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Ein Hungerkünstler, Franz Kafka

Wednesday, January 24th, 2007
In den letzten Jahrzehnten ist das Interesse an Hungerkünstlern sehr
zurückgegangen. Während es sich früher gut lohnte, große derartige
Vorführungen in eigener Regie zu veranstalten, ist dies heute völlig
unmöglich. Es waren andere Zeiten. Damals beschäftigte sich die ganze
Stadt mit dem Hungerkünstler; von Hungertag zu Hungertag stieg die
Teilnahme; jeder wollte den Hungerkünstler zumindest einmal täglich
sehn; an den spätern Tagen gab es Abonnenten, welche tagelang vor dem
kleinen Gitterkäfig saßen; auch in der Nacht fanden Besichtigungen
statt, zur Erhöhung der Wirkung bei Fackelschein; an schönen Tagen wurde
der Käfig ins Freie getragen, und nun waren es besonders die Kinder,
denen der Hungerkünstler gezeigt wurde; während er für die Erwachsenen
oft nur ein Spaß war, an dem sie der Mode halber teilnahmen, sahen die
Kinder staunend, mit offenem Mund, der Sicherheit halber einander bei
der Hand haltend, zu, wie er bleich, im schwarzen Trikot, mit mächtig
vortretenden Rippen, sogar einen Sessel verschmähend, auf hingestreutem
Stroh saß, einmal höflich nickend, angestrengt lächelnd Fragen
beantwortete, auch durch das Gitter den Arm streckte, um seine Magerkeit
befühlen zu lassen, dann aber wieder ganz in sich selbst versank, um
niemanden sich kümmerte, nicht einmal um den für ihn so wichtigen Schlag
der Uhr, die das einzige Möbelstück des Käfigs war, sondern nur vor sich
hinsah mit fast geschlossenen Augen und hie und da aus einem winzigen
Gläschen Wasser nippte, um sich die Lippen zu feuchten.

Außer den wechselnden Zuschauern waren auch ständige, vom Publikum
gewählte Wächter da, merkwürdigerweise gewöhnlich Fleischhauer, welche,
immer drei gleichzeitig, die Aufgabe hatten, Tag und Nacht den
Hungerkünstler zu beobachten, damit er nicht etwa auf irgendeine
heimliche Weise doch Nahrung zu sich nehme. Es war das aber lediglich
eine Formalität, eingeführt zur Beruhigung der Massen, denn die
Eingeweihten wußten wohl, daß der Hungerkünstler während der Hungerzeit
niemals, unter keinen Umständen, selbst unter Zwang nicht, auch das
Geringste nur gegessen hätte; die Ehre seiner Kunst verbot dies.
Freilich, nicht jeder Wächter konnte das begreifen, es fanden sich
manchmal nächtliche Wachgruppen, welche die Bewachung sehr lax
durchführten, absichtlich in eine ferne Ecke sich zusammensetzten und
dort sich ins Kartenspiel vertieften, in der offenbaren Absicht, dem
Hungerkünstler eine kleine Erfrischung zu gönnen, die er ihrer Meinung
nach aus irgendwelchen geheimen Vorräten hervorholen konnte. Nichts war
dem Hungerkünstler quälender als solche Wächter; sie machten ihn
trübselig; sie machten ihm das Hungern entsetzlich schwer; manchmal
überwand er seine Schwäche und sang während dieser Wachzeit, solange er
es nur aushielt, um den Leuten zu zeigen, wie ungerecht sie ihn
verdächtigten. Doch half das wenig; sie wunderten sich dann nur über
seine Geschicklichkeit, selbst während des Singens zu essen. Viel lieber
waren ihm die Wächter, welche sich eng zum Gitter setzten, mit der
trüben Nachtbeleuchtung des Saales sich nicht begnügten, sondern ihn
mit den elektrischen Taschenlampen bestrahlten, die ihnen der Impresario
zur Verfügung stellte. Das grelle Licht störte ihn gar nicht, schlafen
konnte er ja überhaupt nicht, und ein wenig hindämmern konnte er immer,
bei jeder Beleuchtung und zu jeder Stunde, auch im übervollen, lärmenden
Saal. Er war sehr gerne bereit, mit solchen Wächtern die Nacht gänzlich
ohne Schlaf zu verbringen; er war bereit, mit ihnen zu scherzen, ihnen
Geschichten aus seinem Wanderleben zu erzählen, dann wieder ihre
Erzählungen anzuhören, alles nur um sie wachzuhalten, um ihnen immer
wieder zeigen zu können, daß er nichts Eßbares im Käfig hatte und daß er
hungerte, wie keiner von ihnen es könnte. Am glücklichsten aber war er,
wenn dann der Morgen kam, und ihnen auf seine Rechnung ein überreiches
Frühstück gebracht wurde, auf das sie sich warfen mit dem Appetit
gesunder Männer nach einer mühevoll durchwachten Nacht. Es gab zwar
sogar Leute, die in diesem Frühstück eine ungebührliche Beeinflussung
der Wächter sehen wollten, aber das ging doch zu weit, und wenn man sie
fragte, ob etwa sie nur um der Sache willen ohne Frühstück die
Nachtwache übernehmen wollten, verzogen sie sich, aber bei ihren
Verdächtigungen blieben sie dennoch.

