue Wasser hinaufsah, dachte sie an die große Stadt mit all ihrem Lärm und Geräusch, und dann vermeinte sie, die Kirchenglocken bis zu sich herunter läuten zu hören.

Ein Jahr danach bekam die zweite Schwester Erlaubnis, durch das Wasser aufzusteigen und zu schwimmen, wohin sie wollte. Sie tauchte auf, gerade als die Sonne unterging, und dieser Anblick erschien ihr das schönste. Der ganze Himmel habe wie Gold ausgesehen, sagte sie, und die Wolken - Ja, deren Herrlichkeit konnte sie nicht genug beschreiben! Rot und violett waren sie über ihr dahingesegelt, aber weit hurtiger als sie flog, wie ein langer weißer Schleiers ein Schwarm wilder Schwäne über das Wasser hin, wo die Sonne stand. Sie schwamm ihr entgegen, aber sie sank, und der Rosenschimmer erlosch auf der Meeresfläche und den Wolken.

Im Jahre darauf kam die dritte Schwester hinauf. Sie war die dreisteste von allen. Darum schwamm sie einen breiten Fluß hinauf, der in das Meer mündete. Herrliche grüne Hügel mit Weinreben sah sie, und Schlösser und Bauernhöfe schauten zwischen den prächtigen Wäldern hervor, sie hörte, wie alle Vögel sangen, und die Sonne schien so warm, daß sie untertauchen mußte, um im Wasser ihr brennendes Antlitz zu kühlen. In einer kleinen Bucht traf sie eine Schar kleiner Menschenkinder, ganz nackend liefen sie im Wasser umher und plätscherten, sie wollte mit ihnen spielen, aber sie waren erschreckt davon gelaufen, und ein kleines schwarzes Tier war gekommen - das war ein Hund, aber sie hatte nie zuvor einen Hund gesehen -, der bellte sie so schrecklich an, daß sie es mit der Angst bekam und schnell in die offene See zu kommen suchte. Aber niemals konnte sie die prächtigen Wälder vergessen, und die grünen Hügel und die niedlichen Kinder, die im Wasser schwimmen konnten, obwohl sie keinen Fischschwanz hatten.

Die vierte Schwester war nicht so dreist, sie blieb draußen mitten im wilden Meer und erzählte, daß gerade das das Herrlichste gewesen wäre: Man sehe viele Meilen weit umher, und der Himmel stände über einem wie eine große Glasglocke. Schiffe hätte sie gesehen, aber weit in der Ferne, sie sähen aus wie Strandmöven; die lustigen Delfine hätten Purzelbäume geschlagen, und die großen Walfische hätten aus ihren Nasenlöchern Wasser hoch in die Luft gespritzt, so daß es wie hundert Springbrunnen ringsumher ausgesehen habe.-

Nun kam die Reihe an die fünfte Schwester; ihr Geburtstag fiel gerade in den Winter, und darum sah sie, was die anderen das erste Mal nicht gesehen hatten. Das Meer nahm sich ganz grün aus, und ringsum schwammen große Eisberge. Jeder sähe aus, wie eine Perle, sagte sie, und doch sei er größer als die Kirchtürme, die die Menschen bauten. In den seltsamsten Gestalten zeigten sie sich und funkelten wie Diamanten. Sie hatte sich auf einen der größten gesetzt, und alle Segler kreuzten erschrocken in großem Bogen dort vorbei, wo sie saß und ihre Haare im Winde fliegen ließ. Aber gegen Abend überzog sich der Himmel mit schwarzen Wolken, es blitzte und donnerte, während die schwarze See die großen Eisblöcke hoch emporhob und sie in rotem Lichte erglänzen ließ. Auf allen Schiffen nahm man die Segel herein, und überall herrschte Angst und Grauen, sie aber saß ruhig auf ihrem schwimmenden Eisberg und sah die blauen Blitze im Zickzack in die schimmernde See herniederschlagen. Das erste Mal, wenn eine der Schwestern über das Wasser emporkam, war jede entzückt über all das Neue und Schöne. was sie sah, aber da sie nun als erwachsene Mädchen emporsteigen durften, wann sie wollten, wurde es ihnen gleichgültig, sie sehnten sich wieder nach Hause zurück, und nach eines Monats Verlauf sagten sie, daß es doch unten bei ihnen am allerschönsten sei, man sei da so hübsch zu Hause.

In mancher Abendstunde faßten sich die fünf Schwestern an den Händen und stiegen in einer Reihe über das Wasser hinauf. Herrliche Stimmen hatten sie, schöner als irgendein Mensch, und wenn dann ein Sturm heraufzog, so daß sie annehmen konnten, daß Schiffe untergehen würden, so schwammen sie vor den Schiffen her und sangen so wundersam, wie schön es auf dem Meeresgrunde sei, und sie baten die Schiffer, sich nicht zu fürchten vor dem Untergehn, aber diese konnten die Worte nicht verstehen und glaubten, es wäre der Sturm. Und sie bekamen die Herrlichkeiten da unten auch nicht zu sehen, denn wenn das Schiff sank, ertranken die Menschen und kamen nur als Tote zu des Meerkönigs Schloß.

Wenn die Schwestern so Arm in Arm am Abend durch die See hinaufstiegen, dann stand die kleine Schwester ganz allein und sah ihnen nach, und es war ihr, als ob sie weinen müßte, aber Seejungfern haben keine Tränen und leiden darum viel schwerer.

“Ach, wäre ich doch fünfzehn Jahre!” sagte sie, “ich weiß, daß ich die Welt da oben und die Menschen, die dort bauen und wohnen, recht in mein Herz schließen werde!”

Endlich war sie fünfzehn Jahre alt.

“Sieh, nun bist du erwachsen,” sagte ihre Grobmutter die alte Königin-Witwe. “Komm nun und lasse dich von mir schmücken wie deine anderen Schwestern!” Und sie setzte ihr einen Kranz von weißen Lilien ins Haar, aber jedes Blumenblatt war eine halbe Perle: und dann ließ die Alte acht große Austern sich im Schwanze der Prinzessin festklemmen, um ihren hohen Stand zu zeigen.

“Das tut so weh!” sagte die kleine Seejungfer.

“Ja, Adel hat seinen Zwang!” sagte die Alte.

Ach, sie würde so gerne die ganze Pracht abgeschüttelt und den schweren Kranz weggelegt haben, ihre roten Blumen im Garten kleideten sie viel besser, aber das nutzte nun nichts mehr. “Lebewohl,” sagte sie und stieg leicht und klar, gleich einer Blase, im Wasser empor. Die Sonne war gerade untergegangen, als sie ihr Haupt aus dem Wasser erhob, aber alle Wolken leuchteten noch wie Rosen und Gold, und mitten in der zartroten Luft strahlte der Abendstern so licht und klar. Die Luft war mild und frisch und das Meer windstill. Da lag ein großes Schiff mit drei Masten. Nur ein einziges Segel war aufgezogen, denn nicht ein Lüftchen rührte sich und rings im Tauwerk und auf den Stangen saßen Matrosen. Da war Musik und Gesang, und als es abends dunkelte, wurden hunderte von bunten Lichtern angezündet; und es sah aus, als ob die Flaggen aller Nationen in der Luft wehten. Die kleine Seejungfer schwamm bis dicht an das Kajütenfenster, und jedesmal, wenn das Wasser sie emporhob, konnte sie durch die spiegelklaren Scheiben sehen, wie viele geputzte Menschen drinnen standen, aber der schönste war doch der junge Prinz mit den großen schwarzen Augen. Er war gewiß nicht viel über sechzehn Jahre; es war sein Geburtstag, und darum herrschte all die Pracht. Die Matrosen tanzten auf dem Deck, und als der junge Prinz heraustrat, stiegen über hundert Raketen in die Luft empor, die leuchteten wie der klare Tag, so daß die kleine Seejungfer ganz erschreckt ins Wasser niedertauchte, aber sie steckte den Kopf bald wieder hervor und da war es, als ob alle Sterne des Himmels auf sie herniederfielen. Niemals hatte sie solche Feuerkünste gesehen. Große Sonnen drehten sich sprühend herum, Feuerfische schwangen sich in die blaue Luft, und alles spiegelte sich in der klaren, stillen See. Auf dem Schiffe selbst war es so hell, daß man jedes kleine Tau sehen konnte, wieviel genauer noch die Menschen. Ach, wie schön war doch der junge Prinz, und er drückte den Leuten die Hand und lächelte, während die Musik in die herrliche Nacht hinausklang.

