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Josefine, die Sängerin oder das Volk der Mäuse, Franz Kafka

Saturday, June 2nd, 2007
Unsere Sängerin heißt Josefine. Wer sie nicht gehört hat, kennt nicht
die Macht des Gesanges. Es gibt niemanden, den ihr Gesang nicht
fortreißt, was umso höher zu bewerten ist, als unser Geschlecht im
ganzen Musik nicht liebt. Stiller Frieden ist uns die liebste Musik;
unser Leben ist schwer, wir können uns, auch wenn wir einmal alle
Tagessorgen abzuschütteln versucht haben, nicht mehr zu solchen, unserem
sonstigen Leben so fernen Dingen erheben, wie es die Musik ist. Doch
beklagen wir es nicht sehr; nicht einmal so weit kommen wir; eine
gewisse praktische Schlauheit, die wir freilich auch äußerst dringend
brauchen, halten wir für unsern größten Vorzug, und mit dem Lächeln
dieser Schlauheit pflegen wir uns über alles hinwegzutrösten, auch wenn
wir einmal — was aber nicht geschieht — das Verlangen nach dem Glück
haben sollten, das von der Musik vielleicht ausgeht. Nur Josefine macht
eine Ausnahme; sie liebt die Musik und weiß sie auch zu vermitteln; sie
ist die einzige; mit ihrem Hingang wird die Musik — wer weiß wie lange –
aus unserem Leben verschwinden.

Ich habe oft darüber nachgedacht, wie es sich mit dieser Musik
eigentlich verhält. Wir sind doch ganz unmusikalisch; wie kommt es, daß
wir Josefinens Gesang verstehn oder, da Josefine unser Verständnis
leugnet, wenigstens zu verstehen glauben. Die einfachste Antwort wäre,
daß die Schönheit dieses Gesanges so groß ist, daß auch der stumpfste
Sinn ihr nicht widerstehen kann, aber diese Antwort ist nicht
befriedigend. Wenn es wirklich so wäre, müßte man vor diesem Gesang
zunächst und immer das Gefühl des Außerordentlichen haben, das Gefühl,
aus dieser Kehle erklinge etwas, was wir nie vorher gehört haben und das
zu hören wir auch gar nicht die Fähigkeit haben, etwas, was zu hören uns
nur diese eine Josefine und niemand sonst befähigt. Gerade das trifft
aber meiner Meinung nach nicht zu, ich fühle es nicht und habe auch bei
andern nichts dergleichen bemerkt. Im vertrauten Kreise gestehen wir
einander offen, daß Josefinens Gesang als Gesang nichts
Außerordentliches darstellt.

Ist es denn überhaupt Gesang? Trotz unserer Unmusikalität haben wir
Gesangsüberlieferungen; in den alten Zeiten unseres Volkes gab es
Gesang; Sagen erzählen davon und sogar Lieder sind erhalten, die
freilich niemand mehr singen kann. Eine Ahnung dessen, was Gesang ist,
haben wir also und dieser Ahnung nun entspricht Josefinens Kunst
eigentlich nicht. Ist es denn überhaupt Gesang? Ist es nicht vielleicht
doch nur ein Pfeifen? Und Pfeifen allerdings kennen wir alle, es ist die
eigentliche Kunstfertigkeit unseres Volkes, oder vielmehr gar keine
Fertigkeit, sondern eine charakteristische Lebensäußerung. Alle pfeifen
wir, aber freilich denkt niemand daran, das als Kunst auszugeben, wir
pfeifen, ohne darauf zu achten, ja, ohne es zu merken und es gibt sogar
viele unter uns, die gar nicht wissen, daß das Pfeifen zu unsern
Eigentümlichkeiten gehört. Wenn es also wahr wäre, daß Josefine nicht
singt, sondern nur pfeift und vielleicht gar, wie es mir wenigstens
scheint, über die Grenzen des üblichen Pfeifens kaum hinauskommt — ja
vielleicht reicht ihre Kraft für dieses übliche Pfeifen nicht einmal
ganz hin, während es ein gewöhnlicher Erdarbeiter ohne Mühe den ganzen
Tag über neben seiner Arbeit zustandebringt — wenn das alles wahr wäre,
dann wäre zwar Josefinens angebliche Künstlerschaft widerlegt, aber es
wäre dann erst recht das Rätsel ihrer großen Wirkung zu lösen.

Es ist aber eben doch nicht nur Pfeifen, was sie produziert. Stellt man
sich recht weit von ihr hin und horcht, oder noch besser, läßt man sich
in dieser Hinsicht prüfen, singt also Josefine etwa unter andern Stimmen
und setzt man sich die Aufgabe, ihre Stimme zu erkennen, dann wird man
unweigerlich nichts anderes heraushören, als ein gewöhnliches, höchstens
durch Zartheit oder Schwäche ein wenig auffallendes Pfeifen. Aber steht
man vor ihr, ist es doch nicht nur ein Pfeifen; es ist zum Verständnis
ihrer Kunst notwendig, sie nicht nur zu hören sondern auch zu sehn.
Selbst wenn es nur unser tagtägliches Pfeifen wäre, so besteht hier
doch schon zunächst die Sonderbarkeit, daß jemand sich feierlich
hinstellt, um nichts anderes als das Übliche zu tun. Eine Nuß aufknacken
ist wahrhaftig keine Kunst, deshalb wird es auch niemand wagen, ein
Publikum zusammenzurufen und vor ihm, um es zu unterhalten, Nüsse
knacken. Tut er es dennoch und gelingt seine Absicht, dann kann es sich
eben doch nicht nur um bloßes Nüsseknacken handeln. Oder es handelt sich
um Nüsseknacken, aber es stellt sich heraus, daß wir über diese Kunst
hinweggesehen haben, weil wir sie glatt beherrschten und daß uns dieser
neue Nußknacker erst ihr eigentliches Wesen zeigt, wobei es dann für die
Wirkung sogar nützlich sein könnte, wenn er etwas weniger tüchtig im
Nüsseknacken ist als die Mehrzahl von uns.

Vielleicht verhält es sich ähnlich mit Josefinens Gesang; wir bewundern
an ihr das, was wir an uns gar nicht bewundern; übrigens stimmt sie in
letzterer Hinsicht mit uns völlig überein. Ich war einmal zugegen, als
sie jemand, wie dies natürlich öfters geschieht, auf das allgemeine
Volkspfeifen aufmerksam machte und zwar nur ganz bescheiden, aber für
Josefine war es schon zu viel. Ein so freches, hochmütiges Lächeln, wie
sie es damals aufsetzte, habe ich noch nicht gesehn; sie, die äußerlich
eigentlich vollendete Zartheit ist, auffallend zart selbst in unserem an
solchen Frauengestalten reichen Volk, erschien damals geradezu gemein;
sie mochte es übrigens in ihrer großen Empfindlichkeit auch gleich
selbst fühlen und faßte sich. Jedenfalls leugnet sie also jeden
Zusammenhang zwischen ihrer Kunst und dem Pfeifen. Für die, welche
gegenteiliger Meinung sind, hat sie nur Verachtung und wahrscheinlich
uneingestandenen Haß. Das ist nicht gewöhnliche Eitelkeit, denn diese
Opposition, zu der auch ich halb gehöre, bewundert sie gewiß nicht
weniger als es die Menge tut, aber Josefine will nicht nur bewundert,
sondern genau in der von ihr bestimmten Art bewundert sein, an
Bewunderung allein liegt ihr nichts. Und wenn man vor ihr sitzt,
versteht man sie; Opposition treibt man nur in der Ferne; wenn man vor
ihr sitzt, weiß man: was sie hier pfeift, ist kein Pfeifen.

Da Pfeifen zu unseren gedankenlosen Gewohnheiten gehört, könnte man
meinen, daß auch in Josefinens Auditorium gepfiffen wird; es wird uns
wohl bei ihrer Kunst und wenn uns wohl ist, pfeifen wir; aber ihr
Auditorium pfeift nicht, es ist mäuschenstill, so als wären wir des
ersehnten Friedens teilhaftig geworden, von dem uns zumindest unser
eigenes Pfeifen abhält, schweigen wir. Ist es ihr Gesang, der uns
entzückt oder nicht vielmehr die feierliche Stille, von der das schwache
Stimmchen umgeben ist? Einmal geschah es, daß irgendein törichtes
kleines Ding während Josefinens Gesang in aller Unschuld auch zu pfeifen
anfing. Nun, es war ganz dasselbe, was wir auch von Josefine hörten;
dort vorne das trotz aller Routine immer noch schüchterne Pfeifen und
hier im Publikum das selbstvergessene kindliche Gepfeife; den
Unterschied zu bezeichnen, wäre unmöglich gewesen; aber doch zischten
und pfiffen wir gleich die Störerin nieder, trotzdem es gar nicht nötig
gewesen wäre, denn sie hätte sich gewiß auch sonst in Angst und Scham
verkrochen, während Josefine ihr Triumphpfeifen anstimmte und ganz außer
sich war mit ihren ausgespreizten Armen und dem gar nicht mehr höher
dehnbaren Hals.

So ist sie übrigens immer, jede Kleinigkeit, jeden Zufall, jede
Widerspenstigkeit, ein Knacken im Parkett, ein Zähneknirschen, eine
Beleuchtungsstörung hält sie für geeignet, die Wirkung ihres Gesanges zu
erhöhen; sie singt ja ihrer Meinung nach vor tauben Ohren; an
Begeisterung und Beifall fehlt es nicht, aber auf wirkliches
Verständnis, wie sie es meint, hat sie längst verzichten gelernt. Da
kommen ihr denn alle Störungen sehr gelegen; alles, was sich von außen
her der Reinheit ihres Gesanges entgegenstellt, in leichtem Kampf, ja
ohne Kampf, bloß durch die Gegenüberstellung besiegt wird, kann dazu
beitragen, die Menge zu erwecken, sie zwar nicht Verständnis, aber
ahnungsvollen Respekt zu lehren.

Wenn ihr aber nun das Kleine so dient, wie erst das Große. Unser Leben
ist sehr unruhig, jeder Tag bringt Überraschungen, Beängstigungen,
Hoffnungen und Schrecken, daß der Einzelne unmöglich dies alles ertragen
könnte, hätte er nicht jederzeit bei Tag und Nacht den Rückhalt der
Genossen; aber selbst so wird es oft recht schwer; manchmal zittern
selbst tausend Schultern unter der Last, die eigentlich nur für einen
bestimmt war. Dann hält Josefine ihre Zeit für gekommen. Schon steht sie
da, das zarte Wesen, besonders unterhalb der Brust beängstigend
vibrierend, es ist, als hätte sie alle ihre Kraft im Gesang versammelt,
als sei allem an ihr, was nicht dem Gesange unmittelbar diene, jede
Kraft, fast jede Lebensmöglichkeit entzogen, als sei sie entblößt,
preisgegeben, nur dem Schutze guter Geister überantwortet, als könne
sie, während sie so, sich völlig entzogen, im Gesange wohnt, ein kalter
Hauch im Vorüberwehn töten. Aber gerade bei solchem Anblick pflegen wir
angeblichen Gegner uns zu sagen: »Sie kann nicht einmal pfeifen; so
entsetzlich muß sie sich anstrengen, um nicht Gesang — reden wir nicht
von Gesang — aber um das landesübliche Pfeifen einigermaßen sich
abzuzwingen.« So scheint es uns, doch ist dies, wie erwähnt, ein zwar
unvermeidlicher, aber flüchtiger, schnell vorübergehender Eindruck.
Schon tauchen auch wir in das Gefühl der Menge, die warm, Leib an Leib,
scheu atmend horcht.