Dieses allerdings gehörte schon zu den vom Hungern überhaupt nicht zu
trennenden Verdächtigungen. Niemand war ja imstande, alle die Tage und
Nächte beim Hungerkünstler ununterbrochen als Wächter zu verbringen,
niemand also konnte aus eigener Anschauung wissen, ob wirklich
ununterbrochen, fehlerlos gehungert worden war; nur der Hungerkünstler
selbst konnte das wissen, nur er also gleichzeitig der von seinem
Hungern vollkommen befriedigte Zuschauer sein. Er aber war wieder aus
einem andern Grunde niemals befriedigt; vielleicht war er gar nicht vom
Hungern so sehr abgemagert, daß manche zu ihrem Bedauern den
Vorführungen fernbleiben mußten, weil sie seinen Anblick nicht ertrugen,
sondern er war nur so abgemagert aus Unzufriedenheit mit sich selbst. Er
allein nämlich wußte, auch kein Eingeweihter sonst wußte das, wie leicht
das Hungern war. Es war die leichteste Sache von der Welt. Er verschwieg
es auch nicht, aber man glaubte ihm nicht, hielt ihn günstigstenfalls
für bescheiden, meist aber für reklamesüchtig oder gar für einen
Schwindler, dem das Hungern allerdings leicht war, weil er es sich
leicht zu machen verstand, und der auch noch die Stirn hatte, es halb zu
gestehn. Das alles mußte er hinnehmen, hatte sich auch im Laufe der
Jahre daran gewöhnt, aber innerlich nagte diese Unbefriedigtheit immer
an ihm, und noch niemals, nach keiner Hungerperiode — dieses Zeugnis
mußte man ihm ausstellen — hatte er freiwillig den Käfig verlassen. Als
Höchstzeit für das Hungern hatte der Impresario vierzig Tage
festgesetzt, darüber hinaus ließ er niemals hungern, auch in den
Weltstädten nicht, und zwar aus gutem Grund. Vierzig Tage etwa konnte
man erfahrungsgemäß durch allmählich sich steigernde Reklame das
Interesse einer Stadt immer mehr aufstacheln, dann aber versagte das
Publikum, eine wesentliche Abnahme des Zuspruchs war festzustellen; es
bestanden natürlich in dieser Hinsicht kleine Unterschiede zwischen den
Städten und Ländern, als Regel aber galt, daß vierzig Tage die
Höchstzeit war. Dann also am vierzigsten Tage wurde die Tür des mit
Blumen umkränzten Käfigs geöffnet, eine begeisterte Zuschauerschaft
erfüllte das Amphitheater, eine Militärkapelle spielte, zwei Ärzte
betraten den Käfig, um die nötigen Messungen am Hungerkünstler
vorzunehmen, durch ein Megaphon wurden die Resultate dem Saale
verkündet, und schließlich kamen zwei junge Damen, glücklich darüber,
daß gerade sie ausgelost worden waren, und wollten den Hungerkünstler
aus dem Käfig ein paar Stufen hinabführen, wo auf einem kleinen
Tischchen eine sorgfältig ausgewählte Krankenmahlzeit serviert war. Und
in diesem Augenblick wehrte sich der Hungerkünstler immer. Zwar legte er
noch freiwillig seine Knochenarme in die hilfsbereit ausgestreckten
Hände der zu ihm hinabgebeugten Damen, aber aufstehen wollte er nicht.
Warum gerade jetzt nach vierzig Tagen aufhören? Er hätte es noch lange,
unbeschränkt lange ausgehalten; warum gerade jetzt aufhören, wo er im
besten, ja noch nicht einmal im besten Hungern war? Warum wollte man ihn
des Ruhmes berauben, weiter zu hungern, nicht nur der größte
Hungerkünstler aller Zeiten zu werden, der er ja wahrscheinlich schon
war, aber auch noch sich selbst zu übertreffen bis ins Unbegreifliche,
denn für seine Fähigkeit zu hungern fühlte er keine Grenzen. Warum
hatte diese Menge, die ihn so sehr zu bewundern vorgab, so wenig Geduld
mit ihm; wenn er es aushielt, noch weiter zu hungern, warum wollte sie
es nicht aushalten? Auch war er müde, saß gut im Stroh und sollte sich
nun hoch und lang aufrichten und zu dem Essen gehn, das ihm schon allein
in der Vorstellung Übelkeiten verursachte, deren Äußerung er nur mit
Rücksicht auf die Damen mühselig unterdrückte. Und er blickte empor in
die Augen der scheinbar so freundlichen, in Wirklichkeit so grausamen
Damen und schüttelte den auf dem schwachen Halse überschweren Kopf. Aber
dann geschah, was immer geschah. Der Impresario kam, hob stumm — die
Musik machte das Reden unmöglich — die Arme über dem Hungerkünstler, so,
als lade er den Himmel ein, sich sein Werk hier auf dem Stroh einmal
anzusehn, diesen bedauernswerten Märtyrer, welcher der Hungerkünstler
allerdings war, nur in ganz anderem Sinn; faßte den Hungerkünstler um
die dünne Taille, wobei er durch übertriebene Vorsicht glaubhaft machen
wollte, mit einem wie gebrechlichen Ding er es hier zu tun habe; und
übergab ihn — nicht ohne ihn im geheimen ein wenig zu schütteln, so daß
der Hungerkünstler mit den Beinen und dem Oberkörper unbeherrscht hin
und her schwankte — den inzwischen totenbleich gewordenen Damen. Nun
duldete der Hungerkünstler alles; der Kopf lag auf der Brust, es war,
als sei er hingerollt und halte sich dort unerklärlich; der Leib war
ausgehöhlt; die Beine drückten sich im Selbsterhaltungstrieb fest in den
Knien aneinander, scharrten aber doch den Boden, so, als sei es nicht
der wirkliche, den wirklichen suchten sie erst; und die ganze,
allerdings sehr kleine Last des Körpers lag auf einer der Damen, welche
hilfesuchend, mit fliegendem Atem — so hatte sie sich dieses Ehrenamt
nicht vorgestellt — zuerst den Hals möglichst streckte, um wenigstens
das Gesicht vor der Berührung mit dem Hungerkünstler zu bewahren, dann
aber, da ihr dies nicht gelang und ihre glücklichere Gefährtin ihr nicht
zu Hilfe kam, sondern sich damit begnügte, zitternd die Hand des
Hungerkünstlers, dieses kleine Knochenbündel, vor sich herzutragen,
unter dem entzückten Gelächter des Saales in Weinen ausbrach und von
einem längst bereitgestellten Diener abgelöst werden mußte. Dann kam
das Essen, von dem der Impresario dem Hungerkünstler während eines
ohnmachtähnlichen Halbschlafes ein wenig einflößte, unter lustigem
Plaudern, das die Aufmerksamkeit vom Zustand des Hungerkünstlers
ablenken sollte; dann wurde noch ein Trinkspruch auf das Publikum
ausgebracht, welcher dem Impresario angeblich vom Hungerkünstler
zugeflüstert worden war; das Orchester bekräftigte alles durch einen
großen Tusch, man ging auseinander, und niemand hatte das Recht, mit dem
Gesehenen unzufrieden zu sein, niemand, nur der Hungerkünstler, immer
nur er.