Es wurde spät, aber die kleine Seejungfer konnte die Augen nicht von dem Schiffe und von dem schönen Prinzen wegwenden. Die bunten Lichter wurden gelöscht, Raketen stiegen nicht mehr empor, und auch keine Kanonenschüsse ertönten mehr, aber tief unten im Meere summte und brummte es. Sie saß inzwischen und ließ sich vom Wasser auf und nieder schaukeln, so daß sie in die Kajüte hineinsehen konnte; aber jetzt bekam das Schiff stärkere Fahrt, ein Segel nach dem anderen breitete sich aus, die Wogen gingen höher, große Wolken zogen herauf, es blitzte in der Ferne. Ein schreckliches Unwetter war im Anzuge, deshalb nahmen die Matrosen die Segel ein. Das große Schiff schaukelte in fliegender Fahrt auf der wilden See. Die Wogen stiegen auf wie große, schwarze Berge, die sich über die Masten wälzen wollten, aber das Schiff tauchte wie ein Schwan zwischen den hohen Wogen nieder und ließ sich wieder emportragen auf die aufgetürmten Wasser. Der kleinen Seejungfer schien es eine recht lustige Fahrt zu sein, aber den Seeleuten er

schien es ganz und gar nicht so. Das Schiff knackte und krachte, die dicken Planken bogen sich bei den starken Stößen, mit denen sich die See gegen das Schiff warf, der Mast brach mitten durch, als ob er ein Rohr wäre, und das Schiff schlingerte auf die Seite, während das Wasser in den Raum drang. Nun sah die kleine Seejungfer, daß sie in Gefahr waren. Sie mußte sich selbst in acht nehmen, vor den Balken und Schiffstrümmern, die auf dem Wasser trieben. Einen Augenblick war es so kohlschwarze Finsternis, daß sie nicht das mindeste gewahren konnte, aber wenn es dann blitzte, wurde es wieder so hell, daß sie alle auf dem Schiffe erkennen konnte; jeder tummelte sich, so gut er konnte. Besonders suchte sie nach dem jungen Prinzen, und sie sah ihn, als das Schiff verschwand, in das tiefe Meer versinken. Zuerst war sie sehr froh darüber, denn nun kam er ja zu ihr herunter, aber dann erinnerte sie sich, daß Menschen nicht unter dem Wasser leben können, daß er also nur als Toter hinunter zu ihres Vaters Schloß gelangen konnte. Nein, sterben durfte er nicht; deshalb schwamm sie hin zwischen die Balken und Planken, die auf dem Meere trieben, und vergaß ganz daß sie von ihnen hätte zermalmt werden können. Sie tauchte tief unter das Wasser, stieg wieder empor zwischen den Wogen und gelangte so zuletzt zu dem jungen Prinzen hin, der kaum mehr in der stürmischen See schwimmen konnte, seine Arme und Beine begannen zu ermatten, die schönen Augen schlossen sich, und er wäre gestorben, wenn nicht die kleine Seejungfer dazu gekommen wäre. Sie hielt seinen Kopf über Wasser und ließ sich so von den Wogen mit ihm treiben, wohin sie wollten.

Am Morgen war das Unwetter vorüber, vom Schiffe war nicht ein Span mehr zu sehen, die Sonne stieg rot empor und glänzte über dem Wasser, und es war gerade, als ob des Prinzen Wangen Leben dadurch erhielten, aber die Augen blieben geschlossen. Die Seejungfer küßte seine hohe, schöne Stirn und strich sein nasses Haar zurück, sie dachte, daß er dem Marmorbilde unten in ihrem kleinen Garten gliche, und sie küßte ihn wieder und wünschte, daß er doch leben möchte.

Nun sah sie vor sich das feste Land, hohe blaue Berge, auf deren Gipfel der weiße Schnee schimmerte, als ob Schwäne dort oben lägen. Unten an der Küste waren herrliche grüne Wälder, und vorn lag eine Kirche oder ein Kloster, das wußte sie nicht recht, aber ein Gebäude war es. Zitronen- und Apfelsinenbäume wuchsen dort im Garten, und vor den Toren standen große Palmenbäume. Die See bildete hier eine kleine Bucht, da war es ganz still, aber sehr tief. Bis dicht zu den Klippen, wo der feine” weiße Sand angespült lag, schwamm sie mit dem schönen Prinzen, legte ihn in den Sand, und sorgte besonders dafür, daß der Kopf hoch im warmen Sonnenschein lag.

Nun läuteten die Glocken in dem großen weißen Gebäude, und es kamen viele junge Mädchen durch den Garten. Da schwamm die kleine Seejungfer etwas weiter hinaus hinter ein paar große Felsen, die aus dem Meere aufragten, bedeckte ihre Brust und ihr Haar mit Meerschaum, so daß niemand ihr kleines Antlitz sehen konnte, und dann paßte sie auf, wer zu dem armen Prinzen kommen würde.

Es dauerte nicht lange, bis ein junges Mädchen dahin kam. Sie schien sehr erschrocken, aber nur einen Augenblick, dann holte sie mehrere Leute herbei, und die Seejungfer sah, daß der Prinz wieder zu sich kam und alle anlächelte, aber hinaus zu ihr lächelte er nicht, er wußte ja auch nicht, daß sie ihn gerettet hatte; sie wurde sehr traurig, und als er in das große Gebäude geführt wurde, tauchte sie betrübt ins Wasser hinab und kehrte heim zu ihres Vaters Schloß.

Immer war sie still und gedankenvoll gewesen, aber nun wurde sie es noch weit mehr. Die Schwestern fragten sie, was sie das erste Mal dort oben gesehen habe, aber sie erzählte nichts.

Manchen Abend und Morgen stieg sie auf zu der Stelle, wo sie den Prinzen verlassen hatte. Sie sah des Gartens Früchte reifen und gepflückt werden, sie sah den Schnee auf den hohen Bergen schmelzen, aber den Prinzen sah sie nicht, und deshalb kehrte sie immer betrübter heim. Es war ihr einziger Trost, in dem kleinen Garten zu sitzen und ihre Arme um das schöne Marmorbild, das dem Prinzen glich, zu schlingen, aber ihre Blumen pflegte sie nicht, sie wuchsen wie in einer Wildnis über die Gänge hinaus und flochten ihre langen Stiele und Blätter in die Zweige der Bäume, so daß es dort ganz dunkel war.

Zuletzt konnte sie es nicht länger aushalten und sagte es einer von ihren Schwestern, und so bekamen es schnell all die anderen zu wissen, aber nicht mehr als sie und noch ein paar Seejungfern, die es niemand weitersagten, als ihren allernächsten Freundinnen. Eine von diesen wußte, wer der Prinz war, sie hatte auch das Fest auf dem Schiffe gesehen und wußte, woher er war und wo sein Königreich lag.

“Komm, Schwesterchen” sagten die anderen Prinzessinnen, und Arm in Arm stiegen sie in einer langen Reihe aus dem Meere empor, dorthin, wo sie des Prinzen Schloß wußten.