Und um diese Menge unseres fast immer in Bewegung befindlichen, wegen
oft nicht sehr klarer Zwecke hin- und herschießenden Volkes um sich zu
versammeln, muß Josefine meist nichts anderes tun, als mit
zurückgelegtem Köpfchen, halboffenem Mund, der Höhe zugewandten Augen
jene Stellung einnehmen, die darauf hindeutet, daß sie zu singen
beabsichtigt. Sie kann dies tun, wo sie will, es muß kein weithin
sichtbarer Platz sein, irgendein verborgener, in zufälliger
Augenblickslaune gewählter Winkel ist ebensogut brauchbar. Die
Nachricht, daß sie singen will, verbreitet sich gleich, und bald zieht
es in Prozessionen hin. Nun, manchmal treten doch Hindernisse ein,
Josefine singt mit Vorliebe gerade in aufgeregten Zeiten, vielfache
Sorgen und Nöte zwingen uns dann zu vielerlei Wegen, man kann sich beim
besten Willen nicht so schnell versammeln, wie es Josefine wünscht, und
sie steht dort diesmal in ihrer großen Haltung vielleicht eine Zeitlang
ohne genügende Hörerzahl — dann freilich wird sie wütend, dann stampft
sie mit den Füßen, flucht ganz unmädchenhaft, ja sie beißt sogar. Aber
selbst ein solches Verhalten schadet ihrem Rufe nicht; statt ihre
übergroßen Ansprüche ein wenig einzudämmen, strengt man sich an, ihnen
zu entsprechen; es werden Boten ausgeschickt, um Hörer herbeizuholen; es
wird vor ihr geheim gehalten, daß das geschieht; man sieht dann auf den
Wegen im Umkreis Posten aufgestellt, die den Herankommenden zuwinken,
sie möchten sich beeilen; dies alles so lange, bis dann schließlich doch
eine leidliche Anzahl beisammen ist.

Was treibt das Volk dazu, sich für Josefine so zu bemühen? Eine Frage,
nicht leichter zu beantworten als die nach Josefinens Gesang, mit der
sie ja auch zusammenhängt. Man könnte sie streichen und gänzlich mit der
zweiten Frage vereinigen, wenn sich etwa behaupten ließe, daß das Volk
wegen des Gesanges Josefine bedingungslos ergeben ist. Dies ist aber
eben nicht der Fall; bedingungslose Ergebenheit kennt unser Volk kaum;
dieses Volk, das über alles die freilich harmlose Schlauheit liebt, das
kindliche Wispern, den freilich unschuldigen, bloß die Lippen bewegenden
Tratsch, ein solches Volk kann immerhin nicht bedingungslos sich
hingeben, das fühlt wohl auch Josefine, das ist es, was sie bekämpft mit
aller Anstrengung ihrer schwachen Kehle.

Nur darf man freilich bei solchen allgemeinen Urteilen nicht zu weit
gehn, das Volk ist Josefine doch ergeben, nur nicht bedingungslos. Es
wäre z. B. nicht fähig, über Josefine zu lachen. Man kann es sich
eingestehn: an Josefine fordert manches zum Lachen auf; und an und für
sich ist uns das Lachen immer nah; trotz allem Jammer unseres Lebens ist
ein leises Lachen bei uns gewissermaßen immer zu Hause; aber über
Josefine lachen wir nicht. Manchmal habe ich den Eindruck, das Volk
fasse sein Verhältnis zu Josefine derart auf, daß sie, dieses
zerbrechliche, schonungsbedürftige, irgendwie ausgezeichnete, ihrer
Meinung nach durch Gesang ausgezeichnete Wesen ihm anvertraut sei und es
müsse für sie sorgen; der Grund dessen ist niemandem klar, nur die
Tatsache scheint festzustehn. Über das aber, was einem anvertraut ist,
lacht man nicht; darüber zu lachen, wäre Pflichtverletzung; es ist das
Äußerste an Boshaftigkeit, was die Boshaftesten unter uns Josefine
zufügen, wenn sie manchmal sagen: »Das Lachen vergeht uns, wenn wir
Josefine sehn.«

So sorgt also das Volk für Josefine in der Art eines Vaters, der sich
eines Kindes annimmt, das sein Händchen — man weiß nicht recht, ob
bittend oder fordernd — nach ihm ausstreckt. Man sollte meinen, unser
Volk tauge nicht zur Erfüllung solcher väterlicher Pflichten, aber in
Wirklichkeit versieht es sie, wenigstens in diesem Falle, musterhaft;
kein Einzelner könnte es, was in dieser Hinsicht das Volk als Ganzes zu
tun imstande ist. Freilich, der Kraftunterschied zwischen dem Volk und
dem Einzelnen ist so ungeheuer, es genügt, daß es den Schützling in die
Wärme seiner Nähe zieht, und er ist beschützt genug. Zu Josefine wagt
man allerdings von solchen Dingen nicht zu reden. »Ich pfeife auf eueren
Schutz«, sagt sie dann. »Ja, ja, du pfeifst«, denken wir. Und außerdem
ist es wahrhaftig keine Widerlegung, wenn sie rebelliert, vielmehr ist
das durchaus Kindesart und Kindesdankbarkeit, und Art des Vaters ist es,
sich nicht daran zu kehren.

Nun spricht aber doch noch anderes mit herein, das schwerer aus diesem
Verhältnis zwischen Volk und Josefine zu erklären ist. Josefine ist
nämlich der gegenteiligen Meinung, sie glaubt, sie sei es, die das Volk
beschütze. Aus schlimmer politischer oder wirtschaftlicher Lage rettet
uns angeblich ihr Gesang, nichts weniger als das bringt er zuwege, und
wenn er das Unglück nicht vertreibt, so gibt er uns wenigstens die
Kraft, es zu ertragen. Sie spricht es nicht so aus und auch nicht
anders, sie spricht überhaupt wenig, sie ist schweigsam unter den
Plappermäulern, aber aus ihren Augen blitzt es, von ihrem geschlossenen
Mund — bei uns können nur wenige den Mund geschlossen halten, sie kann
es — ist es abzulesen. Bei jeder schlechten Nachricht — und an manchen
Tagen überrennen sie einander, falsche und halbrichtige darunter –
erhebt sie sich sofort, während es sie sonst müde zu Boden zieht, erhebt
sich und streckt den Hals und sucht den Überblick über ihre Herde wie
der Hirt vor dem Gewitter. Gewiß, auch Kinder stellen ähnliche
Forderungen in ihrer wilden, unbeherrschten Art, aber bei Josefine sind
sie doch nicht so unbegründet wie bei jenen. Freilich, sie rettet uns
nicht und gibt uns keine Kräfte, es ist leicht, sich als Retter dieses
Volkes aufzuspielen, das leidensgewohnt, sich nicht schonend, schnell in
Entschlüssen, den Tod wohl kennend, nur dem Anscheine nach ängstlich in
der Atmosphäre von Tollkühnheit, in der es ständig lebt, und überdies
ebenso fruchtbar wie wagemutig — es ist leicht, sage ich, sich
nachträglich als Retter dieses Volkes aufzuspielen, das sich noch immer
irgendwie selbst gerettet hat, sei es auch unter Opfern, über die der
Geschichtsforscher — im allgemeinen vernachlässigen wir
Geschichtsforschung gänzlich — vor Schrecken erstarrt. Und doch ist es
wahr, daß wir gerade in Notlagen noch besser als sonst auf Josefinens
Stimme horchen. Die Drohungen, die über uns stehen, machen uns stiller,
bescheidener, für Josefinens Befehlshaberei gefügiger; gern kommen wir
zusammen, gern drängen wir uns aneinander, besonders weil es bei einem
Anlaß geschieht, der ganz abseits liegt von der quälenden Hauptsache; es
ist, als tränken wir noch schnell — ja, Eile ist nötig, das vergißt
Josefine allzuoft — gemeinsam einen Becher des Friedens vor dem Kampf.
Es ist nicht so sehr eine Gesangsvorführung als vielmehr eine
Volksversammlung, und zwar eine Versammlung, bei der es bis auf das
kleine Pfeifen vorne völlig still ist; viel zu ernst ist die Stunde, als
daß man sie verschwätzen wollte.

Ein solches Verhältnis könnte nun freilich Josefine gar nicht
befriedigen. Trotz all ihres nervösen Mißbehagens, welches Josefine
wegen ihrer niemals ganz geklärten Stellung erfüllt, sieht sie doch,
verblendet von ihrem Selbstbewußtsein, manches nicht und kann ohne große
Anstrengung dazu gebracht werden, noch viel mehr zu übersehen, ein
Schwarm von Schmeichlern ist in diesem Sinne, also eigentlich in einem
allgemein nützlichen Sinne, immerfort tätig, — aber nur nebenbei,
unbeachtet, im Winkel einer Volksversammlung zu singen, dafür würde sie,
trotzdem es an sich gar nicht wenig wäre, ihren Gesang gewiß nicht
opfern.

Aber sie muß es auch nicht, denn ihre Kunst bleibt nicht unbeachtet.
Trotzdem wir im Grunde mit ganz anderen Dingen beschäftigt sind und die
Stille durchaus nicht nur dem Gesange zuliebe herrscht und mancher gar
nicht aufschaut, sondern das Gesicht in den Pelz des Nachbars drückt und
Josefine also dort oben sich vergeblich abzumühen scheint, dringt doch –
das ist nicht zu leugnen — etwas von ihrem Pfeifen unweigerlich auch zu
uns. Dieses Pfeifen, das sich erhebt, wo allen anderen Schweigen
auferlegt ist, kommt fast wie eine Botschaft des Volkes zu dem
Einzelnen; das dünne Pfeifen Josefinens mitten in den schweren
Entscheidungen ist fast wie die armselige Existenz unseres Volkes mitten
im Tumult der feindlichen Welt. Josefine behauptet sich, dieses Nichts
an Stimme, dieses Nichts an Leistung behauptet sich und schafft sich
den Weg zu uns, es tut wohl, daran zu denken. Einen wirklichen
Gesangskünstler, wenn einer einmal sich unter uns finden sollte, würden
wir in solcher Zeit gewiß nicht ertragen und die Unsinnigkeit einer
solchen Vorführung einmütig abweisen. Möge Josefine beschützt werden vor
der Erkenntnis, daß die Tatsache, daß wir ihr zuhören, ein Beweis gegen
ihren Gesang ist. Eine Ahnung dessen hat sie wohl, warum würde sie sonst
so leidenschaftlich leugnen, daß wir ihr zuhören, aber immer wieder
singt sie, pfeift sie sich über diese Ahnung hinweg.

Aber es gäbe auch sonst noch immer einen Trost für sie: wir hören ihr
doch auch gewissermaßen wirklich zu, wahrscheinlich ähnlich, wie man
einem Gesangskünstler zuhört; sie erreicht Wirkungen, die ein
Gesangskünstler vergeblich bei uns anstreben würde und die nur gerade
ihren unzureichenden Mitteln verliehen sind. Dies hängt wohl
hauptsächlich mit unserer Lebensweise zusammen.