So lebte er mit regelmäßigen kleinen Ruhepausen viele Jahre, in
scheinbarem Glanz, von der Welt geehrt, bei alledem aber meist in trüber
Laune, die immer noch trüber wurde dadurch, daß niemand sie ernst zu
nehmen verstand. Womit sollte man ihn auch trösten? Was blieb ihm zu
wünschen übrig? Und wenn sich einmal ein Gutmütiger fand, der ihn
bedauerte und ihm erklären wollte, daß seine Traurigkeit wahrscheinlich
von dem Hungern käme, konnte es, besonders bei vorgeschrittener
Hungerzeit, geschehn, daß der Hungerkünstler mit einem Wutausbruch
antwortete und zum Schrecken aller wie ein Tier an dem Gitter zu
rütteln begann. Doch hatte für solche Zustände der Impresario ein
Strafmittel, das er gern anwandte. Er entschuldigte den Hungerkünstler
vor versammeltem Publikum, gab zu, daß nur die durch das Hungern
hervorgerufene, für satte Menschen nicht ohne weiteres begreifliche
Reizbarkeit das Benehmen des Hungerkünstlers verzeihlich machen könne;
kam dann im Zusammenhang damit auch auf die ebenso zu erklärende
Behauptung des Hungerkünstlers zu sprechen, er könnte noch viel länger
hungern, als er hungere; lobte das hohe Streben, den guten Willen, die
große Selbstverleugnung, die gewiß auch in dieser Behauptung enthalten
seien; suchte dann aber die Behauptung einfach genug durch Vorzeigen von
Photographien, die gleichzeitig verkauft wurden, zu widerlegen, denn auf
den Bildern sah man den Hungerkünstler an einem vierzigsten Hungertag,
im Bett, fast verlöscht vor Entkräftung. Diese dem Hungerkünstler zwar
wohlbekannte, immer aber von neuem ihn entnervende Verdrehung der
Wahrheit war ihm zu viel. Was die Folge der vorzeitigen Beendigung des
Hungerns war, stellte man hier als die Ursache dar! Gegen diesen
Unverstand, gegen diese Welt des Unverstandes zu kämpfen, war unmöglich.
Noch hatte er immer wieder in gutem Glauben begierig am Gitter dem
Impresario zugehört, beim Erscheinen der Photographien aber ließ er das
Gitter jedesmal los, sank mit Seufzen ins Stroh zurück, und das
beruhigte Publikum konnte wieder herankommen und ihn besichtigen.

Wenn die Zeugen solcher Szenen ein paar Jahre später daran
zurückdachten, wurden sie sich oft selbst unverständlich. Denn
inzwischen war jener erwähnte Umschwung eingetreten; fast plötzlich war
das geschehen; es mochte tiefere Gründe haben, aber wem lag daran, sie
aufzufinden; jedenfalls sah sich eines Tages der verwöhnte
Hungerkünstler von der vergnügungssüchtigen Menge verlassen, die lieber
zu anderen Schaustellungen strömte. Noch einmal jagte der Impresario mit
ihm durch halb Europa, um zu sehn, ob sich nicht noch hie und da das
alte Interesse wiederfände; alles vergeblich; wie in einem geheimen
Einverständnis hatte sich überall geradezu eine Abneigung gegen das
Schauhungern ausgebildet. Natürlich hatte das in Wirklichkeit nicht
plötzlich so kommen können, und man erinnerte sich jetzt nachträglich an
manche zu ihrer Zeit im Rausch der Erfolge nicht genügend beachtete,
nicht genügend unterdrückte Vorboten, aber jetzt etwas dagegen zu
unternehmen, war zu spät. Zwar war es sicher, daß einmal auch für das
Hungern wieder die Zeit kommen werde, aber für die Lebenden war das kein
Trost. Was sollte nun der Hungerkünstler tun? Der, welchen Tausende
umjubelt hatten, konnte sich nicht in Schaubuden auf kleinen Jahrmärkten
zeigen, und um einen andern Beruf zu ergreifen, war der Hungerkünstler
nicht nur zu alt, sondern vor allem dem Hungern allzu fanatisch ergeben.
So verabschiedete er denn den Impresario, den Genossen einer Laufbahn
ohnegleichen, und ließ sich von einem großen Zirkus engagieren; um seine
Empfindlichkeit zu schonen, sah er die Vertragsbedingungen gar nicht an.

Ein großer Zirkus mit seiner Unzahl von einander immer wieder
ausgleichenden und ergänzenden Menschen und Tieren und Apparaten kann
jeden und zu jeder Zeit gebrauchen, auch einen Hungerkünstler, bei
entsprechend bescheidenen Ansprüchen natürlich, und außerdem war es ja
in diesem besonderen Fall nicht nur der Hungerkünstler selbst, der
engagiert wurde, sondern auch sein alter berühmter Name, ja man konnte
bei der Eigenart dieser im zunehmenden Alter nicht abnehmenden Kunst
nicht einmal sagen, daß ein ausgedienter, nicht mehr auf der Höhe seines
Könnens stehender Künstler sich in einen ruhigen Zirkusposten flüchten
wolle, im Gegenteil, der Hungerkünstler versicherte, daß er, was
durchaus glaubwürdig war, ebensogut hungere wie früher, ja er behauptete
sogar, er werde, wenn man ihm seinen Willen lasse, und dies versprach
man ihm ohne weiteres, eigentlich erst jetzt die Welt in berechtigtes
Erstaunen setzen, eine Behauptung allerdings, die mit Rücksicht auf die
Zeitstimmung, welche der Hungerkünstler im Eifer leicht vergaß, bei den
Fachleuten nur ein Lächeln hervorrief.