Dies war aus einer hellgelb glänzenden Steinart aufgeführt, mit großen Marmortreppen, von denen eine gerade bis zum Meere hinunter führte. Prächtige vergoldete Kuppeln erhoben sich über dem Dache, und zwischen den Säulen, die das ganze Gebäude umkleideten, standen Marmorbilder, die sahen aus, als ob sie Leben hätten. Durch das klare Glas in den hohen Fenstern konnte man in die prächtigsten Gemächer hineinsehen, wo kostbare Seidengardinen und Teppiche hingen und die Wände mit großen Gemälden geschmückt waren, so daß es ein wahres Vergnügen war, alles anzusehen. Mitten in dem größten Saal plätscherte ein großer Springbrunnen, seine Strahlen sprangen hoch auf gegen die Glaskuppel in der Decke, wo hindurch die Sonne auf das Wasser und die herrlichen Pflanzen schien, die in dem großen Marmorbecken wuchsen.

Nun wußte sie, wo er wohnte, und so brachte sie manchen Abend und manche Nacht dort auf dem Wasser zu. Sie schwamm dem Lande weit näher, als es eine der anderen je gewagt hatte, ja sie drang bis weit in den schmalen Kanal unter dem prächtigen Marmoraltan ein, der einen langen Schatten über das Wasser warf. Hier saß sie und sah auf den jungen Prinzen, der sich ganz allein in dem klaren Mondschein glaubte.

An manchem Abend sah sie ihn mit Musik und wehenden Flaggen in seinem prächtigen Boot davonsegeln. Sie lugte zwischen dem grünen Schilfe hervor, und wenn der Wind mit ihrem langen silberweißen Schleier spielte und jemand das sah, dachte er, es sei ein Schwan, der seine Flügel höbe.

Sie hörte in mancher Nacht, wenn die Fischer mit Fackeln auf dem Meer lagen, daß viel Gutes von dem jungen Prinzen berichtet wurde, und da freute sie sich, daß sie ihn gerettet hatte, als er halbtot auf den Wogen trieb, und sie dachte daran, wie fest sein Haupt an ihrer Brust geruht hatte, und wie innig sie ihn da geküßt hatte. Aber er wußte nichts davon und konnte nicht einmal von ihr träumen.

Mehr und mehr kam sie dazu, die Menschen zu lieben, und mehr und mehr wünschte sie, zu ihnen hinaufsteigen zu können, denn die Menschenwelt erschien ihr weit größer als die ihre. Sie konnten zu Schiff über die Meere fliegen, auf die hohen Berge weit über den Wolken steigen, und ihre Länder erstreckten sich mit Wäldern und Feldern weiter, als sie blicken konnte. Da war so vieles, was sie gern wissen wollte, aber die Schwestern konnten ihr auf viele Fragen keine Antwort geben, deshalb fragte sie die alte Großmutter, denn diese kannte die höhere Welt, wie sie sehr richtig die Länder oberhalb des Meeres nannte, recht gut.

“Wenn die Menschen nicht ertrinken,” fragte die kleine Seejungfer, “können sie dann ewig leben? Sterben sie nicht, wie wir hier unten im Meere?”

“Ja”, sagte die Alte, “sie müssen auch sterben, und ihre Lebenszeit ist sogar noch kürzer als die unsere. Wir können dreihundert Jahre alt werden, aber wenn wir dann aufgehört haben, zu sein, so werden wir in Schaum auf dem Wasser verwandelt und haben nicht einmal ein Grab hier unten zwischen unseren Lieben.

Wir haben keine unsterbliche Seele; wir erhalten nie wieder Leben. Wir sind gleich dem grünen Schilfe, ist es einmal abgeschnitten, so kann es nie wieder grünen. Die Menschen dagegen haben eine Seele, die ewig lebt, die lebt, auch wenn der Körper zu Erde zerfallen ist. Sie steigt auf in der klaren Luft und zu all den schimmernden Sternen empor! Gerade wie wir aus dem Meere auftauchen und die Länder der Menschen sehen, so tauchen sie zu unbekannten, herrlichen Orten empor, die wir niemals erblicken werden.”

“Warum bekamen wir keine unsterbliche Seele?” sagte die kleine Seejungfer betrübt, “ich wollte alle meine hundert Jahre, die ich zu leben habe, dafür hingeben, einen Tag ein Mensch zu sein und Teil zu haben an der himmlischen Welt!”

“So etwas mußt du nicht denken!” sagte die Alte, “wir sind viel glücklicher und besser daran, als die Menschen dort oben!”

“Ich muß also sterben und als Schaum auf dem Meere treiben, und darf nicht mehr der Wellen Musik hören, die herrlichen Blumen und die rote Sonne sehen. Kann ich denn gar nichts tun, um eine unsterbliche Seele zu gewinnen?”-

“Nein”, sagte die Alte. “Nur wenn ein Mensch dich so lieb gewinnt, daß du für ihn mehr wirst, als Vater und Mutter, wenn er mit allen seinen Gedanken und seiner Liebe an dir hinge und den Priester deine rechte Hand in seine legen ließe mit dem Gelübde der Treue hier und für alle Ewigkeit, dann würde seine Seele in deinen Körper überfließen und du bekämest auch Teil an dem Glücke der Menschen. Er gäbe dir eine Seele und behielte doch die eigene. Aber das kann niemals geschehen! Was hier im Meere gerade als schön gilt, dein Fischschwanz, das finden sie häßlich oben auf der Erde, sie verstehen es eben nicht besser. Man muß dort zwei plumpe Säulen haben, die sie Beine nennen, um schön zu sein!”

Da seufzte die kleine Seejungfer und sah betrübt auf ihren Fischschwanz.

“Laß uns fröhlich sein,” sagte die Alte, “hüpfen und springen wollen wir in den dreihundert Jahren, die wir zu leben haben, das ist eine ganz schöne Zeit. Später kann man sich um so sorgenloser in seinem Grabe ausruhen. Heute abend haben wir Hofball!”

Das war eine Pracht, wie man sie auf der Erde nie sehen konnte. Wände und Decke in dem großen Tanzsaal waren aus dickem, aber klarem Glase. Mehrere hundert riesige Muschelschalen, rosenrote und grasgrüne, standen in Reihen an jeder Seite mit einem blau brennenden Feuer, das den ganzen Saal erleuchtete und durch die Wände hinausschien, so daß die See draußen ebenfalls hell erleuchtet war. Man konnte all die unzähligen Fische sehen, große und kleine, die gegen die Glasmauern schwammen. Bei einigen schimmerten die Schuppen purpurrot, bei anderen wie Silber und Gold. Mitten im Saale floß ein breiter Strom, und auf diesem tanzten die Meermänner und Meerweiblein zu ihrem eigenen herrlichen Gesang. So süßklingende Stimmen gibt es bei den Menschen auf der Erde nicht. Die kleine Seejungfer sang am schönsten von allen, und alle klatschten ihr zu, und einen Augenblick lang fühlte sie Freude im Herzen, denn sie wußte, daß sie die schönste Stimme von allen im Wasser und auf der Erde hatte! Aber bald dachte sie doch wieder an die Welt über sich; sie konnte den schönen Prinzen nicht vergessen und auch nicht ihren Kummer darüber, daß sie nicht, wie er, eine unsterbliche Seele besaß.

Deshalb schlich sie sich aus ihres Vaters Schloß, und während alle drinnen sich bei Gesang und Fröhlichkeit vergnügten, saß sie betrübt in ihrem kleinen Garten. Da hörte sie das Waldhorn durch das Wasser hinunter erklingen, und sie dachte: “Nun fährt er gewiß dort oben, er, den ich lieber habe, als Vater und Mutter, er, an dem meine Gedanken hängen und in dessen Hand ich meines Lebens Glück legen möchte. Alles will ich wagen um ihn und um eine unsterbliche Seele zu gewinnen! Während meine Schwestern dort drinnen in meines Vaters Schloß tanzen, will ich zur Meerhexe gehen, vor der ich mich immer so gefürchtet habe. Aber sie kann vielleicht raten und helfen!”