In unserem Volke kennt man keine Jugend, kaum eine winzige Kinderzeit.
Es treten zwar regelmäßig Forderungen auf, man möge den Kindern eine
besondere Freiheit, eine besondere Schonung gewährleisten, ihr Recht auf
ein wenig Sorglosigkeit, ein wenig sinnloses Sichherumtummeln, auf ein
wenig Spiel, dieses Recht möge man anerkennen und ihm zur Erfüllung
verhelfen; solche Forderungen treten auf und fast jedermann billigt sie,
es gibt nichts, was mehr zu billigen wäre, aber es gibt auch nichts, was
in der Wirklichkeit unseres Lebens weniger zugestanden werden könnte,
man billigt die Forderungen, man macht Versuche in ihrem Sinn, aber bald
ist wieder alles beim Alten. Unser Leben ist eben derart, daß ein Kind,
sobald es nur ein wenig läuft und die Umwelt ein wenig unterscheiden
kann, ebenso für sich sorgen muß wie ein Erwachsener; die Gebiete, auf
denen wir aus wirtschaftlichen Rücksichten zerstreut leben müssen, sind
zu groß, unserer Feinde sind zu viele, die uns überall bereiteten
Gefahren zu unberechenbar — wir können die Kinder vom Existenzkampfe
nicht fernhalten, täten wir es, es wäre ihr vorzeitiges Ende. Zu diesen
traurigen Gründen kommt freilich auch ein erhebender: die Fruchtbarkeit
unseres Stammes. Eine Generation — und jede ist zahlreich — drängt die
andere, die Kinder haben nicht Zeit, Kinder zu sein. Mögen bei anderen
Völkern die Kinder sorgfältig gepflegt werden, mögen dort Schulen für
die Kleinen errichtet sein, mögen dort aus diesen Schulen täglich die
Kinder strömen, die Zukunft des Volkes, so sind es doch immer lange Zeit
Tag für Tag die gleichen Kinder, die dort hervorkommen. Wir haben keine
Schulen, aber aus unserem Volke strömen in allerkürzesten Zwischenräumen
die unübersehbaren Scharen unserer Kinder, fröhlich zischend oder
piepsend, solange sie noch nicht pfeifen können, sich wälzend oder kraft
des Druckes weiterrollend, solange sie noch nicht laufen können,
täppisch durch ihre Masse alles mit sich fortreißend, solange sie noch
nicht sehen können, unsere Kinder! Und nicht wie in jenen Schulen die
gleichen Kinder, nein, immer, immer wieder neue, ohne Ende, ohne
Unterbrechung, kaum erscheint ein Kind, ist es nicht mehr Kind, aber
schon drängen hinter ihm die neuen Kindergesichter ununterscheidbar in
ihrer Menge und Eile, rosig vor Glück. Freilich, wie schön dies auch
sein mag und wie sehr uns andere darum auch mit Recht beneiden mögen,
eine wirkliche Kinderzeit können wir eben unseren Kindern nicht geben.
Und das hat seine Folgewirkungen. Eine gewisse unerstorbene,
unausrottbare Kindlichkeit durchdringt unser Volk; im geraden
Widerspruch zu unserem Besten, dem untrüglichen praktischen Verstande,
handeln wir manchmal ganz und gar töricht, und zwar eben in der Art, wie
Kinder töricht handeln, sinnlos, verschwenderisch, großzügig,
leichtsinnig und dies alles oft einem kleinen Spaß zuliebe. Und wenn
unsere Freude darüber natürlich nicht mehr die volle Kraft der
Kinderfreude haben kann, etwas von dieser lebt darin noch gewiß. Von
dieser Kindlichkeit unseres Volkes profitiert seit jeher auch Josefine.

Aber unser Volk ist nicht nur kindlich, es ist gewissermaßen auch
vorzeitig alt, Kindheit und Alter machen sich bei uns anders als bei
anderen. Wir haben keine Jugend, wir sind gleich Erwachsene, und
Erwachsene sind wir dann zu lange, eine gewisse Müdigkeit und
Hoffnungslosigkeit durchzieht von da aus mit breiter Spur das im ganzen
doch so zähe und hoffnungsstarke Wesen unseres Volkes. Damit hängt wohl
auch unsere Unmusikalität zusammen; wir sind zu alt für Musik, ihre
Erregung, ihr Aufschwung paßt nicht für unsere Schwere, müde winken wir
ihr ab; wir haben uns auf das Pfeifen zurückgezogen; ein wenig Pfeifen
hie und da, das ist das Richtige für uns. Wer weiß, ob es nicht
Musiktalente unter uns gibt; wenn es sie aber gäbe, der Charakter der
Volksgenossen müßte sie noch vor ihrer Entfaltung unterdrücken. Dagegen
mag Josefine nach ihrem Belieben pfeifen oder singen oder wie sie es
nennen will, das stört uns nicht, das entspricht uns, das können wir
wohl vertragen; wenn darin etwas von Musik enthalten sein sollte, so ist
es auf die möglichste Nichtigkeit reduziert; eine gewisse Musiktradition
wird gewahrt, aber ohne daß uns dies im geringsten beschweren würde.

Aber Josefine bringt diesem so gestimmten Volke noch mehr. Bei ihren
Konzerten, besonders in ernster Zeit, haben nur noch die ganz Jungen
Interesse an der Sängerin als solcher, nur sie sehen mit Staunen zu, wie
sie ihre Lippen kräuselt, zwischen den niedlichen Vorderzähnen die Luft
ausstößt, in Bewunderung der Töne, die sie selbst hervorbringt, erstirbt
und dieses Hinsinken benützt, um sich zu neuer, ihr immer
unverständlicher werdender Leistung anzufeuern, aber die eigentliche
Menge hat sich — das ist deutlich zu erkennen — auf sich selbst
zurückgezogen. Hier in den dürftigen Pausen zwischen den Kämpfen träumt
das Volk, es ist, als lösten sich dem Einzelnen die Glieder, als dürfte
sich der Ruhelose einmal nach seiner Lust im großen warmen Bett des
Volkes dehnen und strecken. Und in diese Träume klingt hie und da
Josefinens Pfeifen; sie nennt es perlend, wir nennen es stoßend; aber
jedenfalls ist es hier an seinem Platze, wie nirgends sonst, wie Musik
kaum jemals den auf sie wartenden Augenblick findet. Etwas von der armen
kurzen Kindheit ist darin, etwas von verlorenem, nie wieder
aufzufindendem Glück, aber auch etwas vom tätigen heutigen Leben ist
darin, von seiner kleinen, unbegreiflichen und dennoch bestehenden und
nicht zu ertötenden Munterkeit. Und dies alles ist wahrhaftig nicht mit
großen Tönen gesagt, sondern leicht, flüsternd, vertraulich, manchmal
ein wenig heiser. Natürlich ist es ein Pfeifen. Wie denn nicht? Pfeifen
ist die Sprache unseres Volkes, nur pfeift mancher sein Leben lang und
weiß es nicht, hier aber ist das Pfeifen freigemacht von den Fesseln
des täglichen Lebens und befreit auch uns für eine kurze Weile. Gewiß,
diese Vorführungen wollten wir nicht missen.

Aber von da bis zu Josefinens Behauptung, sie gebe uns in solchen Zeiten
neue Kräfte usw. usw., ist noch ein sehr weiter Weg. Für gewöhnliche
Leute allerdings, nicht für Josefinens Schmeichler. »Wie könnte es
anders sein« — sagen sie in recht unbefangener Keckheit — »wie könnte
man anders den großen Zulauf, besonders unter unmittelbar drängender
Gefahr, erklären, der schon manchmal sogar die genügende, rechtzeitige
Abwehr eben dieser Gefahr verhindert hat.« Nun, dies letztere ist leider
richtig, gehört aber doch nicht zu den Ruhmestiteln Josefinens,
besonders wenn man hinzufügt, daß, wenn solche Versammlungen unerwartet
vom Feind gesprengt wurden, und mancher der unserigen dabei sein Leben
lassen mußte, Josefine, die alles verschuldet, ja, durch ihr Pfeifen den
Feind vielleicht angelockt hatte, immer im Besitz des sichersten
Plätzchens war und unter dem Schutze ihres Anhanges sehr still und
eiligst als erste verschwand. Aber auch dieses wissen im Grunde alle,
und dennoch eilen sie wieder hin, wenn Josefine nächstens nach ihrem
Belieben irgendwo, irgendwann zum Gesange sich erhebt. Daraus könnte man
schließen, daß Josefine fast außerhalb des Gesetzes steht, daß sie tun
darf, was sie will, selbst wenn es die Gesamtheit gefährdet, und daß ihr
alles verziehen wird. Wenn dies so wäre, dann wären auch Josefinens
Ansprüche völlig verständlich, ja, man könnte gewissermaßen in dieser
Freiheit, die ihr das Volk geben würde, in diesem außerordentlichen,
niemand sonst gewährten, die Gesetze eigentlich widerlegenden Geschenk
ein Eingeständnis dessen sehen, daß das Volk Josefine, wie sie es
behauptet, nicht versteht, ohnmächtig ihre Kunst anstaunt, sich ihrer
nicht würdig fühlt, dieses Leid, das es Josefine tut, durch eine
geradezu verzweifelte Leistung auszugleichen strebt und, so wie ihre
Kunst außerhalb seines Fassungsvermögens ist, auch ihre Person und deren
Wünsche außerhalb seiner Befehlsgewalt stellt. Nun, das ist allerdings
ganz und gar nicht richtig, vielleicht kapituliert im einzelnen das Volk
zu schnell vor Josefine, aber wie es bedingungslos vor niemandem
kapituliert, also auch nicht vor ihr.

Schon seit langer Zeit, vielleicht schon seit Beginn ihrer
Künstlerlaufbahn, kämpft Josefine darum, daß sie mit Rücksicht auf ihren
Gesang von jeder Arbeit befreit werde; man solle ihr also die Sorge um
das tägliche Brot und alles, was sonst mit unserem Existenzkampf
verbunden ist, abnehmen und es — wahrscheinlich — auf das Volk als
Ganzes überwälzen. Ein schnell Begeisterter — es fanden sich auch solche
– könnte schon allein aus der Sonderbarkeit dieser Forderung, aus der
Geistesverfassung, die eine solche Forderung auszudenken imstande ist,
auf deren innere Berechtigung schließen. Unser Volk zieht aber andere
Schlüsse, und lehnt ruhig die Forderung ab. Es müht sich auch mit der
Widerlegung der Gesuchsbegründung nicht sehr ab. Josefine weist z. B.
darauf hin, daß die Anstrengung bei der Arbeit ihrer Stimme schade, daß
zwar die Anstrengung bei der Arbeit gering sei im Vergleich zu jener
beim Gesang, daß sie ihr aber doch die Möglichkeit nehme, nach dem
Gesang sich genügend auszuruhen und für neuen Gesang sich zu stärken,
sie müsse sich dabei gänzlich erschöpfen und könne trotzdem unter diesen
Umständen ihre Höchstleistung niemals erreichen. Das Volk hört sie an
und geht darüber hinweg. Dieses so leicht zu rührende Volk ist manchmal
gar nicht zu rühren. Die Abweisung ist manchmal so hart, daß selbst
Josefine stutzt, sie scheint sich zu fügen, arbeitet wie sichs gehört,
singt so gut sie kann, aber das alles nur eine Weile, dann nimmt sie den
Kampf mit neuen Kräften — dafür scheint sie unbeschränkt viele zu haben
– wieder auf.