Im Grunde aber verlor auch der Hungerkünstler den Blick für die
wirklichen Verhältnisse nicht und nahm es als selbstverständlich hin,
daß man ihn mit seinem Käfig nicht etwa als Glanznummer mitten in die
Manege stellte, sondern draußen an einem im übrigen recht gut
zugänglichen Ort in der Nähe der Stallungen unterbrachte. Große, bunt
gemalte Aufschriften umrahmten den Käfig und verkündeten, was dort zu
sehen war. Wenn das Publikum in den Pausen der Vorstellung zu den
Ställen drängte, um die Tiere zu besichtigen, war es fast unvermeidlich,
daß es beim Hungerkünstler vorüberkam und ein wenig dort haltmachte, man
wäre vielleicht länger bei ihm geblieben, wenn nicht in dem schmalen
Gang die Nachdrängenden, welche diesen Aufenthalt auf dem Weg zu den
ersehnten Ställen nicht verstanden, eine längere ruhige Betrachtung
unmöglich gemacht hätten. Dieses war auch der Grund, warum der
Hungerkünstler vor diesen Besuchszeiten, die er als seinen Lebenszweck
natürlich herbeiwünschte, doch auch wieder zitterte. In der ersten Zeit
hatte er die Vorstellungspausen kaum erwarten können; entzückt hatte er
der sich heranwälzenden Menge entgegengesehn, bis er sich nur zu bald –
auch die hartnäckigste, fast bewußte Selbsttäuschung hielt den
Erfahrungen nicht stand — davon überzeugte, daß es zumeist der Absicht
nach, immer wieder, ausnahmslos, lauter Stallbesucher waren. Und dieser
Anblick von der Ferne blieb noch immer der schönste. Denn wenn sie bis
zu ihm herangekommen waren, umtobte ihn sofort Geschrei und Schimpfen
der ununterbrochen neu sich bildenden Parteien, jener, welche — sie
wurde dem Hungerkünstler bald die peinlichere — ihn bequem ansehen
wollte, nicht etwa aus Verständnis, sondern aus Laune und Trotz, und
jener zweiten, die zunächst nur nach den Ställen verlangte. War der
große Haufe vorüber, dann kamen die Nachzügler, und diese allerdings,
denen es nicht mehr verwehrt war, stehen zu bleiben, solange sie nur
Lust hatten, eilten mit langen Schritten, fast ohne Seitenblick,
vorüber, um rechtzeitig zu den Tieren zu kommen. Und es war kein allzu
häufiger Glücksfall, daß ein Familienvater mit seinen Kindern kam, mit
dem Finger auf den Hungerkünstler zeigte, ausführlich erklärte, um was
es sich hier handelte, von früheren Jahren erzählte, wo er bei
ähnlichen, aber unvergleichlich großartigeren Vorführungen gewesen war,
und dann die Kinder, wegen ihrer ungenügenden Vorbereitung von Schule
und Leben her, zwar immer noch verständnislos blieben — was war ihnen
Hungern? — aber doch in dem Glanz ihrer forschenden Augen etwas von
neuen, kommenden, gnädigeren Zeiten verrieten. Vielleicht, so sagte
sich der Hungerkünstler dann manchmal, würde alles doch ein wenig besser
werden, wenn sein Standort nicht gar so nahe bei den Ställen wäre. Den
Leuten wurde dadurch die Wahl zu leicht gemacht, nicht zu reden davon,
daß ihn die Ausdünstungen der Ställe, die Unruhe der Tiere in der Nacht,
das Vorübertragen der rohen Fleischstücke für die Raubtiere, die Schreie
bei der Fütterung sehr verletzten und dauernd bedrückten. Aber bei der
Direktion vorstellig zu werden, wagte er nicht; immerhin verdankte er ja
den Tieren die Menge der Besucher, unter denen sich hie und da auch ein
für ihn Bestimmter finden konnte, und wer wußte, wohin man ihn
verstecken würde, wenn er an seine Existenz erinnern wollte und damit
auch daran, daß er, genau genommen, nur ein Hindernis auf dem Weg zu den
Ställen war.

Ein kleines Hindernis allerdings, ein immer kleiner werdendes Hindernis.
Man gewöhnte sich an die Sonderbarkeit, in den heutigen Zeiten
Aufmerksamkeit für einen Hungerkünstler beanspruchen zu wollen, und mit
dieser Gewöhnung war das Urteil über ihn gesprochen. Er mochte so gut
hungern, als er nur konnte, und er tat es, aber nichts konnte ihn mehr
retten, man ging an ihm vorüber. Versuche, jemandem die Hungerkunst zu
erklären! Wer es nicht fühlt, dem kann man es nicht begreiflich machen.
Die schönen Aufschriften wurden schmutzig und unleserlich, man riß sie
herunter, niemandem fiel es ein, sie zu ersetzen; das Täfelchen mit der
Ziffer der abgeleisteten Hungertage, das in der ersten Zeit sorgfältig
täglich erneut worden war, blieb schon längst immer das gleiche, denn
nach den ersten Wochen war das Personal selbst dieser kleinen Arbeit
überdrüssig geworden; und so hungerte zwar der Hungerkünstler weiter,
wie er es früher einmal erträumt hatte, und es gelang ihm ohne Mühe ganz
so, wie er es damals vorausgesagt hatte, aber niemand zählte die Tage,
niemand, nicht einmal der Hungerkünstler selbst wußte, wie groß die
Leistung schon war, und sein Herz wurde schwer. Und wenn einmal in der
Zeit ein Müßiggänger stehen blieb, sich über die alte Ziffer lustig
machte und von Schwindel sprach, so war das in diesem Sinn die dümmste
Lüge, welche Gleichgültigkeit und eingeborene Bösartigkeit erfinden
konnte, denn nicht der Hungerkünstler betrog, er arbeitete ehrlich,
aber die Welt betrog ihn um seinen Lohn.

Doch vergingen wieder viele Tage, und auch das nahm ein Ende. Einmal
fiel einem Aufseher der Käfig auf, und er fragte die Diener, warum man
hier diesen gut brauchbaren Käfig mit dem verfaulten Stroh drinnen
unbenützt stehen lasse; niemand wußte es, bis sich einer mit Hilfe der
Ziffertafel an den Hungerkünstler erinnerte. Man rührte mit Stangen das
Stroh auf und fand den Hungerkünstler darin. »Du hungerst noch immer?«
fragte der Aufseher, »wann wirst du denn endlich aufhören?« »Verzeiht
mir alle«, flüsterte der Hungerkünstler; nur der Aufseher, der das Ohr
ans Gitter hielt, verstand ihn. »Gewiß,« sagte der Aufseher und legte
den Finger an die Stirn, um damit den Zustand des Hungerkünstlers dem
Personal anzudeuten, »wir verzeihen dir.« »Immerfort wollte ich, daß ihr
mein Hungern bewundert«, sagte der Hungerkünstler. »Wir bewundern es
auch«, sagte der Aufseher entgegenkommend. »Ihr sollt es aber nicht
bewundern«, sagte der Hungerkünstler. »Nun, dann bewundern wir es also
nicht,« sagte der Aufseher, »warum sollen wir es denn nicht bewundern?«
»Weil ich hungern muß, ich kann nicht anders«, sagte der Hungerkünstler.
»Da sieh mal einer,« sagte der Aufseher, »warum kannst du denn nicht
anders?« »Weil ich,« sagte der Hungerkünstler, hob das Köpfchen ein
wenig und sprach mit wie zum Kuß gespitzten Lippen gerade in das Ohr des
Aufsehers hinein, damit nichts verloren ginge, »weil ich nicht die
Speise finden konnte, die mir schmeckt. Hätte ich sie gefunden, glaube
mir, ich hätte kein Aufsehen gemacht und mich vollgegessen wie du und
alle.« Das waren die letzten Worte, aber noch in seinen gebrochenen
Augen war die feste, wenn auch nicht mehr stolze Überzeugung, daß er
weiterhungre.