Nun ging die kleine Seejungfer aus ihrem Garten hinaus zu dem brausenden Malstrom, hinter dem die Hexe wohnte. Diesen Weg war sie nie zuvor gegangen, da wuchsen keine Blumen, kein Seegras, nur der nackte graue Sandboden streckte sich gegen den Malstrom, wo das Wasser wie brausende Mühlenräder im Kreise wirbelte und alles, was es erfaßte, mit sich in die Tiefe riß. Mitten zwischen diesen zermalmenden Wirbeln mußte sie dahingehen, um in das Reich der Meerhexe zu gelangen. Dann gab es eine ganze Strecke keinen anderen Weg, als über heißsprudelnden Schlamm, den die Hexe ihr Torfmoor nannte. Dahinter lag ihr Haus mitten in einem seltsamen Walde. Alle Bäume und Büsche waren Polypen, halb Tier, halb Pflanze, sie sahen aus, wie hundertköpfige Schlangen, die aus der Erde wuchsen; alle Zweige waren lange schleimige Arme mit Fingern wie geschmeidige Würmer, und Glied für Glied bewegten sie sich von der Wurzel bis zur äußersten Spitze. Alles was in ihre Greifnähe kam im Meer, umschnürten sie fest und ließen es nicht wieder los. Die kleine Seejungfer blieb ganz erschrocken draußen stehen, ihr Herz klopfte vor Angst, fast wäre sie wieder umgekehrt, aber da dachte sie an den Prinzen und an die Menschenseele, und das machte ihr Mut. Ihr langes, wehendes Haar band sie fest um den Kopf, so daß die Polypen sie nicht daran ergreifen könnten, beide Hände legte sie über der Brust zusammen und schoß von dannen, schnell wie nur ein Fisch durchs Wasser schießen kann, mitten hinein zwischen die häßlichen Polypen, die ihre geschmeidigen Arme und Finger nach ihr ausstreckten. Sie sah, wie jeder von ihnen etwas, was er aufgegriffen hatte mit hundert kleinen Armen festhielt wie mit starken Eisenbanden. Menschen, die in der See umgekommen waren und tief heruntergesunken waren, sahen als weiße Gerippe aus dem Armen der Polypen hervor. Steuerruder und Kisten hielten sie fest, Skelette von Landtieren und eine kleine Meerjungfer, die sie gefangen und erstickt hatten, - das erschien ihr fast als das Schrecklichtse.

Nun gelangte sie an einen großen, mit Schleim bedeckten Platz im Walde, wo große, fette Wasserschlangen sich wälzten und ihre häßlichen, weißgelben Bäuche zeigten. Mitten auf dem Platze war ein Haus errichtet aus ertrunkener Menschen weißen Gebeinen. Da saß die Meerhexe und ließ eine Kröte von ihrem Munde essen, gerade wie Menschen einen kleinen Kanarienvogel Zucker picken lassen. Die häßlichen, fetten Wasserschlangen nannte sie ihre kleinen Küchlein und ließ sie sich auf ihrer großen, schwammigen Brust wälzen.

“Ich weiß schon, was du willst!” sagte die Meerhexe, “das ist zwar dumm von dir, aber du sollst trotzdem deinen Willen haben, denn er wird dich ins Unglück stürzen, meine schöne Prinzessin. Du willst gern deinen Fischschwanz los sein und dafür zwei Stümpfe haben, um darauf zu gehen, ebenso wie die Menschen, damit der junge Prinz sich in dich verlieben soll und du ihn und eine unsterbliche Seele bekommen kannst!” Gleichzeitig lachte die Hexe so laut und scheußlich, daß die Kröte und die Schlangen zur Erde fielen und sich dort wälzten. “Du kommst gerade zur rechten Zeit” sagte die Hexe, “morgen, wenn die Sonne aufgeht, könnte ich dir nicht mehr helfen, bevor wieder ein Jahr um wäre. Ich will dir einen Trunk bereiten, mit dem sollst du, bevor die Sonne aufgeht, ans Land schwimmen, dich ans Ufer setzen und ihn trinken, dann verschwindet dein Schwanz und schrumpft zusammen zu dem, was die Menschen hübsche Beine nennen, aber es tut weh, es wird sein als ob ein scharfes Schwert durch dich hindurch ginge. Alle, die dich sehen, werden sagen, du seiest das liebreizendste Menschenkind, das sie je gesehen hätten! Du behältst deinen schwebenden Gang, keine Tänzerin wird schweben können, wie du, aber jeder Schritt, den du tust, wird sein, als ob du auf scharfe Messer trätest, so daß dein Blut fließen muß. Willst du alles dies erleiden, so werde ich dir helfen!”

“Ja!” sagte die kleine Seejungfer mit bebender Stimme und dachte an den Prinzen und die unsterbliche Seele.

“Bedenke aber”, sagte die Hexe, “hast du erst menschliche Gestalt bekommen, so kannst du nie wieder eine Seejungfer werden! Niemals wieder kannst du durch das Wasser zu deinen Schwestern niedersteigen und zu deines Vaters Schloß. Und wenn du die Liebe des Prinzen nicht eringst, so daß er um deinetwillen Vater und Mutter vergißt, mit allen seinen Gedanken nur an dir hängt und den Priester eure Hände ineinander legen läßt, so daß Ihr Mann und Frau werdet, so bekommst du keine unsterbliche Seele! Am ersten Morgen, nachdem er sich mit einer anderen vermählt hat, muß dein Herz brechen, und du wirst zu Schaum auf dem Wasser.”

“Ich will es!” sagte die kleine Seejungfer und war bleich wie der Tod.

“Aber mich mußt du auch bezahlen!” sagte die Hexe, “und es ist nicht wenig, was ich verlange. Du hast die herrlichste Stimme von allen hier unten auf dem Meeresgrunde, damit willst du ihn bezaubern, hast du dir wohl gedacht, aber die Stimme mußt du mir geben. Das beste, was du besitzest, will ich für meinen kostbaren Trank haben! Ich muß ja mein eigenes Blut für dich darein mischen, damit der Trank scharf werde, wie ein zweischneidiges Schwert!”

“Aber wenn du mir meine Stimme nimmst,” sagte die kleine Seejungfer, “was behalte ich dann übrig?”

“Deine schöne Gestalt,” sagte die Hexe, “Deinen schwebenden Gang und deine sprechenden Augen, damit kannst du schon ein Menschenherz betören. Na, hast du den Mut schon verloren? Streck deine kleine Zunge hervor, dann schneide ich sie ab, zur Bezahlung, und du bekommst dafür den kräftigen Trank!”

“Es geschehe!” sagte die kleine Seejungfer, und die Hexe setzte ihren Kessel auf, um den Zaubertrank zu kochen. “Reinlichkeit ist ein gutes Ding!” sagte sie und scheuerte den Kessel mit Schlangen ab, die sie zu einem Knoten band. Nun ritzte sie sich selbst in die Brust und ließ ihr schwarzes Blut hineintropfen. Der Dampf nahm die seltsamsten Gestalten an, so daß einem angst und bange wurde. Jeden Augenblick tat die Hexe neue Sachen in den Kessel, und als es recht kochte, war es, als ob ein Krokodil weint. Zuletzt war der Trank fertig, er sah aus, wie das klarste Wasser.

“Da hast du ihn!” sagte die Hexe und schnitt der kleinen Seejungfer die Zunge ab. Nun war sie stumm und konnte weder singen noch sprechen.