Nun ist es ja klar, daß Josefine nicht eigentlich das anstrebt, was sie
wörtlich verlangt. Sie ist vernünftig, sie scheut die Arbeit nicht, wie
ja Arbeitsscheu überhaupt bei uns unbekannt ist, sie würde auch nach
Bewilligung ihrer Forderung gewiß nicht anders leben als früher, die
Arbeit würde ihrem Gesang gar nicht im Wege stehn, und der Gesang
allerdings würde auch nicht schöner werden — was sie anstrebt, ist also
nur die öffentliche, eindeutige, die Zeiten überdauernde, über alles
bisher Bekannte sich weit erhebende Anerkennung ihrer Kunst. Während ihr
aber fast alles andere erreichbar scheint, versagt sich ihr dieses
hartnäckig. Vielleicht hätte sie den Angriff gleich anfangs in andere
Richtung lenken sollen, vielleicht sieht sie jetzt selbst den Fehler
ein, aber nun kann sie nicht mehr zurück, ein Zurückgehen hieße sich
selbst untreu werden, nun muß sie schon mit dieser Forderung stehen oder
fallen.

Hätte sie wirklich Feinde, wie sie sagt, sie könnten diesem Kampfe, ohne
selbst den Finger rühren zu müssen, belustigt zusehen. Aber sie hat
keine Feinde, und selbst wenn mancher hie und da Einwände gegen sie hat,
dieser Kampf belustigt niemanden. Schon deshalb nicht, weil sich hier
das Volk in seiner kalten richterlichen Haltung zeigt, wie man es sonst
bei uns nur sehr selten sieht. Und wenn einer auch diese Haltung in
diesem Falle billigen mag, so schließt doch die bloße Vorstellung, daß
sich einmal das Volk ähnlich gegen ihn selbst verhalten könnte, jede
Freude aus. Es handelt sich eben auch bei der Abweisung, ähnlich wie bei
der Forderung, nicht um die Sache selbst, sondern darum, daß sich das
Volk gegen einen Volksgenossen derart undurchdringlich abschließen kann
und um so undurchdringlicher, als es sonst für eben diesen Genossen
väterlich und mehr als väterlich, demütig sorgt.

Stünde hier an Stelle des Volkes ein Einzelner: man könnte glauben,
dieser Mann habe die ganze Zeit über Josefine nachgegeben unter dem
fortwährenden brennenden Verlangen endlich der Nachgiebigkeit ein Ende
zu machen; er habe übermenschlich viel nachgegeben im festen Glauben,
daß das Nachgeben trotzdem seine richtige Grenze finden werde; ja, er
habe mehr nachgegeben als nötig war, nur um die Sache zu beschleunigen,
nur, um Josefine zu verwöhnen und zu immer neuen Wünschen zu treiben,
bis sie dann wirklich diese letzte Forderung erhob; da habe er nun
freilich, kurz, weil längst vorbereitet, die endgültige Abweisung
vorgenommen. Nun, so verhält es sich ganz gewiß nicht, das Volk braucht
solche Listen nicht, außerdem ist seine Verehrung für Josefine
aufrichtig und erprobt und Josefinens Forderung ist allerdings so stark,
daß jedes unbefangene Kind ihr den Ausgang hätte voraussagen können;
trotzdem mag es sein, daß in der Auffassung, die Josefine von der Sache
hat, auch solche Vermutungen mitspielen und dem Schmerz der Abgewiesenen
eine Bitternis hinzufügen.

Aber mag sie auch solche Vermutungen haben, vom Kampf abschrecken läßt
sie sich dadurch nicht. In letzter Zeit verschärft sich sogar der
Kampf; hat sie ihn bisher nur durch Worte geführt, fängt sie jetzt an,
andere Mittel anzuwenden, die ihrer Meinung nach wirksamer, unserer
Meinung nach für sie selbst gefährlicher sind.

Manche glauben, Josefine werde deshalb so dringlich, weil sie sich alt
werden fühle, die Stimme Schwächen zeige, und es ihr daher höchste Zeit
zu sein scheine, den letzten Kampf um ihre Anerkennung zu führen. Ich
glaube daran nicht. Josefine wäre nicht Josefine, wenn dies wahr wäre.
Für sie gibt es kein Altern und keine Schwächen ihrer Stimme. Wenn sie
etwas fordert, so wird sie nicht durch äußere Dinge, sondern durch
innere Folgerichtigkeit dazu gebracht. Sie greift nach dem höchsten
Kranz, nicht, weil er im Augenblick gerade ein wenig tiefer hängt,
sondern weil es der höchste ist; wäre es in ihrer Macht, sie würde ihn
noch höher hängen.

Diese Mißachtung äußerer Schwierigkeiten hindert sie allerdings nicht,
die unwürdigsten Mittel anzuwenden. Ihr Recht steht ihr außer Zweifel;
was liegt also daran, wie sie es erreicht; besonders da doch in dieser
Welt, so wie sie sich ihr darstellt, gerade die würdigen Mittel
versagen müssen. Vielleicht hat sie sogar deshalb den Kampf um ihr Recht
aus dem Gebiet des Gesanges auf ein anderes ihr wenig teures verlegt.
Ihr Anhang hat Aussprüche von ihr in Umlauf gebracht, nach denen sie
sich durchaus fähig fühlt, so zu singen, daß es dem Volk in allen seinen
Schichten bis in die versteckteste Opposition hinein eine wirkliche Lust
wäre, wirkliche Lust nicht im Sinne des Volkes, welches ja behauptet,
diese Lust seit jeher bei Josefinens Gesang zu fühlen, sondern Lust im
Sinne von Josefinens Verlangen. Aber, fügt sie hinzu, da sie das Hohe
nicht fälschen und dem Gemeinen nicht schmeicheln könne, müsse es eben
bleiben, wie es sei. Anders aber ist es bei ihrem Kampf um die
Arbeitsbefreiung, zwar ist es auch ein Kampf um ihren Gesang, aber hier
kämpft sie nicht unmittelbar mit der kostbaren Waffe des Gesanges, jedes
Mittel, das sie anwendet, ist daher gut genug.

So wurde z. B. das Gerücht verbreitet, Josefine beabsichtige, wenn man
ihr nicht nachgebe, die Koloraturen zu kürzen. Ich weiß nichts von
Koloraturen, habe in ihrem Gesange niemals etwas von Koloraturen
bemerkt. Josefine aber will die Koloraturen kürzen, vorläufig nicht
beseitigen, sondern nur kürzen. Sie hat angeblich ihre Drohung wahr
gemacht, mir allerdings ist kein Unterschied gegenüber ihren früheren
Vorführungen aufgefallen. Das Volk als Ganzes hat zugehört wie immer,
ohne sich über die Koloraturen zu äußern, und auch die Behandlung von
Josefinens Forderung hat sich nicht geändert. Übrigens hat Josefine, wie
in ihrer Gestalt, unleugbar auch in ihrem Denken manchmal etwas recht
Graziöses. So hat sie z. B. nach jener Vorführung, so als sei ihr
Entschluß hinsichtlich der Koloraturen gegenüber dem Volk zu hart oder
zu plötzlich gewesen, erklärt, nächstens werde sie die Koloraturen doch
wieder vollständig singen. Aber nach dem nächsten Konzert besann sie
sich wieder anders, nun sei es endgültig zu Ende mit den großen
Koloraturen, und vor einer für Josefine günstigen Entscheidung kämen sie
nicht wieder. Nun, das Volk hört über alle diese Erklärungen,
Entschlüsse und Entschlußänderungen hinweg, wie ein Erwachsener in
Gedanken über das Plaudern eines Kindes hinweghört, grundsätzlich
wohlwollend, aber unerreichbar.

Josefine aber gibt nicht nach. So behauptete sie z. B. neulich, sie
habe sich bei der Arbeit eine Fußverletzung zugezogen, die ihr das
Stehen während des Gesanges beschwerlich mache; da sie aber nur stehend
singen könne, müsse sie jetzt sogar die Gesänge kürzen. Trotzdem sie
hinkt und sich von ihrem Anhang stützen läßt, glaubt niemand an eine
wirkliche Verletzung. Selbst die besondere Empfindlichkeit ihres
Körperchens zugegeben, sind wir doch ein Arbeitsvolk und auch Josefine
gehört zu ihm; wenn wir aber wegen jeder Hautabschürfung hinken wollten,
dürfte das ganze Volk mit Hinken gar nicht aufhören. Aber mag sie sich
wie eine Lahme führen lassen, mag sie sich in diesem bedauernswerten
Zustand öfters zeigen als sonst, das Volk hört ihren Gesang dankbar und
entzückt wie früher, aber wegen der Kürzung macht es nicht viel
Aufhebens.

Da sie nicht immerfort hinken kann, erfindet sie etwas anderes, sie
schützt Müdigkeit vor, Mißstimmung, Schwäche. Wir haben nun außer dem
Konzert auch ein Schauspiel. Wir sehen hinter Josefine ihren Anhang, wie
er sie bittet und beschwört zu singen. Sie wollte gern, aber sie kann
nicht. Man tröstet sie, umschmeichelt sie, trägt sie fast auf den schon
vorher ausgesuchten Platz, wo sie singen soll. Endlich gibt sie mit
undeutbaren Tränen nach, aber wie sie mit offenbar letztem Willen zu
singen anfangen will, matt, die Arme nicht wie sonst ausgebreitet,
sondern am Körper leblos herunterhängend, wobei man den Eindruck erhält,
daß sie vielleicht ein wenig zu kurz sind — wie sie so anstimmen will,
nun, da geht es doch wieder nicht, ein unwilliger Ruck des Kopfes zeigt
es an und sie sinkt vor unseren Augen zusammen. Dann allerdings rafft
sie sich doch wieder auf und singt, ich glaube, nicht viel anders als
sonst, vielleicht wenn man für feinste Nuancen das Ohr hat, hört man ein
wenig außergewöhnliche Erregung heraus, die der Sache aber nur zugute
kommt. Und am Ende ist sie sogar weniger müde als vorher, mit festem
Gang, soweit man ihr huschendes Trippeln so nennen kann, entfernt sie
sich, jede Hilfe des Anhangs ablehnend und mit kalten Blicken die ihr
ehrfurchtsvoll ausweichende Menge prüfend.

So war es letzthin, das Neueste aber ist, daß sie zu einer Zeit, wo ihr
Gesang erwartet wurde, verschwunden war. Nicht nur der Anhang sucht sie,
viele stellen sich in den Dienst des Suchens, es ist vergeblich;
Josefine ist verschwunden, sie will nicht singen, sie will nicht einmal
darum gebeten werden, sie hat uns diesmal völlig verlassen.

Sonderbar, wie falsch sie rechnet, die Kluge, so falsch, daß man glauben
sollte, sie rechne gar nicht, sondern werde nur weiter getrieben von
ihrem Schicksal, das in unserer Welt nur ein sehr trauriges werden kann.
Selbst entzieht sie sich dem Gesang, selbst zerstört sie die Macht, die
sie über die Gemüter erworben hat. Wie konnte sie nur diese Macht
erwerben, da sie diese Gemüter so wenig kennt. Sie versteckt sich und
singt nicht, aber das Volk, ruhig, ohne sichtbare Enttäuschung,
herrisch, eine in sich ruhende Masse, die förmlich, auch wenn der
Anschein dagegen spricht, Geschenke nur geben, niemals empfangen kann,
auch von Josefine nicht, dieses Volk zieht weiter seines Weges.