»Nun macht aber Ordnung!« sagte der Aufseher, und man begrub den
Hungerkünstler samt dem Stroh. In den Käfig aber gab man einen jungen
Panther. Es war eine selbst dem stumpfsten Sinn fühlbare Erholung, in
dem so lange öden Käfig dieses wilde Tier sich herumwerfen zu sehn. Ihm
fehlte nichts. Die Nahrung, die ihm schmeckte, brachten ihm ohne langes
Nachdenken die Wächter; nicht einmal die Freiheit schien er zu
vermissen; dieser edle, mit allem Nötigen bis knapp zum Zerreißen
ausgestattete Körper schien auch die Freiheit mit sich herumzutragen;
irgendwo im Gebiß schien sie zu stecken; und die Freude am Leben kam mit
derart starker Glut aus seinem Rachen, daß es für die Zuschauer nicht
leicht war, ihr standzuhalten. Aber sie überwanden sich, umdrängten den
Käfig und wollten sich gar nicht fortrühren.

Eine kleine Frau, Franz Kafka

Monday, January 1st, 2007

Es ist eine kleine Frau; von Natur aus recht schlank, ist sie doch stark
geschnürt; ich sehe sie immer im gleichen Kleid, es ist aus
gelblich-grauem, gewissermaßen holzfarbigem Stoff und ist ein wenig mit
Troddeln oder knopfartigen Behängen von gleicher Farbe versehen; sie ist
immer ohne Hut, ihr stumpf-blondes Haar ist glatt und nicht
unordentlich, aber sehr locker gehalten. Trotzdem sie geschnürt ist, ist
sie doch leicht beweglich, sie übertreibt freilich diese Beweglichkeit,
gern hält sie die Hände in den Hüften und wendet den Oberkörper mit
einem Wurf überraschend schnell seitlich. Den Eindruck, den ihre Hand
auf mich macht, kann ich nur wiedergeben, wenn ich sage, daß ich noch
keine Hand gesehen habe, bei der die einzelnen Finger derart scharf
voneinander abgegrenzt wären, wie bei der ihren; doch hat ihre Hand
keineswegs irgendeine anatomische Merkwürdigkeit, es ist eine völlig
normale Hand.

Diese kleine Frau nun ist mit mir sehr unzufrieden, immer hat sie etwas
an mir auszusetzen, immer geschieht ihr Unrecht von mir, ich ärgere sie
auf Schritt und Tritt; wenn man das Leben in allerkleinste Teile teilen
und jedes Teilchen gesondert beurteilen könnte, wäre gewiß jedes
Teilchen meines Lebens für sie ein Ärgernis. Ich habe oft darüber
nachgedacht, warum ich sie denn so ärgere; mag sein, daß alles an mir
ihrem Schönheitssinn, ihrem Gerechtigkeitsgefühl, ihren Gewohnheiten,
ihren Überlieferungen, ihren Hoffnungen widerspricht, es gibt derartige
einander widersprechende Naturen, aber warum leidet sie so sehr
darunter? Es besteht ja gar keine Beziehung zwischen uns, die sie
zwingen würde, durch mich zu leiden. Sie müßte sich nur entschließen,
mich als völlig Fremden anzusehn, der ich ja auch bin und der ich gegen
einen solchen Entschluß mich nicht wehren, sondern ihn sehr begrüßen
würde, sie müßte sich nur entschließen, meine Existenz zu vergessen, die
ich ihr ja niemals aufgedrängt habe oder aufdrängen würde — und alles
Leid wäre offenbar vorüber. Ich sehe hiebei ganz von mir ab und davon,
daß ihr Verhalten natürlich auch mir peinlich ist, ich sehe davon ab,
weil ich ja wohl erkenne, daß alle diese Peinlichkeit nichts ist im
Vergleich mit ihrem Leid. Wobei ich mir allerdings durchaus dessen
bewußt bin, daß es kein liebendes Leid ist; es liegt ihr gar nichts
daran, mich wirklich zu bessern, zumal ja auch alles, was sie an mir
aussetzt, nicht von einer derartigen Beschaffenheit ist, daß mein
Fortkommen dadurch gestört würde. Aber mein Fortkommen kümmert sie eben
auch nicht, sie kümmert nichts anderes als ihr persönliches Interesse,
nämlich die Qual zu rächen, die ich ihr bereite, und die Qual, die ihr
in Zukunft von mir droht, zu verhindern. Ich habe schon einmal versucht,
sie darauf hinzuweisen, wie diesem fortwährenden Ärger am besten ein
Ende gemacht werden könnte, doch habe ich sie gerade dadurch in eine
derartige Aufwallung gebracht, daß ich den Versuch nicht mehr
wiederholen werde.