“Sobald du von den Polypen ergriffen wirst, wenn du durch meinen Wald zurück gehst,” sagte die Hexe, “so wirf nur einen einzigen Tropfen von diesem Trank auf sie, dann springen ihre Arme und Finger in tausend Stücke!” Aber das brauchte die kleine Seejungfer gar nicht. Die Polypen zogen sich erschreckt vor ihr zurück, als sie den leuchtenden Trank sahen, der in ihrer Hand glänzte, gerade als ob sie einen funkelnden Stern hielte. So kam sie bald durch den Wald, das Moor und den brausenden Malstrom.

Sie konnte ihres Vaters Schloß sehen; die Lichter in dem großen Tanzsaal waren gelöscht, sie schliefen gewiß alle darinnen, aber sie wagte doch nicht noch einmal hinzugehen, nun sie stumm geworden war und sie auf immer verlassen wollte. Es war, als ob ihr Herz vor Kummer zerspringen wollte. Sie schlich sich in den Garten, nahm eine Blume von jeder Schwester Beet, warf tausend Kußhände zum Schlosse hin und stieg durch die dunkelblaue See empor.

Die Sonne war noch nicht aufgegangen, als sie des Prinzen Schloß erblickte und die prächtige Marmortreppe emporstieg. Der Mond schien wundersam klar. Die kleine Seejungfer trank den brennend scharfen Trank und es war ihr, als ob ein zweischneidiges Schwert durch ihre feinen Glieder ging. Sie wurde darüber ohnmächtig und lag wie tot da. Als die Sonne über die See schien, erwachte sie und fühlte einen schneidenden Schmerz, aber gerade vor ihr stand der schöne, junge Prinz. Er heftete seine kohlschwarzen Augen auf sie, so daß sie die ihren niederschlug, und nun sah sie, daß ihr Fischschwanz fort war und sie die niedlichsten kleinen, weißen Füßchen hatte, die nur ein Mädchen haben kann. Aber sie war ganz nackend, darum hüllte sie sich in ihr langes, dichtes Haar. Der Prinz fragte, wer sie wäre und wie sie hierhergekommen sei, und sie sah ihn mild aber doch so traurig mit ihren dunkelblauen Augen an; sprechen konnte sie ja nicht. Da nahm er sie bei der Hand und führte sie in das Schloß. Jeder Schritt, den sie tat, war, wie die Hexe es ihr vorausgesagt hatte, als ob sie auf spitzige Nadeln und scharfe Messer träte, aber das erduldete sie gerne; an des Prinzen Hand stieg sie so leicht wie eine Seifenblase empor, und er und alle Anderen verwunderten sich über ihren anmutig dahinschwebenden Gang.

Mit köstlichen Kleidern aus Seide und Musselin wurde sie nun bekleidet. Sie war die Schönste im Schlosse, aber sie war stumm, konnte weder singen noch sprechen. Wunderschöne Sklavinnen, gekleidet in Seide und Gold, traten hervor und sangen vor dem Prinzen und seinen königlichen Eltern. Eine von ihnen sang schöner als die anderen, und der Prinz klatschte in die Hände und lächelte ihr zu. Da ward die kleine Seejungfer traurig, sie wußte, daß sie selbst weit schöner gesungen hatte! und sie dachte, o, wüßte er nur, daß ich, um in seiner Nähe zu sein, meine Stimme für alle Ewigkeit hingegeben habe!”

Nun tanzten die Sklavinnen lieblich schwebende Tänze zu der herrlichsten Musik. Da hob die kleine Seejungfer ihre schönen, weißen Arme, erhob sich auf den Zehenspitzen und schwebte über den Boden hin, und sie tanzte, wie noch keine getanzt hatte. Bei jeder Bewegung offenbarte sich ihre Schönheit anmutiger, und ihre Augen sprachen tiefer zum Herzen, als der Gesang der Sklavinnen.

Alle waren entzückt, besonders aber der Prinz, der sie sein kleines Findelkind nannte, und sie tanzte fort und fort, ob auch bei jedem Male, wenn ihr Fuß die Erde berührte, sie einen Schmerz fühlte, als ob sie auf scharfe Messer träte. Der Prinz sagte, daß sie immer bei ihm bleiben müsse, und sie bekam die Erlaubnis, vor seiner Tür auf einem samtenen Kissen zu schlafen.

Er ließ ihr eine Knabentracht nähen, damit sie ihm auch zu Pferde folgen könne. Sie ritten durch die duftenden Wälder, wo die Zweige an ihre Schultern schlugen und die kleinen Vögel unter den frischen Blättern sangen. Sie kletterte mit dem Prinzen die hohen Berge hinauf, und obgleich ihre feinen Füße bluteten, daß selbst die anderen es sahen, lachte sie dessen und folgte ihm doch, bis sie die Wolken unter sich dahinsegeln sahen, wie einen Schwarm Vögel, der nach fremden Ländern zog.

Daheim auf des Prinzen Schloß, wenn nachts die anderen schliefen, ging sie die breite Marmortreppe hinab; es kühlte ihre brennenden Füße, im kalten Meereswasser zu stehen, und dann dachte sie derer unten in der Tiefe.

Eines Nachts kamen ihre Schwestern Arm in Arm, sie sangen so traurig, während sie über das Wasser dahinschwammen, und sie winkte ihnen zu, und sie erkannten sie und erzählten, wie traurig sie alle um sie seien. Sie besuchten sie von nun an jede Nacht. Und in einer Nacht sah sie weit draußen die alte Grobmutter die seit vielen Jahren nicht mehr über dem Wasser gewesen war, und den Meerkönig mit seiner Krone auf dem Haupte. Sie streckten die Arme nach ihr aus, aber wagten sich nicht so nahe ans Land, wie die Schwestern.

Tag für Tag wurde sie dem Prinzen lieber, er hatte sie lieb, wie man ein gutes und liebes Kind gern hat, aber sie zu seiner Königin zu machen, kam ihm nicht in den Sinn. Und sie mußte doch seine Frau werden, sonst erhielt sie keine unsterbliche Seele und mußte an seinem Hochzeitsmorgen zu Schaum vergehen.

“Hast du mich nicht am liebsten von allen?” schienen der kleinen Seejungfer Augen zu fragen, wenn er sie in seine Arme nahm und sie auf die schöne Stirn küßte.

“Ja, du bist mir die Liebste,” sagte der Prinz, “denn du hast das beste Herz von allen, du bist mir am meisten ergeben, und du gleichst einem jungen Mädchen, das ich einmal sah aber gewiß nie wieder finden werde. Ich war auf einem Schiffe, das unterging. Die Wogen trieben mich bei einem heiligen Tempel an das Land, wo mehrere junge Mädchen die Tempeldienste verrichteten. Die Jüngste fand mich am Meeresufer und rettete mir das Leben. Ich sah sie nur zwei Mal. Sie ist die einzige in dieser Welt, die ich lieben könnte, aber du gleichst ihr, du verdrängst fast ihr Bild in meiner Seele. Sie gehört dem heiligen Tempel an, und deshalb hat mein Glücksengel dich mir gesendet. Nie wollen wir uns trennen!” - “Ach, er weiß nicht, daß ich sein Leben gerettet habe!” dachte die kleine Seejungfer, “ich trug ihn über das Meer zu dem Walde, wo der Tempel stand; ich saß hinter dem Schaum und paßte auf, ob Menschen kommen würden; ich sah das schöne Mädchen, das er mehr liebt, als mich!” Und die Seejungfer seufzte tief, denn weinen konnte sie nicht. “Das Mädchen gehört dem heiligen Tempel an, hat er gesagt; sie kommt nie in die Welt hinaus, sie begegnen einander nicht mehr; ich bin bei ihm, sehe ihn jeden Tag. Ich will ihn pflegen, ihn lieben, ihm mein Leben opfern!”