Mit Josefine aber muß es abwärts gehn. Bald wird die Zeit kommen, wo ihr
letzter Pfiff ertönt und verstummt. Sie ist eine kleine Episode in der
ewigen Geschichte unseres Volkes und das Volk wird den Verlust
überwinden. Leicht wird es uns ja nicht werden; wie werden die
Versammlungen in völliger Stummheit möglich sein? Freilich, waren sie
nicht auch mit Josefine stumm? War ihr wirkliches Pfeifen nennenswert
lauter und lebendiger, als die Erinnerung daran sein wird? War es denn
noch bei ihren Lebzeiten mehr als eine bloße Erinnerung? Hat nicht
vielmehr das Volk in seiner Weisheit Josefinens Gesang, eben deshalb,
weil er in dieser Art unverlierbar war, so hoch gestellt?

Vielleicht werden wir also gar nicht sehr viel entbehren, Josefine aber,
erlöst von der irdischen Plage, die aber ihrer Meinung nach Auserwählten
bereitet ist, wird fröhlich sich verlieren in der zahllosen Menge der
Helden unseres Volkes, und bald, da wir keine Geschichte treiben, in
gesteigerter Erlösung vergessen sein wie alle ihre Brüder.

In der Strafkolonie, Franz Kafka

Saturday, April 7th, 2007
»Es ist ein eigentümlicher Apparat«, sagte der Offizier zu dem Forschungsreisenden und überblickte mit einem gewissermaßen bewundernden Blick den ihm doch wohlbekannten Apparat. Der Reisende schien nur aus Höflichkeit der Einladung des Kommandanten gefolgt zu sein, der ihn aufgefordert hatte, der Exekution eines Soldaten beizuwohnen, der wegen Ungehorsam und Beleidigung des Vorgesetzten verurteilt worden war. Das Interesse für diese Exekution war wohl auch in der Strafkolonie nicht sehr groß. Wenigstens war hier in dem tiefen, sandigen, von kahlen Abhängen ringsum abgeschlossenen kleinen Tal außer dem Offizier und dem Reisenden nur der Verurteilte, ein stumpfsinniger breitmäuliger Mensch mit verwahrlostem Haar und Gesicht, und ein Soldat zugegen, der die schwere Kette hielt, in welche die kleinen Ketten ausliefen, mit denen der Verurteilte an den Fuß- und Handknöcheln sowie am Hals gefesselt war und die auch untereinander durch Verbindungsketten zusammenhingen. Übrigens sah der Verurteilte so hündisch ergeben aus, daß es den Anschein hatte, als könnte man ihn frei auf den Abhängen herumlaufen lassen und müsse bei Beginn der Exekution nur pfeifen, damit er käme.

Der Reisende hatte wenig Sinn für den Apparat und ging hinter dem Verurteilten fast sichtbar unbeteiligt auf und ab, während der Offizier die letzten Vorbereitungen besorgte, bald unter den tief in die Erde eingebauten Apparat kroch, bald auf eine Leiter stieg, um die oberen Teile zu untersuchen. Das waren Arbeiten, die man eigentlich einem Maschinisten hätte überlassen können, aber der Offizier führte sie mit einem großen Eifer aus, sei es, daß er ein besonderer Anhänger dieses Apparates war, sei es, daß man aus anderen Gründen die Arbeit sonst niemandem anvertrauen konnte. »Jetzt ist alles fertig!« rief er endlich und stieg von der Leiter hinunter. Er war ungemein ermattet, atmete mit weit offenem Mund und hatte zwei zarte Damentaschentücher hinter den Uniformkragen gezwängt. »Diese Uniformen sind doch für die Tropen zu schwer«, sagte der Reisende, statt sich, wie es der Offizier erwartet hatte, nach dem Apparat zu erkundigen. »Gewiß«, sagte der Offizier und wusch sich die von Öl und Fett beschmutzten Hände in einem bereitstehenden Wasserkübel, »aber sie bedeuten die Heimat; wir wollen nicht die Heimat verlieren. - Nun sehen Sie aber diesen Apparat«, fügte er gleich hinzu, trocknete die Hände mit einem Tuch und zeigte gleichzeitig auf den Apparat. »Bis jetzt war noch Händearbeit nötig, von jetzt aber arbeitet der Apparat ganz allein.« Der Reisende nickte und folgte dem Offizier. Dieser suchte sich für alle Zwischenfälle zu sichern und sagte dann: »Es kommen natürlich Störungen vor; ich hoffe zwar, es wird heute keine eintreten, immerhin muß man mit ihnen rechnen. Der Apparat soll ja zwölf Stunden ununterbrochen im Gang sein. Wenn aber auch Störungen vorkommen, so sind sie doch nur ganz kleine, und sie werden sofort behoben sein.«

»Wollen Sie sich nicht setzen?« fragte er schließlich, zog aus einem Haufen von Rohrstühlen einen hervor und bot ihn dem Reisenden an; dieser konnte nicht ablehnen. Er saß nun am Rande einer Grube, in die er einen flüchtigen Blick warf. Sie war nicht sehr tief. Zur einen Seite der Grube war die ausgegrabene Erde zu einem Wall aufgehäuft, zur anderen Seite stand der Apparat. »Ich weiß nicht«, sagte der Offizier, »ob Ihnen der Kommandant den Apparat schon erklärt hat.« Der Reisende machte eine ungewisse Handbewegung; der Offizier verlangte nichts Besseres, denn nun konnte er selbst den Apparat erklären. »Dieser Apparat«, sagte er und faßte eine Kurbelstange, auf die er sich stützte, »ist eine Erfindung unseres früheren Kommandanten. Ich habe gleich bei den allerersten Versuchen mitgearbeitet und war auch bei allen Arbeiten bis zur Vollendung beteiligt. Das Verdienst der Erfindung allerdings gebührt ihm ganz allein. Haben Sie von unserem früheren Kommandanten gehört? Nicht? Nun, ich behaupte nicht zu viel, wenn ich sage, daß die Einrichtung der ganzen Strafkolonie sein Werk ist. Wir, seine Freunde, wußten schon bei seinem Tod, daß die Einrichtung der Kolonie so in sich geschlossen ist, daß sein Nachfolger, und habe er tausend neue Pläne im Kopf, wenigstens während vieler Jahre nichts von dem Alten wird abändern können. Unsere Voraussage ist auch eingetroffen; der neue Kommandant hat es erkennen müssen. Schade, daß Sie den früheren Kommandanten nicht gekannt haben! - Aber«, unterbrach sich der Offizier, »ich schwätze, und sein Apparat steht hier vor uns. Er besteht, wie Sie sehen, aus drei Teilen. Es haben sich im Laufe der Zeit für jeden dieser Teile gewissermaßen volkstümliche Bezeichnungen ausgebildet. Der untere heißt das Bett, der obere heißt der Zeichner, und hier der mittlere, schwebende Teil heißt die Egge.« »Die Egge?« fragte der Reisende. Er hatte nicht ganz aufmerksam zugehört, die Sonne verfing sich allzu stark in dem schattenlosen Tal, man konnte schwer seine Gedanken sammeln. Um so bewundernswerter erschien ihm der Offizier, der im engen, parademäßigen, mit Epauletten beschwerten, mit Schnüren behängten Waffenrock so eifrig seine Sache erklärte und außerdem, während er sprach, mit einem Schraubendreher noch hier und da an einer Schraube sich zu schaffen machte. In ähnlicher Verfassung wie der Reisende schien der Soldat zu sein. Er hatte um beide Handgelenke die Kette des Verurteilten gewickelt, stützte sich mit der Hand auf sein Gewehr, ließ den Kopf im Genick hinunterhängen und kümmerte sich um nichts. Der Reisende wunderte sich nicht darüber, denn der Offizier sprach französisch, und Französisch verstand gewiß weder der Soldat noch der Verurteilte. Um so auffallender war es allerdings, daß der Verurteilte sich dennoch bemühte, den Erklärungen des Offiziers zu folgen. Mit einer Art schläfriger Beharrlichkeit richtete er die Blicke immer dorthin, wohin der Offizier gerade zeigte, und als dieser jetzt vom Reisenden mit einer Frage unterbrochen wurde, sah auch er, ebenso wie der Offizier, den Reisenden an.

»Ja, die Egge«, sagte der Offizier, »der Name paßt. Die Nadeln sind eggenartig angeordnet, auch wird das Ganze wie eine Egge geführt, wenn auch bloß auf einem Platz und viel kunstgemäßer. Sie werden es übrigens gleich verstehen. Hier auf das Bett wird der Verurteilte gelegt. - Ich will nämlich den Apparat zuerst beschreiben und dann erst die Prozedur selbst ausführen lassen. Sie werden ihr dann besser folgen können. Auch ist ein Zahnrad im Zeichner zu stark abgeschliffen; es kreischt sehr, wenn es im Gang ist; man kann sich dann kaum verständigen; Ersatzteile sind hier leider nur schwer zu beschaffen. - Also hier ist das Bett, wie ich sagte. Es ist ganz und gar mit einer Watteschicht bedeckt; den Zweck dessen werden Sie noch erfahren. Auf diese Watte wird der Verurteilte bäuchlings gelegt, natürlich nackt; hier sind für die Hände, hier für die Füße, hier für den Hals Riemen, um ihn festzuschnallen. Hier am Kopfende des Bettes, wo der Mann, wie ich gesagt habe, zuerst mit dem Gesicht aufliegt, ist dieser kleine Filzstumpf, der leicht so reguliert werden kann, daß er dem Mann gerade in den Mund dringt. Er hat den Zweck, am Schreien und am Zerbeißen der Zunge zu hindern. Natürlich muß der Mann den Filz aufnehmen, da ihm sonst durch den Halsriemen das Genick gebrochen wird.« »Das ist Watte?« fragte der Reisende und beugte sich vor. »Ja, gewiß«, sagte der Offizier lächelnd, »befühlen Sie es selbst.« Er faßte die Hand des Reisenden und führte sie über das Bett hin. »Es ist eine besonders präparierte Watte, darum sieht sie so unkenntlich aus; ich werde auf ihren Zweck noch zu sprechen kommen.« Der Reisende war schon ein wenig für den Apparat gewonnen; die Hand zum Schutz gegen die Sonne über den Augen, sah er an dem Apparat in die Höhe. Es war ein großer Aufbau. Das Bett und der Zeichner hatten gleichen Umfang und sahen wie zwei dunkle Truhen aus. Der Zeichner war etwa zwei Meter über dem Bett angebracht; beide waren in den Ecken durch vier Messingstangen verbunden, die in der Sonne fast Strahlen warfen. Zwischen den Truhen schwebte an einem Stahlband die Egge.

Der Offizier hatte die frühere Gleichgültigkeit des Reisenden kaum bemerkt, wohl aber hatte er für sein jetzt beginnendes Interesse Sinn; er setzte deshalb in seinen Erklärungen aus, um dem Reisenden zur ungestörten Betrachtung Zeit zu lassen. Der Verurteilte ahmte den Reisenden nach; da er die Hand nicht über die Augen legen konnte, blinzelte er mit freien Augen zur Höhe.

»Nun liegt also der Mann«, sagte der Reisende, lehnte sich im Sessel zurück und kreuzte die Beine.