Auch liegt ja, wenn man will, eine gewisse Verantwortung auf mir, denn
so fremd mir die kleine Frau auch ist, und so sehr die einzige
Beziehung, die zwischen uns besteht, der Ärger ist, den ich ihr bereite,
oder vielmehr der Ärger, den sie sich von mir bereiten läßt, dürfte es
mir doch nicht gleichgültig sein, wie sie sichtbar unter diesem Ärger
auch körperlich leidet. Es kommen hie und da, sich mehrend in letzter
Zeit, Nachrichten zu mir, daß sie wieder einmal am Morgen bleich,
übernächtig, von Kopfschmerzen gequält und fast arbeitsunfähig gewesen
sei; sie macht damit ihren Angehörigen Sorgen, man rät hin und her nach
den Ursachen ihres Zustandes und hat sie bisher noch nicht gefunden. Ich
allein kenne sie, es ist der alte und immer neue Ärger. Nun teile ich
freilich die Sorgen ihrer Angehörigen nicht; sie ist stark und zäh; wer
sich so zu ärgern vermag, vermag wahrscheinlich auch die Folgen des
Ärgers zu überwinden; ich habe sogar den Verdacht, daß sie sich –
wenigstens zum Teil — nur leidend stellt, um auf diese Weise den
Verdacht der Welt auf mich hinzulenken. Offen zu sagen, wie ich sie
durch mein Dasein quäle, ist sie zu stolz; an andere meinetwegen zu
appellieren, würde sie als eine Herabwürdigung ihrer selbst empfinden;
nur aus Widerwillen, aus einem nicht aufhörenden, ewig sie antreibenden
Widerwillen beschäftigt sie sich mit mir; diese unreine Sache auch noch
vor der Öffentlichkeit zu besprechen, das wäre für ihre Scham zu viel.
Aber es ist doch auch zu viel, von der Sache ganz zu schweigen, unter
deren unaufhörlichem Druck sie steht. Und so versucht sie in ihrer
Frauenschlauheit einen Mittelweg; schweigend, nur durch die äußern
Zeichen eines geheimen Leides will sie die Angelegenheit vor das Gericht
der Öffentlichkeit bringen. Vielleicht hofft sie sogar, daß, wenn die
Öffentlichkeit einmal ihren vollen Blick auf mich richtet, ein
allgemeiner öffentlicher Ärger gegen mich entstehen und mit seinen
großen Machtmitteln mich bis zur vollständigen Endgültigkeit viel
kräftiger und schneller richten wird, als es ihr verhältnismäßig doch
schwacher privater Ärger imstande ist; dann aber wird sie sich
zurückziehen, aufatmen und mir den Rücken kehren. Nun, sollten dies
wirklich ihre Hoffnungen sein, so täuscht sie sich. Die Öffentlichkeit
wird nicht ihre Rolle übernehmen; die Öffentlichkeit wird niemals so
unendlich viel an mir auszusetzen haben, auch wenn sie mich unter ihre
stärkste Lupe nimmt. Ich bin kein so unnützer Mensch, wie sie glaubt;
ich will mich nicht rühmen und besonders nicht in diesem Zusammenhang;
wenn ich aber auch nicht durch besondere Brauchbarkeit ausgezeichnet
sein sollte, werde ich doch auch gewiß nicht gegenteilig auffallen; nur
für sie, für ihre fast weißstrahlenden Augen bin ich so, niemanden
andern wird sie davon überzeugen können. Also könnte ich in dieser
Hinsicht völlig beruhigt sein? Nein, doch nicht; denn wenn es wirklich
bekannt wird, daß ich sie geradezu krank mache durch mein Benehmen, und
einige Aufpasser, eben die fleißigsten Nachrichten-Überbringer, sind
schon nahe daran, es zu durchschauen oder sie stellen sich wenigstens
so, als durchschauten sie es, und es kommt die Welt und wird mir die
Frage stellen, warum ich denn die arme kleine Frau durch meine
Unverbesserlichkeit quäle und ob ich sie etwa bis in den Tod zu treiben
beabsichtige und wann ich endlich die Vernunft und das einfache
menschliche Mitgefühl haben werde, damit aufzuhören — wenn mich die Welt
so fragen wird, es wird schwer sein, ihr zu antworten. Soll ich dann
eingestehn, daß ich an jene Krankheitszeichen nicht sehr glaube und
soll ich damit den unangenehmen Eindruck hervorrufen, daß ich, um von
einer Schuld loszukommen, andere beschuldige und gar in so unfeiner
Weise? Und könnte ich etwa gar offen sagen, daß ich, selbst wenn ich an
ein wirkliches Kranksein glaubte, nicht das geringste Mitgefühl hätte,
da mir ja die Frau völlig fremd ist und die Beziehung, die zwischen uns
besteht, nur von ihr hergestellt ist und nur von ihrer Seite aus
besteht. Ich will nicht sagen, daß man mir nicht glauben würde; man
würde mir vielmehr weder glauben noch nicht glauben; man käme gar nicht
so weit, daß davon die Rede sein könnte; man würde lediglich die Antwort
registrieren, die ich hinsichtlich einer schwachen, kranken Frau gegeben
habe, und das wäre wenig günstig für mich. Hier wie bei jeder andern
Antwort wird mir eben hartnäckig in die Quere kommen die Unfähigkeit der
Welt, in einem Fall wie diesem den Verdacht einer Liebesbeziehung nicht
aufkommen zu lassen, trotzdem es bis zur äußersten Deutlichkeit zutage
liegt, daß eine solche Beziehung nicht besteht und daß, wenn sie
bestehen würde, sie eher noch von mir ausginge, der ich tatsächlich die
kleine Frau in der Schlagkraft ihres Urteils und der Unermüdlichkeit
ihrer Folgerungen immerhin zu bewundern fähig wäre, wenn ich nicht eben
durch ihre Vorzüge immerfort gestraft würde. Bei ihr aber ist jedenfalls
keine Spur einer freundlichen Beziehung zu mir vorhanden; darin ist sie
aufrichtig und wahr; darauf ruht meine letzte Hoffnung; nicht einmal,
wenn es in ihren Kriegsplan passen würde, an eine solche Beziehung zu
mir glauben zu machen, würde sie sich soweit vergessen, etwas derartiges
zu tun. Aber die in dieser Richtung völlig stumpfe Öffentlichkeit wird
bei ihrer Meinung bleiben und immer gegen mich entscheiden.

So bliebe mir eigentlich doch nur übrig, rechtzeitig, ehe die Welt
eingreift, mich soweit zu ändern, daß ich den Ärger der kleinen Frau
nicht etwa beseitige, was undenkbar ist, aber doch ein wenig mildere.
Und ich habe mich tatsächlich öfters gefragt, ob mich denn mein
gegenwärtiger Zustand so befriedige, daß ich ihn gar nicht ändern wolle,
und ob es denn nicht möglich wäre, gewisse Änderungen an mir
vorzunehmen, auch wenn ich es nicht täte, weil ich von ihrer
Notwendigkeit überzeugt wäre, sondern nur, um die Frau zu besänftigen.
Und ich habe es ehrlich versucht, nicht ohne Mühe und Sorgfalt, es
entsprach mir sogar, es belustigte mich fast; einzelne Änderungen
ergaben sich, waren weithin sichtbar, ich mußte die Frau nicht auf sie
aufmerksam machen, sie merkt alles derartige früher als ich, sie merkt
schon den Ausdruck der Absicht in meinem Wesen; aber ein Erfolg war mir
nicht beschieden. Wie wäre es auch möglich? Ihre Unzufriedenheit mit mir
ist ja, wie ich jetzt schon einsehe, eine grundsätzliche; nichts kann
sie beseitigen, nicht einmal die Beseitigung meiner selbst; ihre
Wutanfälle etwa bei der Nachricht meines Selbstmordes wären grenzenlos.
Nun kann ich mir nicht vorstellen, daß sie, diese scharfsinnige Frau,
dies nicht ebenso einsieht wie ich, und zwar sowohl die
Aussichtslosigkeit ihrer Bemühungen als auch meine Unschuld, meine
Unfähigkeit, selbst bei bestem Willen ihren Forderungen zu entsprechen.
Gewiß sieht sie es ein, aber als Kämpfernatur vergißt sie es in der
Leidenschaft des Kampfes, und meine unglückliche Art, die ich aber nicht
anders wählen kann, denn sie ist mir nun einmal so gegeben, besteht
darin, daß ich jemandem, der außer Rand und Band geraten ist, eine
leise Mahnung zuflüstern will. Auf diese Weise werden wir uns natürlich
nie verständigen. Immer wieder werde ich etwa im Glück der ersten
Morgenstunden aus dem Hause treten und dieses um meinetwillen vergrämte
Gesicht sehn, die verdrießlich aufgestülpten Lippen, den prüfenden und
schon vor der Prüfung das Ergebnis kennenden Blick, der über mich
hinfährt und dem selbst bei größter Flüchtigkeit nichts entgehen kann,
das bittere in die mädchenhafte Wange sich einbohrende Lächeln, das
klagende Aufschauen zum Himmel, das Einlegen der Hände in die Hüften, um
sich zu festigen, und dann in der Empörung das Bleichwerden und
Erzittern.