Aber nun sollte der Prinz sich verheiraten mit des Nachbarkönigs schöner Tochter, erzählte man. Deshalb rüstete er auch ein so prächtiges Schiff aus. Der Prinz reist, um des Nachbarkönigs Länder kennen zu lernen, hieß es allerdings, aber es geschah im Grunde genommen, um des Nachbarkönigs Tochter kennen zu lernen. Ein großes Gefolge sollte ihn begleiten. Aber die kleine Seejungfer schüttelte das Haupt und lächelte. Sie kannte die Gedanken des Prinzen weit besser, als alle anderen. “Ich soll reisen!” hatte er ihr gesagt, “ich soll die schöne Prinzessin sehen, meine Eltern verlangen das. Aber zwingen wollen sie mich nicht, sie als meine Braut heimzuführen. Ich kann sie ja nicht lieben! Sie gleicht nicht dem schönen Mädchen im Tempel, der du gleich siehst. Sollte ich einmal eine Braut wählen, so würdest eher du es werden, du, mein stummes Findelkind mit den sprechenden Augen!” und er küßte ihren roten Mund, spielte mit ihren langen Haaren und legte sein Haupt an ihr Herz, das von Menschenglück und einer unsterblichen Seele träumte.

“Du hast doch keine Furcht vor dem Meere, mein stummes Kind!” sagte er, als sie auf dem prächtigen Schiffe standen, das ihn in des Nachbarkönigs Land führen sollte. Und er erzählte ihr von Sturm und Windstille, von seltsamen Fischen in der Tiefe, und was der Taucher dort gesehen hatte. Sie lächelte bei seiner Erzählung, sie wußte ja besser als nur irgend ein Mensch im Meere bescheid.

In der mondklaren Nacht, als alle schliefen außer dem Steuermann, der am Ruder saß, saß sie an der Brüstung des Schiffes und starrte durch das klare Wasser hinab, und sie vermeinte, ihres Vaters Schloß zu sehen. Oben darauf stand ihre alte Großmutter mit der Silberkrone auf dem Haupte und starrte durch die wilde Strömung zu des Schiffes Kiel hinauf. Da kamen ihre Schwestern über das Wasser empor, und sie schauten sie traurig an und rangen ihre weißen Hände. Sie winkte ihnen zu, lächelte und wollte erzählen, daß sie glücklich sei und es ihr gut gehe, aber der Schiffsjunge näherte sich ihr, und die Schwestern tauchten hinab, so daß er glaubte, das Weiße, das er gesehen, sei Meeresschaum.

Am nächsten Morgen fuhr das Schiff in den Hafen bei des Nachbarkönigs prächtiger Stadt ein. Alle Kirchenglocken erklangen, und von den hohen Türmen wurden die Posaunen geblasen, während die Soldaten mit wehenden Fahnen und blinkenden Bajonetten dastanden. Jeder Tag brachte ein neues Fest. Bälle und Gesellschaften folgten einander, aber die Prinzessin war nicht da. Sie war weit entfernt von hier in einem heiligen Tempel erzogen worden, sagte man. Dort lehre man sie alle königlichen Tugenden. Endlich traf sie ein.

Die kleine Seejungfer stand begierig, ihre Schönheit zu sehen, und sie mußte anerkennen, eine lieblichere Erscheinung hat sie nie gesehen. Die Haut war so fein und zart, und hinter den langen schwarzen Wimpern lächelte ein Paar dunkelblauer, treuer Augen.

“Du bist es!” sagte der Prinz, “Du, die mich rettete, als ich wie tot an der Küste lag!” und er schloß die errötende Braut in seine Arme. “O, ich bin allzu glücklich!” sagte er zu der kleinen Seejungfer. “Das allerhöchste, auf was ich nie zu hoffen wagte, ist mir in Erfüllung gegangen. Du wirst dich mit mir über mein Glück freuen, denn du meinst es von allen am besten mit mir!” Und die kleine Seejungfer küßte seine Hand, und sie fühlte fast ihr Herz brechen. Sein Hochzeitsmorgen sollte ihr ja den Tod bringen und sie zu Meeresschaum verwandeln.

Alle Kirchenglocken läuteten, Herolde ritten in den Straßen umher und verkündeten die Verlobung. Auf allen Altaren brannten duftende Öle in kostbaren Silberlampen. Die Priester schwangen die Räucherfässer, und Braut und Bräutigam reichten einander die Hand und nahmen den Segen des Bischofs entgegen. Die kleine Seejungfer stand in Gold und Seide gekleidet und hielt die Schleppe der Braut, aber ihre Ohren hörten nichts von der festlichen Musik, ihre Augen sahen nicht die heilige Zeremonie. Sie dachte an ihre Todesnacht und an alles, was sie in dieser Welt verlor.

Noch am selben Abend gingen Braut und Bräutigam an Bord des Schiffes. Die Kanonen donnerten, alle Flaggen wehten, und inmitten des Schiffes war ein königliches Zelt aus Gold und Purpur mit herrlichen Kissen errichtet. Dort sollte das Brautpaar in der kühlen, stillen Nacht schlafen.

Die Segel bauschten sich im Winde, und das Schiff glitt leicht und ohne große Bewegung über die klare See.

Als es dunkelte, wurden bunte Lampen entzündet, und die Seeleute tanzten lustige Tänze auf dem Deck. Die kleine Seejungfer mußte des ersten Abends gedenken, da sie aus dem Meere auftauchte und dieselbe Pracht und Freude mit angesehen hatte. Und sie wirbelte mit im Tanze, schwebte, wie die Schwalbe schwebt, wenn sie verfolgt wird, und alle jubelten ihr Bewunderung zu, denn noch nie hatte sie so wundersam getanzt; es schnitt wie mit scharfen Messern in ihre zarten Füße, aber sie fühlte es nicht, denn weit mehr schmerzte ihr Herz. Sie wußte, an diesem Abend sah sie ihn zum letzten Male, ihn, um dessen willen sie die Heimat verlassen hatte, für den sie ihre herrliche Stimme hingegeben hatte, und für den sie täglich unendliche Qualen erlitten hatte, ohne daß er es auch nur ahnte. Es war die letzte Nacht, daß sie dieselbe Luft mit ihm atmete, das tiefe Meer und den blauen Sternenhimmel erblickte. Ewige Nacht ohne Gedanken und Träume wartete ihrer, die eine Seele nicht hatte und sie nimmermehr gewinnen konnte. Und ringsum war Lust und Fröhlichkeit auf dem Schiffe bis weit über Mitternacht hinaus. Sie lächelte und tanzte mit Todesgedanken im Herzen. Der Prinz küßte seine schöne Braut, und sie spielte mit seinem schwarzen Haar, und Arm in Arm gingen sie zur Ruhe in das prächtige Zelt.

Es wurde ruhig und still auf dem Schiffe, nur der Steuermann stand am Ruder. Die kleine Seejungfer legte ihre weißen Arme auf die Schiffsbrüstung und sah nach Osten der Morgenröte entgegen. Der erste Sonnenstrahl, wußte sie, würde sie töten. Da sah sie ihre Schwestern aus dem Meere aufsteigen, sie waren bleich wie sie selbst; ihre langen schönen Haare wehten nicht mehr im Winde. Sie waren abgeschnitten.