»Ja«, sagte der Offizier, schob ein wenig die Mütze zurück und fuhr sich mit der Hand über das heiße Gesicht, »nun hören Sie! Sowohl das Bett als auch der Zeichner haben ihre eigene elektrische Batterie; das Bett braucht sie für sich selbst, der Zeichner für die Egge. Sobald der Mann festgeschnallt ist, wird das Bett in Bewegung gesetzt. Es zittert in winzigen, sehr schnellen Zuckungen gleichzeitig seitlich wie auch auf und ab. Sie werden ähnliche Apparate in Heilanstalten gesehen haben; nur sind bei unserem Bett alle Bewegungen genau berechnet; sie müssen nämlich peinlich auf die Bewegungen der Egge abgestimmt sein. Dieser Egge aber ist die eigentliche Ausführung des Urteils überlassen.«

»Wie lautet denn das Urteil?« fragte der Reisende. »Sie wissen auch das nicht?« sagte der Offizier erstaunt und biß sich auf die Lippen: »Verzeihen Sie, wenn vielleicht meine Erklärungen ungeordnet sind; ich bitte Sie sehr um Entschuldigung. Die Erklärungen pflegte früher nämlich der Kommandant zu geben; der neue Kommandant aber hat sich dieser Ehrenpflicht entzogen; daß er jedoch einen so hohen Besuch« - der Reisende suchte die Ehrung mit beiden Händen abzuwehren, aber der Offizier bestand auf dem Ausdruck - »einen so hohen Besuch nicht einmal von der Form unseres Urteils in Kenntnis setzt, ist wieder eine Neuerung, die -«, er hatte einen Fluch auf den Lippen, faßte sich aber und sagte nur: »Ich wurde nicht davon verständigt, mich trifft nicht die Schuld. übrigens bin ich allerdings am besten befähigt, unsere Urteilsarten zu erklären, denn ich trage hier« - er schlug auf seine Brusttasche - »die betreffenden Handzeichnungen des früheren Kommandanten.«

»Handzeichnungen des Kommandanten selbst?« fragte der Reisende: »Hat er denn alles in sich vereinigt? War er Soldat, Richter, Konstrukteur, Chemiker, Zeichner?«

»Jawohl«, sagte der Offizier kopfnickend, mit starrem, nachdenklichem Blick. Dann sah er prüfend seine Hände an; sie schienen ihm nicht rein genug, um die Zeichnungen anzufassen; er ging daher zum Kübel und wusch sie nochmals. Dann zog er eine kleine Ledermappe hervor und sagte: »Unser Urteil klingt nicht streng. Dem Verurteilten wird das Gebot, das er übertreten hat, mit der Egge auf den Leib geschrieben. Diesem Verurteilten zum Beispiel« - der Offizier zeigte auf den Mann - »wird auf den Leib geschrieben werden: Ehre deinen Vorgesetzten!«

Der Reisende sah flüchtig auf den Mann hin; er hielt, als der Offizier auf ihn gezeigt hatte, den Kopf gesenkt und schien alle Kraft des Gehörs anzuspannen, um etwas zu erfahren. Aber die Bewegungen seiner wulstig aneinander gedrückten Lippen zeigten offenbar, daß er nichts verstehen konnte. Der Reisende hatte verschiedenes fragen wollen, fragte aber im Anblick des Mannes nur: »Kennt er sein Urteil?« »Nein«, sagte der Offizier und wollte gleich in seinen Erklärungen fortfahren, aber der Reisende unterbrach ihn: »Er kennt sein eigenes Urteil nicht?« »Nein«, sagte der Offizier wieder, stockte dann einen Augenblick, als verlange er vom Reisenden eine nähere Begründung seiner Frage, und sagte dann: »Es wäre nutzlos, es ihm zu verkünden. Er erfährt es ja auf seinem Leib.« Der Reisende wollte schon verstummen, da fühlte er, wie der Verurteilte seinen Blick auf ihn richtete; er schien zu fragen, ob er den geschilderten Vorgang billigen könne. Darum beugte sich der Reisende, der sich bereits zurückgelehnt hatte, wieder vor und fragte noch: »Aber daß er überhaupt verurteilt wurde, das weiß er doch?« »Auch nicht«, sagte der Offizier und lächelte den Reisenden an, als erwarte er nun von ihm noch einige sonderbare Eröffnungen. »Nein«, sagte der Reisende und strich sich über die Stirn hin, »dann weiß also der Mann auch jetzt noch nicht, wie seine Verteidigung aufgenommen wurde?« »Er hat keine Gelegenheit gehabt, sich zu verteidigen«, sagte der Offizier und sah abseits, als rede er zu sich selbst und wolle den Reisenden durch Erzählung dieser ihm selbstverständlichen Dinge nicht beschämen. »Er muß doch Gelegenheit gehabt haben, sich zu verteidigen«, sagte der Reisende und stand vom Sessel auf.

Der Offizier erkannte, daß er in Gefahr war, in der Erklärung des Apparates für lange Zeit aufgehalten zu werden; er ging daher zum Reisenden, hing sich in seinen Arm, zeigte mit der Hand auf den Verurteilten, der sich jetzt, da die Aufmerksamkeit so offenbar auf ihn gerichtet war, stramm aufstellte - auch zog der Soldat die Kette an -, und sagte: »Die Sache verhält sich folgendermaßen. Ich bin hier in der Strafkolonie zum Richter bestellt. Trotz meiner Jugend. Denn ich stand auch dem früheren Kommandanten in allen Strafsachen zur Seite und kenne auch den Apparat am besten. Der Grundsatz, nach dem ich entscheide, ist: Die Schuld ist immer zweifellos. Andere Gerichte können diesen Grundsatz nicht befolgen, denn sie sind vielköpfig und haben auch noch höhere Gerichte über sich. Das ist hier nicht der Fall, oder war es wenigstens nicht beim früheren Kommandanten. Der neue hat allerdings schon Lust gezeigt, in mein Gericht sich einzumischen, es ist mir aber bisher gelungen, ihn abzuwehren, und wird mir auch weiter gelingen. - Sie wollten diesen Fall erklärt haben; er ist so einfach wie alle. Ein Hauptmann hat heute morgens die Anzeige erstattet, daß dieser Mann, der ihm als Diener zugeteilt ist und vor seiner Türe schläft, den Dienst verschlafen hat. Er hat nämlich die Pflicht, bei jedem Stundenschlag aufzustehen und vor der Tür des Hauptmanns zu salutieren. Gewiß keine schwere Pflicht und eine notwendige, denn er soll sowohl zur Bewachung als auch zur Bedienung frisch bleiben. Der Hauptmann wollte in der gestrigen Nacht nachsehen, ob der Diener seine Pflicht erfülle. Er öffnete Schlag zwei Uhr die Tür und fand ihn zusammengekrümmt schlafen. Er holte die Reitpeitsche und schlug ihm über das Gesicht. Statt nun aufzustehen und um Verzeihung zu bitten, faßte der Mann seinen Herrn bei den Beinen, schüttelte ihn und rief: ›Wirf die Peitsche weg, oder ich fresse dich.‹ - Das ist der Sachverhalt. Der Hauptmann kam vor einer Stunde zu mir, ich schrieb seine Angaben auf und anschließend gleich das Urteil. Dann ließ ich dem Mann die Ketten anlegen. Das alles war sehr einfach. Hätte ich den Mann zuerst vorgerufen und ausgefragt, so wäre nur Verwirrung entstanden. Er hätte gelogen, hätte, wenn es mir gelungen wäre, die Lügen zu widerlegen, diese durch neue Lügen ersetzt und so fort. Jetzt aber halte ich ihn und lasse ihn nicht mehr. - Ist nun alles erklärt? Aber die Zeit vergeht, die Exekution sollte schon beginnen, und ich bin mit der Erklärung des Apparates noch nicht fertig.« Er nötigte den Reisenden auf den Sessel nieder, trat wieder zu dem Apparat und begann: »Wie Sie sehen, entspricht die Egge der Form des Menschen; hier ist die Egge für den Oberkörper, hier sind die Eggen für die Beine. Für den Kopf ist nur dieser kleine Stichel bestimmt. Ist Ihnen das klar?« Er beugte sich freundlich zu dem Reisenden vor, bereit zu den umfassendsten Erklärungen.

Blumfeld, ein älterer Junggeselle, Franz Kafka

Sunday, April 1st, 2007
Blumfeld, ein älterer Junggeselle, stieg eines abends zu seiner Wohnung hinauf, was eine mühselige Arbeit war, denn er wohnte im sechsten Stock. Während des Hinaufsteigens dachte er, wie öfters in der letzten Zeit, daran, daß dieses vollständig einsame Leben recht lästig sei, daß er jetzt diese sechs Stockwerke förmlich im Geheimen hinaufsteigen müsse, um oben in seinen leeren Zimmern anzukommen, dort wieder förmlich im Geheimen den Schlafrock anzuziehn, die Pfeife anzustecken, in der französischen Zeitschrift, die er schon seit Jahren abonniert hatte, ein wenig zu lesen, dazu an einem von ihm selbst bereiteten Kirschenschnaps zu nippen und schließlich nach einer halben Stunde zu Bett zu gehn, nicht ohne vorher das Bettzeug vollständig umordnen zu müssen, das die jeder Belehrung unzugängliche Bedienerin immer nach ihrer Laune hinwarf. Irgendein Begleiter, irgendein Zuschauer für diese Tätigkeiten wäre Blumfeld sehr willkommen gewesen. Er hatte schon überlegt, ob er sich nicht einen kleinen Hund anschaffen solle. Ein solches Tier ist lustig und vor allem dankbar und treu; ein Kollege von Blumfeld hat einen solchen Hund, er schließt sich niemandem an, außer seinem Herrn, und hat er ihn ein paar Augenblicke nicht gesehn, empfängt er ihn gleich mit großem Bellen, womit er offenbar seine Freude darüber ausdrücken will, seinen Herrn, diesen außerordentlichen Wohltäter wieder gefunden zu haben. Allerdings hat ein Hund auch Nachteile. Selbst wenn er noch so reinlich gehalten wird, verunreinigt er das Zimmer. Das ist gar nicht zu vermeiden, man kann ihn nicht jedesmal, ehe man ihn ins Zimmer hineinnimmt, in heißem Wasser baden, auch würde das seine Gesundheit nicht vertragen. Unreinlichkeit in seinem Zimmer aber verträgt wieder Blumfeld nicht, die Reinheit seines Zimmers ist ihm etwas Unentbehrliches, mehrmals in der Woche hat er mit der in diesem Punkte leider nicht sehr peinlichen Bedienerin Streit. Da sie schwerhörig ist, zieht er sie gewöhnlich am Arm zu jenen Stellen des Zimmers, wo er an der Reinlichkeit etwas auszusetzen hat. Durch diese Strenge hat er es erreicht, daß die Ordnung im Zimmer annähernd seinen Wünschen entspricht. Mit der Einführung eines Hundes würde er aber geradezu den bisher so sorgfältig abgewehrten Schmutz freiwillig in sein Zimmer leiten. Flöhe, die ständigen Begleiter der Hunde, würden sich einstellen. Waren aber einmal Flöhe da, dann war auch der Augenblick nicht mehr fern, an dem Blumfeld sein behagliches Zimmer dem Hund überlassen und ein anderes Zimmer suchen würde. Unreinlichkeit war aber nur ein Nachteil der Hunde. Hunde werden auch krank und Hundekrankheiten versteht doch eigentlich niemand. Dann hockt dieses Tier in einem Winkel oder hinkt herum, winselt, hüstelt, würgt an irgendeinem Schmerz, man umwickelt es mit einer Decke, pfeift ihm etwas vor, schiebt ihm Milch hin, kurz, pflegt es in der Hoffnung, daß es sich, wie es ja auch möglich ist, um ein vorübergehendes Leiden handelt, indessen aber kann es eine ernsthafte, widerliche und ansteckende Krankheit sein. Und selbst wenn der Hund gesund bleibt, so wird er doch später einmal alt, man hat sich nicht entschließen können, das treue Tier rechtzeitig wegzugeben, und es kommt dann die Zeit, wo einen das eigene Alter aus den tränenden Hundeaugen anschaut. Dann muß man sich aber mit dem halbblinden, lungenschwachen, vor Fett fast unbeweglichen Tier quälen und damit die Freuden, die der Hund früher gemacht hat, teuer bezahlen. So gern Blumfeld einen Hund jetzt hätte, so will er doch lieber noch dreißig Jahre allein die Treppe hinaufsteigen, statt später von einem solchen alten Hund belästigt zu werden, der, noch lauter seufzend als er selbst, sich neben ihm von Stufe zu Stufe hinaufschleppt.