Letzthin machte ich, überhaupt zum erstenmal, wie ich mir bei dieser
Gelegenheit erstaunt eingestand, einem guten Freund einige Andeutungen
von dieser Sache, nur nebenbei, leicht, mit ein paar Worten, ich drückte
die Bedeutung des Ganzen, so klein sie für mich nach außen hin im Grunde
ist, noch ein wenig unter die Wahrheit hinab. Sonderbar, daß der Freund
dennoch nicht darüber hinweghörte, ja sogar aus eigenem der Sache an
Bedeutung hinzugab, sich nicht ablenken ließ und dabei verharrte. Noch
sonderbarer allerdings, daß er trotzdem in einem entscheidenden Punkt
die Sache unterschätzte, denn er riet mir ernstlich, ein wenig zu
verreisen. Kein Rat könnte unverständiger sein; die Dinge liegen zwar
einfach, jeder kann sie, wenn er näher hinzutritt, durchschauen, aber so
einfach sind sie doch auch nicht, daß durch mein Wegfahren alles oder
auch nur das Wichtigste in Ordnung käme. Im Gegenteil, vor dem Wegfahren
muß ich mich vielmehr hüten; wenn ich überhaupt irgendeinen Plan
befolgen soll, dann jedenfalls den, die Sache in ihren bisherigen,
engen, die Außenwelt noch nicht einbeziehenden Grenzen zu halten, also
ruhig zu bleiben, wo ich bin, und keine großen, durch diese Sache
veranlaßten, auffallenden Veränderungen zuzulassen, wozu auch gehört,
mit niemandem davon zu sprechen, aber dies alles nicht deshalb, weil es
irgendein gefährliches Geheimnis wäre, sondern deshalb, weil es eine
kleine, rein persönliche und als solche immerhin leicht zu tragende
Angelegenheit ist und weil sie dieses auch bleiben soll. Darin waren die
Bemerkungen des Freundes doch nicht ohne Nutzen, sie haben mich nichts
Neues gelehrt, aber mich in meiner Grundansicht bestärkt.

Wie es sich ja überhaupt bei genauerem Nachdenken zeigt, daß die
Veränderungen, welche die Sachlage im Laufe der Zeit erfahren zu haben
scheint, keine Veränderungen der Sache selbst sind, sondern nur die
Entwicklung meiner Anschauung von ihr, insofern, als diese Anschauung
teils ruhiger, männlicher wird, dem Kern näher kommt, teils allerdings
auch unter dem nicht zu verwindenden Einfluß der fortwährenden
Erschütterungen, seien diese auch noch so leicht, eine gewisse
Nervosität annimmt.

Ruhiger werde ich der Sache gegenüber, indem ich zu erkennen glaube, daß
eine Entscheidung, so nahe sie manchmal bevorzustehen scheint, doch wohl
noch nicht kommen wird; man ist leicht geneigt, besonders in jungen
Jahren, das Tempo, in dem Entscheidungen kommen, sehr zu überschätzen;
wenn einmal meine kleine Richterin, schwach geworden durch meinen
Anblick, seitlich in den Sessel sank, mit der einen Hand sich an der
Rückenlehne festhielt, mit der anderen an ihrem Schnürleib nestelte, und
Tränen des Zornes und der Verzweiflung ihr die Wangen hinabrollten,
dachte ich immer, nun sei die Entscheidung da und gleich würde ich
vorgerufen werden, mich zu verantworten. Aber nichts von Entscheidung,
nichts von Verantwortung, Frauen wird leicht übel, die Welt hat nicht
Zeit, auf alle Fälle aufzupassen. Und was ist denn eigentlich in all den
Jahren geschehn? Nichts weiter, als daß sich solche Fälle wiederholten,
einmal stärker, einmal schwächer, und daß nun also ihre Gesamtzahl
größer ist. Und daß Leute sich in der Nähe herumtreiben und gern
eingreifen würden, wenn sie eine Möglichkeit dazu finden würden; aber
sie finden keine, bisher verlassen sie sich nur auf ihre Witterung, und
Witterung allein genügt zwar, um ihren Besitzer reichlich zu
beschäftigen, aber zu anderem taugt sie nicht. So aber war es im Grunde
immer, immer gab es diese unnützen Eckensteher und Lufteinatmer, welche
ihre Nähe immer auf irgendeine überschlaue Weise, am liebsten durch
Verwandtschaft, entschuldigten, immer haben sie aufgepaßt, immer haben
sie die Nase voll Witterung gehabt, aber das Ergebnis alles dessen ist
nur, daß sie noch immer dastehn. Der ganze Unterschied besteht darin,
daß ich sie allmählich erkannt habe, ihre Gesichter unterscheide; früher
habe ich geglaubt, sie kämen allmählich von überall her zusammen, die
Ausmaße der Angelegenheit vergrößerten sich und würden von selbst die
Entscheidung erzwingen; heute glaube ich zu wissen, daß das alles von
altersher da war und mit dem Herankommen der Entscheidung sehr wenig
oder nichts zu tun hat. Und die Entscheidung selbst, warum benenne ich
sie mit einem so großen Wort? Wenn es einmal — und gewiß nicht morgen
und übermorgen und wahrscheinlich niemals — dazu kommen sollte, daß sich
die Öffentlichkeit doch mit dieser Sache, für die sie, wie ich immer
wiederholen werde, nicht zuständig ist, beschäftigt, werde ich zwar
nicht unbeschädigt aus dem Verfahren hervorgehen, aber es wird doch wohl
in Betracht gezogen werden, daß ich der Öffentlichkeit nicht unbekannt
bin, in ihrem vollen Licht seit jeher lebe, vertrauensvoll und Vertrauen
verdienend, und daß deshalb diese nachträglich hervorgekommene leidende
kleine Frau, die nebenbei bemerkt ein anderer als ich vielleicht längst
als Klette erkannt und für die Öffentlichkeit völlig geräuschlos unter
seinem Stiefel zertreten hätte, daß diese Frau doch schlimmstenfalls nur
einen kleinen häßlichen Schnörkel dem Diplom hinzufügen könnte, in
welchem mich die Öffentlichkeit längst als ihr achtungswertes Mitglied
erklärt. Das ist der heutige Stand der Dinge, der also wenig geeignet
ist, mich zu beunruhigen.