“Wir haben sie der Hexe gegeben, damit sie dir Hilfe bringen sollte und du nicht in dieser Nacht sterben mußt! Sie hat uns ein Messer gegeben. Hier ist es! Siehst du, wie scharf es ist? Bevor die Sonne aufgeht, mußt du es dem Prinzen ins Herz stoßen, und wenn sein warmes Blut über deine Füße spritzt, wachsen sie zu einem Fischschwanz zusammen und du wirst wieder eine Seejungfer, kannst zu uns ins Wasser herniedersteigen und noch dreihundert Jahre leben, ehe du zu totem, kaltem Meeresschaum wirst. Beeile dich! Er oder du mußt sterben, bevor die Sonne aufgeht. Unsere alte Großmutter trauert so sehr, daß ihr weißes Haar abgefallen ist, wie das unsere von der Schere der Hexe. Töte den Prinzen und komm zurück! Beeile dich! Siehst du den roten Streifen am Himmel. In wenigen Minuten steigt die Sonne empor, und dann mußt du sterben!” und sie stießen einen tiefen Seufzer aus und versanken in den Wogen.

Die kleine Seejungfer zog den purpurnen Teppich vor dem Zelte fort, und sie sah die schöne Braut, ihr Haupt an der Brust des Prinzen gebettet, ruhen. Da beugte sie sich nieder, küßte ihn auf seine schöne Stirn, sah zum Himmel auf, wo die Morgenröte mehr und mehr aufleuchtete, sah auf das scharfe Messer und heftete die Augen wieder auf den Prinzen, der im Traume den Namen seiner Braut flüsterte. Sie nur lebte in seinen Gedanken, und das Messer zitterte in der Hand der Seejungfer, - dann aber schleuderte sie es weit hinaus in die Wogen. Sie glänzten rot, und wo es hinfiel, sah es aus, als ob Blutstropfen aus dem Wasser aufquollen. Noch einmal sah sie mit halbgebrochenem Auge auf den Prinzen, dann stürzte sie sich vom Schiffe ins Meer hinab und fühlte, wie ihre Glieder sich in Schaum auflösten.

Nun stieg die Sonne aus dem Meere empor. Ihre Strahlen fielen so mild und warm auf den todeskalten Meeresschaum, und die kleine Seejungfer fühlte den Tod nicht. Sie sah die klare Sonne, und über ihr schwebten hunderte von herrlichen, durchsichtigen Geschöpfen. Durch sie hindurch konnte sie des Schiffes weiße Segel sehen und des Himmels rote Wolken, ihre Stimmen waren wie Musik, aber so geisterhaft, daß kein menschliches Ohr sie vernehmen konnte, ebenso wie kein menschliches Auge sie wahrnehmen konnte. Ohne Flügel schwebten sie durch ihre eigene Leichtigkeit in der Luft dahin. Die kleine Seejungfer sah, daß sie einen Körper hatte, wie diese Wesen, der sich mehr und mehr aus dem Schaume erhob.

“Zu wem komme ich?” fragte sie, und ihre Stimme klang wie die der anderen Wesen, so geisterhaft zart, daß keine irdische Musik es wiederzugeben vermag.

“Zu den Töchtern der Luft!” antworteten die anderen. Seejungfrauen haben keine unsterbliche Seele und können nie eine erringen, es sei denn, daß sie die Liebe eines Menschen gewinnen! Von einer fremden Macht hängt ihr ewiges Dasein ab. Die Töchter der Luft haben auch keine unsterbliche Seele, aber sie können sich durch gute Taten selbst eine schaffen. Wir fliegen zu den warmen Ländern, wo die schwüle Pestluft die Menschen tötet; dort fächeln wir Kühlung. Wir verbreiten den Duft der Blumen durch die Lüfte und senden Erquickung und Heilung. Wenn wir dreihundert Jahre lang danach gestrebt haben, alles Gute zu tun, was wir vermögen, so erhalten wir eine unsterbliche Seele und nehmen teil an der ewigen Glückseligkeit der Menschen. Du arme, kleine Seejungfer hast von ganzem Herzen dasselbe erstrebt, wie wir. Du hast gelitten und geduldet, hast dich nun zur Welt der Luftigeister erhoben und kannst jetzt selbst durch gute Werke dir eine unsterbliche Seele schaffen nach dreihundert Jahren.”

Und die kleine Seejungfer hob ihre durchsichtigen Arme empor zu Gottes Sonne, und zum ersten Male fühlte sie Tränen in ihre Augen steigen.- Auf dem Schiffe erwachte wieder Geräusch und Leben, sie sah den Prinzen mit seiner schönen Braut nach ihr suchen, wehmütig starrten sie in den wogenden Schaum, als ob sie wüßten, daß sie sich in die Wogen gestürzt hatte. Unsichtbar küßte sie die Stirn der Braut, lächelte dem Prinzen zu und stieg dann mit den anderen Kindern der Luft zu der rosenroten Wolke hinauf, die über ihnen dahinsegelte.

“In dreihundert Jahren schweben wir so in Gottes Reich”

“Auch noch frühzeitiger können wir dorthin gelangen!” flüsterte eine der eine der Lufttöchter ihr zu. “Unsichtbar schweben wir in die Häuser der Menschen, wo Kinder sind, und um jeden Tag, an dem wir ein gutes Kind finden, das seinen Eltern Freude macht und ihre Liebe verdient, verkürzt Gott unsere Prüfungszeit. Das Kind weiß nicht, wann wir in die Stube fliegen, und wenn wir vor Freude über ein Kind lächeln, so wird uns ein Jahr von den dreihundert geschenkt. Aber wenn wir ein unartiges und böses Kind sehen, dann müssen wir Tränen des Kummers vergießen, und jede Träne legt unsere Prüfungszeit einen Tag hinzu.

Die weiße Schlange, Gebrüder Grimm

Friday, December 29th, 2006

Es ist nun schon lange her, da lebte ein König, dessen Weisheit im ganzen Lande berühmt war. Nichts blieb ihm unbekannt, und es war, als ob ihm Nachricht von den verborgensten Dingen durch die Luft zugetragen würde. Er hatte aber eine seltsame Sitte. Jeden Mittag, wenn von der Tafel alles abgetragen und niemand mehr zugegen war, mußte ein vertrauter Diener noch eine Schüssel bringen. Sie war aber war zugedeckt, und der Diener wußte selbst nicht, was darin lag, und kein Mensch wußte es, denn der König deckte sie nicht eher auf und aß nicht davon, bis er ganz allein war. Das hatte schon lange Zeit gedauert, da überkam eines Tages den Diener, der die Schüssel wieder wegtrug, die Neugierde, daß er nicht widerstehen konnte, sondern die Schüssel in seine Kammer brachte. Als er die Tür sorgfältig verschlossen hatte, hob er den Deckel auf, und da sah er, daß eine weiße Schlange darin lag. Bei ihrem Anblick konnte er die Lust nicht zurückhalten, sie zu kosten; er schnitt ein Stückchen davon ab und steckte es in den Mund. Kaum aber hatte es seine Zunge berührt, so hörte er vor seinem Fenster ein seltsames Gewisper von feinen Stimmen. Er ging und horchte, da merkte er, daß es die Sperlinge waren, die miteinander sprachen und sich allerlei erzählten, was sie im Felde und Walde gesehen hatten. Der Genuß der Schlange hatte ihm die Fähigkeit verliehen, die Sprache der Tiere zu verstehen.