So wird also Blumfeld doch allein bleiben, er hat nicht etwa die Gelüste einer alten Jungfer, die irgendein untergeordnetes lebendiges Wesen in ihrer Nähe haben will, das sie beschützen darf, mit dem sie zärtlich sein kann, welches sie immerfort bedienen will, so daß ihr also zu diesem Zweck eine Katze, ein Kanarienvogel oder selbst Goldfische genügen. Und kann es das nicht sein, so ist sie sogar mit Blumen vor dem Fenster zufrieden. Blumfeld dagegen will nur einen Begleiter haben, ein Tier, um das er sich nicht viel kümmern muß, dem ein gelegentlicher Fußtritt nicht schadet, das im Notfall auch auf der Gasse übernachten kann, das aber, wenn es Blumfeld danach verlangt, gleich mit Bellen, Springen, Händelecken zur Verfügung steht. Etwas derartiges will Blumfeld, da er es aber, wie er einsieht, ohne allzugroße Nachteile nicht haben kann, so verzichtet er darauf, kommt aber seiner gründlichen Natur entsprechend von Zeit zu Zeit, zum Beispiel an diesem Abend, wieder auf die gleichen Gedanken zurück.

Als er oben vor seiner Zimmertür den Schlüssel aus der Tasche holt, fällt ihm ein Geräusch auf, das aus seinem Zimmer kommt. Ein eigentümliches klapperndes Geräusch, sehr lebhaft aber, sehr regelmäßig. Da Blumfeld gerade an Hunde gedacht hat, erinnert es ihn an das Geräusch, das Pfoten hervorbringen, wenn sie abwechselnd auf den Boden schlagen. Aber Pfoten klappern nicht, es sind nicht Pfoten. Er schließt eilig die Tür auf und dreht das elektrische Licht auf. Auf diesen Anblick war er nicht vorbereitet. Das ist ja Zauberei, zwei kleine, weiße blaugestreifte Zelluloidbälle springen auf dem Parkett nebeneinander auf und ab, schlägt der eine auf den Boden, ist der andere in der Höhe, und unermüdlich führen sie ihr Spiel aus. Einmal im Gymnasium hat Blumfeld bei einem bekannten elektrischen Experiment kleine Kügelchen ähnlich springen sehn, diese aber sind verhältnismäßig große Bälle, springen im freien Zimmer und es wird kein elektrisches Experiment angestellt. Blumfeld bückt sich zu ihnen hinab, um sie genauer anzusehen. Es sind ohne Zweifel gewöhnliche Bälle, sie enthalten wahrscheinlich in ihrem Innern noch einige kleinere Bälle und diese erzeugen das klappernde Geräusch. Blumfeld greift in die Luft, um festzustellen, ob sie nicht etwa an irgendwelchen Fäden hängen, nein, sie bewegen sich ganz selbständig. Schade, daß Blumfeld nicht ein kleines Kind ist, zwei solche Bälle wären für ihn eine freudige Überraschung gewesen, während jetzt das Ganze einen mehr unangenehmen Eindruck auf ihn macht. Es ist doch nicht ganz wertlos, als ein unbeachteter Junggeselle nur im Geheimen zu leben, jetzt hat irgend jemand, gleichgültig wer, dieses Geheimnis gelüftet und ihm diese zwei komischen Bälle hereingeschickt.

Er will einen fassen, aber sie weichen vor ihm zurück und locken ihn im Zimmer hinter sich her. Es ist doch zu dumm, denkt er, so hinter den Bällen herzulaufen, bleibt stehen und sieht ihnen nach, wie sie, da die Verfolgung aufgegeben scheint, auch auf der gleichen Stelle bleiben. Ich werde sie aber doch zu fangen suchen, denkt er dann wieder und eilt zu ihnen. Sofort flüchten sie sich, aber Blumfeld drängt sie mit auseinandergestellten Beinen in eine Zimmerecke, und vor dem Koffer, der dort steht, gelingt es ihm, einen Ball zu fangen. Es ist ein kühler, kleiner Ball und dreht sich in seiner Hand, offenbar begierig zu entschlüpfen. Und auch der andere Ball, als sehe er die Not seines Kameraden, springt höher als früher, und dehnt die Sprünge, bis er Blumfelds Hand berührt. Er schlägt gegen die Hand, schlägt in immer schnelleren Sprüngen, ändert die Angriffspunkte, springt dann, da er gegen die Hand, die den Ball ganz umschließt, nichts ausrichten kann, noch höher und will wahrscheinlich Blumfelds Gesicht erreichen. Blumfeld könnte auch diesen Ball fangen und beide irgendwo einsperren, aber es scheint ihm im Augenblick zu entwürdigend, solche Maßnahmen gegen zwei kleine Bälle zu ergreifen. Es ist doch auch ein Spaß, zwei solche Bälle zu besitzen, auch werden sie bald genug müde werden, unter einen Schrank rollen und Ruhe geben. Trotz dieser Überlegung schleudert aber Blumfeld in einer Art Zorn den Ball zu Boden, es ist ein Wunder, daß hiebei die schwache, fast durchsichtige Zelluloidhülle nicht zerbricht. Ohne Übergang nehmen die zwei Bälle ihre frühern niedrigen, gegenseitig abgestimmten Sprünge wieder auf.

Blumfeld entkleidet sich ruhig, ordnet die Kleider im Kasten, er pflegt immer genau nachzusehn, ob die Bedienerin alles in Ordnung zurückgelassen hat. Ein- oder zweimal schaut er über die Schulter weg nach den Bällen, die unverfolgt jetzt sogar ihn zu verfolgen scheinen, sie sind ihm nachgerückt und springen nun knapp hinter ihm. Blumfeld zieht den Schlafrock an und will zu der gegenüberliegenden Wand, um eine der Pfeifen zu holen, die dort in einem Gestell hängen. Unwillkürlich schlägt er, ehe er sich umdreht, mit einem Fuß nach hinten aus, die Bälle aber verstehen es auszuweichen und werden nicht getroffen. Als er nun um die Pfeife geht, schließen sich ihm die Bälle gleich an, er schlurft mit den Pantoffeln, macht unregelmäßige Schritte, aber doch folgt jedem Auftreten fast ohne Pause ein Aufschlag der Bälle, sie halten mit ihm Schritt. Blumfeld dreht sich unerwartet um, um zu sehn, wie die Bälle das zustande bringen. Aber kaum hat er sich umgedreht, beschreiben die Bälle einen Halbkreis und sind schon wieder hinter ihm und das wiederholt sich, sooft er sich umdreht. Wie untergeordnete Begleiter, suchen sie es zu vermeiden, vor Blumfeld sich aufzuhalten. Bis jetzt haben sie es scheinbar nur gewagt, um sich ihm vorzustellen, jetzt aber haben sie bereits ihren Dienst angetreten.

Bisher hat Blumfeld immer in allen Ausnahmsfällen, wo seine Kraft nicht hinreichte, um die Lage zu beherrschen, das Aushilfsmittel gewählt, so zu tun, als bemerke er nichts. Es hat oft geholfen und meistens die Lage wenigstens verbessert. Er verhält sich also auch jetzt so, steht vor dem Pfeifengestell, wählt mit aufgestülpten Lippen eine Pfeife, stopft sie besonders gründlich aus dem bereitgestellten Tabaksbeutel und läßt unbekümmert hinter sich die Bälle ihre Sprünge machen. Nur zum Tisch zu gehn zögert er, den Gleichtakt der Sprünge und seiner eigenen Schritte zu hören, schmerzt ihn fast. So steht er, stopft die Pfeife unnötig lange und prüft die Entfernung, die ihn vom Tische trennt. Endlich aber überwindet er seine Schwäche und legt die Strecke unter solchem Fußstampfen zurück, daß er die Bälle gar nicht hört. Als er sitzt, springen sie allerdings hinter seinem Sessel wieder vernehmlich wie früher.

Über dem Tisch ist in Griffnähe an der Wand ein Brett angebracht, auf dem die Flasche mit dem Kirschenschnaps von kleinen Gläschen umgeben steht. Neben ihr liegt ein Stoß von Heften der französischen Zeitschrift. (Gerade heute ist ein neues Heft gekommen und Blumfeld holt es herunter. Den Schnaps vergißt er ganz, er hat selbst das Gefühl, als ob er heute nur aus Trost an seinen gewöhnlichen Beschäftigungen sich nicht hindern ließe, auch ein wirkliches Bedürfnis zu lesen hat er nicht. Er schlägt das Heft, entgegen seiner sonstigen Gewohnheit, Blatt für Blatt sorgfältig zu wenden, an einer beliebigen Stelle auf und findet dort ein großes Bild. Er zwingt sich es genauer anzusehn. Es stellt die Begegnung zwischen dem Kaiser von Rußland und dem Präsidenten von Frankreich dar. Sie findet auf einem Schiff statt. Ringsherum bis in die Ferne sind noch viele andere Schiffe, der Rauch ihrer Schornsteine verflüchtigt sich im hellen Himmel. Beide, der Kaiser und der Präsident, sind eben in langen Schritten einander entgegengeeilt und fassen einander gerade bei der Hand. Hinter dem Kaiser wie hinter dem Präsidenten stehen je zwei Herren. Gegenüber den freudigen Gesichtern des Kaisers und des Präsidenten sind die Gesichter der Begleiter sehr ernst, die Blicke jeder Begleitgruppe vereinigen sich auf ihren Herrscher. Tiefer unten, der Vorgang spielt sich offenbar auf dem höchsten Deck des Schiffes ab, stehen vom Bildrand abgeschnitten lange Reihen salutierender Matrosen. Blumfeld betrachtet allmählich das Bild mit mehr Teilnahme, hält es dann ein wenig entfernt und sieht es so mit blinzelnden Augen an. Er hat immer viel Sinn für solche großartige Szenen gehabt. Daß die Hauptpersonen so unbefangen, herzlich und leichtsinnig einander die Hände drücken, findet er sehr wahrheitsgetreu. Und ebenso richtig ist es, daß die Begleiter - übrigens natürlich sehr hohe Herren, deren Namen unten verzeichnet sind - in ihrer Haltung den Ernst des historischen Augenblicks wahren.)