Daß ich mit den Jahren doch ein wenig unruhig geworden bin, hat mit der
eigentlichen Bedeutung der Sache gar nichts zu tun; man hält es einfach
nicht aus, jemanden immerfort zu ärgern, selbst wenn man die
Grundlosigkeit des Ärgers wohl erkennt; man wird unruhig, man fängt an,
gewissermaßen nur körperlich, auf Entscheidungen zu lauern, auch wenn
man an ihr Kommen vernünftigerweise nicht sehr glaubt. Zum Teil aber
handelt es sich auch nur um eine Alterserscheinung; die Jugend kleidet
alles gut; unschöne Einzelheiten verlieren sich in der unaufhörlichen
Kraftquelle der Jugend; mag einer als Junge einen etwas lauernden Blick
gehabt haben, er ist ihm nicht übelgenommen, er ist gar nicht bemerkt
worden, nicht einmal von ihm selbst, aber, was im Alter übrigbleibt,
sind Reste, jeder ist nötig, keiner wird erneut, jeder steht unter
Beobachtung, und der lauernde Blick eines alternden Mannes ist eben ein
ganz deutlich lauernder Blick, und es ist nicht schwierig, ihn
festzustellen. Nur ist es aber auch hier keine wirkliche sachliche
Verschlimmerung.

Von wo aus also ich es auch ansehe, immer wieder zeigt sich und dabei
bleibe ich, daß, wenn ich mit der Hand auch nur ganz leicht diese kleine
Sache verdeckt halte, ich noch sehr lange, ungestört von der Welt, mein
bisheriges Leben ruhig werde fortsetzen dürfen, trotz allen Tobens der
Frau.

Vor dem Gesetz, Franz Kafka

Friday, December 22nd, 2006

Vor dem Gesetz steht ein Türhüter. Zu diesem Türhüter kommt ein Mann vom Lande und bittet um Eintritt in das Gesetz. Aber der Türhüter sagt, daß er ihm jetzt den Eintritt nicht gewähren könne. Der Mann überlegt und fragt dann, ob er also später werde eintreten dürfen. »Es ist möglich«, sagt der Türhüter, »jetzt aber nicht.« Da das Tor zum Gesetz offensteht wie immer und der Türhüter beiseite tritt, bückt sich der Mann, um durch das Tor in das Innere zu sehn. Als der Türhüter das merkt, lacht er und sagt: »Wenn es dich so lockt, versuche es doch, trotz meines Verbotes hineinzugehn. Merke aber: Ich bin mächtig. Und ich bin nur der unterste Türhüter. Von Saal zu Saal stehn aber Türhüter, einer mächtiger als der andere. Schon den Anblick des dritten kann nicht einmal ich mehr ertragen.«

Solche Schwierigkeiten hat der Mann vom Lande nicht erwartet; das Gesetz soll doch jedem und immer zugänglich sein, denkt er, aber als er jetzt den Türhüter in seinem Pelzmantel genauer ansieht, seine große Spitznase, den langen, dünnen, schwarzen tatarischen Bart, entschließt er sich, doch lieber zu warten, bis er die Erlaubnis zum Eintritt bekommt. Der Türhüter gibt ihm einen Schemel und läßt ihn seitwärts von der Tür sich niedersetzen. Dort sitzt er Tage und Jahre. Er macht viele Versuche, eingelassen zu werden, und ermüdet den Türhüter durch seine Bitten.

Der Türhüter stellt öfters kleine Verhöre mit ihm an, fragt ihn über seine Heimat aus und nach vielem andern, es sind aber teilnahmslose Fragen, wie sie große Herren stellen, und zum Schlusse sagt er ihm immer wieder, daß er ihn noch nicht einlassen könne. Der Mann, der sich für seine Reise mit vielem ausgerüstet hat, verwendet alles, und sei es noch so wertvoll, um den Türhüter zu bestechen. Dieser nimmt zwar alles an, aber sagt dabei: »Ich nehme es nur an, damit du nicht glaubst, etwas versäumt zu haben.« Während der vielen Jahre beobachtet der Mann den Türhüter fast ununterbrochen. Er vergißt die andern Türhüter, und dieser erste scheint ihm das einzige Hindernis für den Eintritt in das Gesetz. Er verflucht den unglücklichen Zufall, in den ersten Jahren rücksichtslos und laut, später, als er alt wird, brummt er nur noch vor sich hin. Er wird kindisch, und, da er in dem jahrelangen Studium des Türhüters auch die Flöhe in seinem Pelzkragen erkannt hat, bittet er auch die Flöhe, ihm zu helfen und den Türhüter umzustimmen.

Schließlich wird sein Augenlicht schwach, und er weiß nicht, ob es um ihn wirklich dunkler wird, oder ob ihn nur seine Augen täuschen. Wohl aber erkennt er jetzt im Dunkel einen Glanz, der unverlöschlich aus der Türe des Gesetzes bricht. Nun lebt er nicht mehr lange. Vor seinem Tode sammeln sich in seinem Kopfe alle Erfahrungen der ganzen Zeit zu einer Frage, die er bisher an den Türhüter noch nicht gestellt hat. Er winkt ihm zu, da er seinen erstarrenden Körper nicht mehr aufrichten kann. Der Türhüter muß sich tief zu ihm hinunterneigen, denn der Größenunterschied hat sich sehr zu ungunsten des Mannes verändert. »Was willst du denn jetzt noch wissen?« fragt der Türhüter, »du bist unersättlich. « »Alle streben doch nach dem Gesetz«, sagt der Mann, »wieso kommt es, daß in den vielen Jahren niemand außer mir Einlaß verlangt hat?« Der Türhüter erkennt, daß der Mann schon an seinem Ende ist, und, um sein vergehendes Gehör noch zu erreichen, brüllt er ihn an: »Hier konnte niemand sonst Einlaß erhalten, denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn.«