Nun trug es sich zu, daß gerade an diesem Tage der Königin ihr schönster Ring fortkam und auf den vertrauten Diener, der überall Zugang hatte, der Verdacht fiel er habe ihn gestohlen. Der König ließ ihn vor sich kommen und drohte ihm unter heftigen Scheltworten, wenn er bis morgen den Täter nicht zu nennen wußte, so sollte er dafür angesehen und gerichtet werden. Es half nicht, daß er seine Unschuld beteuerte, er ward mit keinem besseren Bescheid entlassen. In seiner Unruhe und Angst ging er hinab auf den Hof und bedachte, wie er sich aus seiner Not helfen könne. Da saßen die Enten an einem fließenden Wasser friedlich nebeneinander und ruhten, sie putzten sich mit ihren Schnäbeln glatt und hielten ein vertrauliches Gespräch. Der Diener blieb stehen und hörte ihnen zu. Sie erzählten sich, wo sie heute morgen alle herumgewackelt wären und was für gutes Futter sie gefunden hätten. Da sagte eine verdrießlich: »Mir liegt etwas schwer im Magen, ich habe einen Ring, der unter der Königin Fenster lag, in der Hast mit hinuntergeschluckt.« Da packte sie der Diener gleich beim Kragen, trug sie in die Küche und sprach zum Koch: »Schlachte doch diese ab, sie ist wohlgenährt.« »Ja«, sagte der Koch, und wog sie in der Hand, »die hat keine Mühe gescheut, sich zu mästen, und schon lange darauf gewartet, gebraten zu werden.« Er schnitt ihr den Hals ab, und als sie ausgenommen ward, fand sich der Ring der Königin in ihrem Magen. Der Diener konnte nun leicht vor dem König seine Unschuld beweisen, und da dieser sein Unrecht wieder gutmachen wollte, erlaubte er ihm, sich eine Gnade auszubitten, und versprach ihm die größte Ehrenstelle, die er sich an seinem Hofe wünschte.

Der Diener schlug alles aus und bat nur um ein Pferd und Reisegeld. Denn er hatte Lust, die Welt zu sehen und eine Weile darin herumzuziehen. Als seine Bitte erfüllt war, machte er sich auf den Weg und kam eines Tages an einem Teich vorbei, wo er drei Fische bemerkte, die sich im Rohr verfangen hatten und nach Wasser schnappten. Obgleich man sagt, die Fische wären stumm, so vernahm er doch ihre Klage, daß sie so elend umkommen müßten. Weil er ein mitleidiges Herz hatte, so stieg er vom Pferde ab und setzte die drei Gefangenen wieder ins Wasser. Sie zappelten vor Freude, steckten die Köpfe heraus und riefen ihm zu: »Wir wollen dir’s gedenken und dir’s vergelten, daß du uns errettet hast!« Er ritt weiter, und nach einem Weilchen kam es ihm vor, als hörte er zu seinen Füßen in dem Sand eine Stimme. Er horchte und vernahm, wie ein Ameisenkönig klagte: »Wenn uns nur die Menschen mit den ungeschickten Tieren vom Leib blieben! Da tritt mir das dumme Pferd mit seinen schweren Hufen meine Leute ohne Barmherzigkeit nieder!« Er lenkte auf einen Seitenweg ein, und der Ameisenkönig rief ihm zu: » Wir wollen dir’s gedenken und dir’s vergelten!« Der Weg führte in einen Wald, und da sah er einen Rabenvater und eine Rabenmutter, die standen bei ihrem Nest und warfen ihre Jungen heraus. »Fort mit euch ihr Galgenschwengel!« riefen sie, »wir können euch nicht mehr satt machen, ihr seid groß genug und könnt euch selbst ernähren.« Die armen Jungen lagen auf der Erde, flatterten und schlugen mit ihren Fittichen und schrien: »Wir hilflose Kinder, wir sollen uns selbst ernähren und können noch nicht fliegen! Was bleibt uns übrig, als hier Hungers zu sterben!« Da stieg der gute Jüngling ab, tötete das Pferd mit seinem Degen und überließ es den Jungen Raben zum Futter. Die kamen herbeigehüpft, sättigten sich und riefen: »Wir wollen dir’s gedenken und es dir vergelten!«

Er mußte jetzt seine eigenen Beine gebrauchen, und als er lange Wege gegangen war, kam er in eine große Stadt. Da war großer Lärm und Gedränge in den Straßen, und kam einer zu Pferde und machte bekannt, die Königstochter suche einen Gemahl, wer sich aber um sie bewerben wolle, der müsse eine schwere Aufgabe vollbringen, und könne er sie nicht glücklich ausführen, so habe er sein Leben verwirkt. Viele hatten es schon versucht, aber vergeblich ihr Leben darangesetzt. Der Jüngling, als er die Königstochter sah, ward er von ihrer großen Schönheit so verblendet, daß er alle Gefahr vergaß, vor den König trat und sich als Freier meldete.

Alsbald ward er hinaus ans Meer geführt und vor seinen Augen ein goldener Ring hineingeworfen. Dann hieß ihn der König diesen Ring aus dem Meeresgrund wieder hervorzuholen und fügte hinzu: »Wenn du ohne ihn wieder in die Höhe kommst, so wirst du immer aufs neue hinabgestürzt, bis du in den Wellen umkommst.« Alle bedauerten den schönen Jüngling und ließen ihn dann einsam am Meere zurück. Er stand am Ufer und überlegte, was er wohl tun solle. Da sah er auf einmal drei Fische daherschwimmen, und es waren keine andern als jene, welchen er das Leben gerettet hatte. Der mittelste hielt eine Muschel im Munde, die er an den Strand zu den Füßen des Jünglings hinlegte, und als dieser sie aufhob und öffnete, so lag der Goldring darin. Voll Freude brachte er ihn dem König und erwartete, daß er ihm den verheißenen Lohn gewähren würde. Die stolze Königstochter aber, als sie vernahm, daß er ihr nicht ebenbürtig war, verschmähte ihn und verlangte, er sollte zuvor eine zweite Aufgabe lösen. Sie ging hinab in den Garten und streute selbst zehn Säcke voll Hirse ins Gras. »Die muß er morgen, eh’ die Sonne hervorkommt, aufgelesen haben«, sprach sie, »und es darf kein Körnchen fehlen.« Der Jüngling setzte sich in den Garten und dachte nach, wie es möglich wäre, die Aufgabe zu lösen; aber er konnte nichts ersinnen, saß da ganz traurig und erwartete bei Anbruch des Morgens, zum Tode geführt zu werden. Als aber die ersten Sonnenstrahlen in den Garten fielen, so sah er die zehn Säcke alle wohl gefüllt nebeneinander stehen, und kein Körnchen fehlte darin. Der Ameisenkönig war mit seinen tausend und tausend Ameisen in der Nacht angekommen, und die dankbaren Tiere hatten die Hirse mit großer Emsigkeit aufgelesen und in die Säcke gesammelt. Die Königstochter kam selbst in den Garten herab und sah mit Verwunderung, daß der Jüngling vollbracht hatte, was ihm aufgegeben war. Aber sie konnte ihr stolzes Herz noch nicht bezwingen und sprach: »Hat Er auch die beiden Aufgaben gelöst, so soll Er doch nicht eher mein Gemahl werden, bis er mir einen Apfel vom Baume des Lebens gebracht hat.« Der Jüngling wußte nicht, wo der Baum des Lebens stand. Er machte sich auf und wollte immerzu gehen so lange ihn seine Beine trügen, aber er hatte keine Hoffnung ihn zu finden. Als er schon durch drei Königreiche gewandert war und abends in einen Wald kam, setzte er sich unter einen Baum und wollte schlafen. Da hörte er in den Ästen ein Geräusch, und ein goldener Apfel fiel in seine Hand. Zugleich flogen drei Raben zu ihm herab, setzten sich auf seine Knie und sagten: »Wir sind die drei jungen Raben, die du vom Hungertod errettet hast. Als wir groß geworden waren und hörten, daß du den goldenen Apfel suchtest, so sind wir über das Meer geflogen bis ans Ende der Welt, wo der Baum des Lebens steht, und haben dir den Apfel geholt.«

Voll Freude machte sich der Jüngling auf den Heimweg und brachte der schönen Königstochter den goldenen Apfel, der nun keine Ausrede mehr übrigblieb. Sie teilten den Apfel des Lebens und aßen ihn zusammen. Da ward ihr Herz mit Liebe zu ihm erfüllt, und sie erreichten in ungestörtem Glück ein hohes Alter.