Und statt alles, was er benötigt, herunterzuholen, sitzt Blumfeld still und blickt in den noch immer nicht entzündeten Pfeifenkopf. Er ist auf der Lauer, plötzlich, ganz unerwartet weicht sein Erstarren und er dreht sich in einem Ruck mit dem Sessel um. Aber auch die Bälle sind entsprechend wachsam oder folgen gedankenlos dem sie beherrschenden Gesetz, gleichzeitig mit Blumfelds Umdrehung verändern auch sie ihren Ort und verbergen sich hinter seinem Rücken. Nun sitzt Blumfeld mit dem Rücken zum Tisch, die kalte Pfeife in der Hand. Die Bälle springen jetzt unter dem Tisch und sind, da dort ein Teppich ist, nur wenig zu hören. Das ist ein großer Vorteil es gibt nur ganz schwache dumpfe Geräusche, man muß sehr aufmerken, um sie mit dem Gehör noch zu erfassen. Blumfeld allerdings ist sehr aufmerksam und hört sie genau. Aber das ist nur jetzt so, in einem Weilchen wird er sie wahrscheinlich gar nicht mehr hören. Daß sie sich auf Teppichen so wenig bemerkbar machen können, scheint Blumfeld eine große Schwäche der Bälle zu sein. Man muß ihnen nur einen oder noch besser zwei Teppiche unterschieben und sie sind fast machtlos. Allerdings nur für eine bestimmte Zeit, und außerdem bedeutet schon ihr Dasein eine gewisse Macht.

Das Urteil, Franz Kafka

Wednesday, March 28th, 2007
für Fräulein Felice B.

Es war an einem Sonntagvormittag im schönsten Frühjahr. Georg Bendemann, ein junger Kaufmann, saß in seinem Privatzimmer im ersten Stock eines der niedrigen, leichtgebauten Häuser, die entlang des Flusses in einer langen Reihe, fast nur in der Höhe und Färbung unterschieden, sich hinzogen. Er hatte gerade einen Brief an einen sich im Ausland befindenden Jugendfreund beendet, verschloß ihn in spielerischer Langsamkeit und sah dann, den Ellbogen auf den Schreibtisch gestützt, aus dem Fenster auf den Fluß, die Brücke und die Anhöhen am anderen Ufer mit ihrem schwachen Grün.

Er dachte darüber nach, wie dieser Freund, mit seinem Fortkommen zu Hause unzufrieden, vor Jahren schon nach Rußland sich förmlich geflüchtet hatte. Nun betrieb er ein Geschäft in Petersburg, das anfangs sich sehr gut angelassen hatte, seit langem aber schon zu stocken schien, wie der Freund bei seinen immer seltener werdenden Besuchen klagte. So arbeitete er sich in der Fremde nutzlos ab, der fremdartige Vollbart verdeckte nur schlecht das seit den Kinderjahren wohlbekannte Gesicht, dessen gelbe Hautfarbe auf eine sich entwickelnde Krankheit hinzudeuten schien. Wie er erzählte, hatte er keine rechte Verbindung mit der dortigen Kolonie seiner Landsleute, aber auch fast keinen gesellschaftlichen Verkehr mit einheimischen Familien und richtete sich so für ein endgültiges Junggesellentum ein.

Was sollte man einem solchen Manne schreiben, der sich offenbar verrannt hatte, den man bedauern, dem man aber nicht helfen konnte. Sollte man ihm vielleicht raten, wieder nach Hause zu kommen, seine Existenz hierher zu verlegen, alle die alten freundschaftlichen Beziehungen wieder aufzunehmen - wofür ja kein Hindernis bestand - und im übrigen auf die Hilfe der Freunde zu vertrauen? Das bedeutete aber nichts anderes, als daß man ihm gleichzeitig, je schonender, desto kränkender, sagte, daß seine bisherigen Versuche mißlungen seien, daß er endlich von ihnen ablassen solle, daß er zurückkehren und sich als ein für immer Zurückgekehrter von allen mit großen Augen anstaunen lassen müsse, daß nur seine Freunde etwas verstünden und daß er ein altes Kind sei, das den erfolgreichen, zu Hause gebliebenen Freunden einfach zu folgen habe. Und war es dann noch sicher, daß alle die Plage, die man ihm antun müßte, einen Zweck hätte? Vielleicht gelang es nicht einmal, ihn überhaupt nach Hause zu bringen - er sagte ja selbst, daß er die Verhältnisse in der Heimat nicht mehr verstünde - und so bliebe er dann trotz allem in seiner Fremde, verbittert durch die Ratschläge und den Freunden noch ein Stück mehr entfremdet. Folgte er aber wirklich dem Rat und würde hier - natürlich nicht mit Absicht, aber durch die Tatsachen - niedergedrückt, fände sich nicht in seinen Freunden und nicht ohne sie zurecht, litte an Beschämung, hätte jetzt wirklich keine Heimat und keine Freunde mehr, war es da nicht viel besser für ihn, er blieb in der Fremde, so wie er war? Konnte man denn bei solchen Umständen daran denken, daß er es hier tatsächlich vorwärts bringen würde?

Aus diesen Gründen konnte man ihm, wenn man noch überhaupt die briefliche Verbindung aufrecht erhalten wollte, keine eigentlichen Mitteilungen machen, wie man sie ohne Scheu auch den entferntesten Bekannten machen würde. Der Freund war nun schon über drei Jahre nicht in der Heimat gewesen und erklärte dies sehr notdürftig mit der Unsicherheit der politischen Verhältnisse in Rußland, die demnach also auch die kürzeste Abwesenheit eines kleinen Geschäftsmannes nicht zuließen, während hunderttausende Russen ruhig in der Welt herumfuhren. Im Laufe dieser drei Jahre hatte sich aber gerade für Georg vieles verändert. Von dem Todesfall von Georgs Mutter, der vor etwa zwei Jahren erfolgt war und seit welchem Georg mit seinem alten Vater in gemeinsamer Wirtschaft lebte, hatte der Freund wohl noch erfahren und sein Beileid in einem Brief mit einer Trockenheit ausgedrückt, die ihren Grund nur darin haben konnte, daß die Trauer über ein solches Ereignis in der Fremde ganz unvorstellbar wird. Nun hatte aber Georg seit jener Zeit, so wie alles andere, auch sein Geschäft mit größerer Entschlossenheit angepackt. Vielleicht hatte ihn der Vater bei Lebzeiten der Mutter dadurch, daß er im Geschäft nur seine Ansicht gelten lassen wollte, an einer wirklichen eigenen Tätigkeit gehindert, vielleicht war der Vater seit dem Tode der Mutter, trotzdem er noch immer im Geschäfte arbeitete, zurückhaltender geworden, vielleicht spielten - was sogar sehr wahrscheinlich war - glückliche Zufälle eine weit wichtigere Rolle, jedenfalls aber hatte sich das Geschäft in diesen zwei Jahren ganz unerwartet entwickelt, das Personal hatte man verdoppeln müssen, der Umsatz hatte sich verfünffacht, ein weiterer Fortschritt stand zweifellos bevor.

Der Freund aber hatte keine Ahnung von dieser Veränderung. Früher, zum letztenmal vielleicht in jenem Beileidsbrief, hatte er Georg zur Auswanderung nach Rußland überreden wollen und sich über die Aussichten verbreitet, die gerade für Georgs Geschäftszweig in Petersburg bestanden. Die Ziffern waren verschwindend gegenüber dem Umfang, den Georgs Geschäft jetzt angenommen hatte. Georg aber hatte keine Lust gehabt, dem Freund von seinen geschäftlichen Erfolgen zu schreiben, und hätte er es jetzt nachträglich getan, es hätte wirklich einen merkwürdigen Anschein gehabt.

So beschränkte sich Georg darauf, dem Freund immer nur über bedeutungslose Vorfälle zu schreiben, wie sie sich, wenn man an einem ruhigen Sonntag nachdenkt, in der Erinnerung ungeordnet aufhäufen. Er wollte nichts anderes, als die Vorstellung ungestört lassen, die sich der Freund von der Heimatstadt in der langen Zwischenzeit wohl gemacht und mit welcher er sich abgefunden hatte. So geschah es Georg, daß er dem Freund die Verlobung eines gleichgültigen Menschen mit einem ebenso gleichgültigen Mädchen dreimal in ziemlich weit auseinanderliegenden Briefen anzeigte, bis sich dann allerdings der Freund, ganz gegen Georgs Absicht, für diese Merkwürdigkeit zu interessieren begann.

Georg schrieb ihm aber solche Dinge viel lieber, als daß er zugestanden hätte, daß er selbst vor einem Monat mit einem Fräulein Frieda Brandenfeld, einem Mädchen aus wohlhabender Familie, sich verlobt hatte. Oft sprach er mit seiner Braut über diesen Freund und das besondere Korrespondenzverhältnis, in welchem er zu ihm stand. »Da wird er gar nicht zu unserer Hochzeit kommen«, sagte sie, »und ich habe doch das Recht, alle deine Freunde kennen zu lernen.« »Ich will ihn nicht stören«, antwortete Georg, »verstehe mich recht, er würde wahrscheinlich kommen, wenigstens glaube ich es, aber er würde sich gezwungen und geschädigt fühlen, vielleicht mich beneiden und sicher unzufrieden und unfähig, diese Unzufriedenheit jemals zu beseitigen, allein wieder zurückfahren. Allein - weißt du, was das ist?« »Ja, kann er denn von unserer Heirat nicht auch auf andere Weise erfahren?« »Das kann ich allerdings nicht verhindern, aber es ist bei seiner Lebensweise unwahrscheinlich.« »Wenn du solche Freunde hast, Georg, hättest du dich überhaupt nicht verloben sollen.« »Ja, das ist unser beider Schuld; aber ich wollte es auch jetzt nicht anders haben.« Und wenn sie dann, rasch atmend unter seinen Küssen, noch vorbrachte: »Eigentlich kränkt es mich doch«, hielt er es wirklich für unverfänglich, dem Freund alles zu schreiben. »So bin ich und so hat er mich hinzunehmen«, sagte er sich, »Ich kann nicht aus mir einen Menschen herausschneiden, der vielleicht für die Freundschaft mit ihm geeigneter wäre, als ich es bin.«

Und tatsächlich berichtete er seinem Freunde in dem langen Brief, den er an diesem Sonntagvormittag schrieb, die erfolgte Verlobung mit folgenden Worten: »Die beste Neuigkeit habe ich mir bis zum Schluß aufgespart. Ich habe mich mit einem Fräulein Frieda Brandenfeld verlobt, einem Mädchen aus einer wohlhabenden Familie, die sich hier erst lange nach Deiner Abreise angesiedelt hat, die Du also kaum kennen dürftest. Es wird sich noch Gelegenheit finden, Dir Näheres über meine Braut mitzuteilen, heute genüge Dir, daß ich recht glücklich bin und daß sich in unserem gegenseitigen Verhältnis nur insoferne etwas geändert hat, als Du jetzt in mir statt eines ganz gewöhnlichen Freundes einen glücklichen Freund haben wirst. Außerdem bekommst Du in meiner Braut, die Dich herzlich grüßen läßt, und die Dir nächstens selbst schreiben wird, eine aufrichtige Freundin, was für einen Junggesellen nicht ganz ohne Bedeutung ist. Ich weiß, es hält Dich vielerlei von einem Besuche bei uns zurück, wäre aber nicht gerade meine Hochzeit die richtige Gelegenheit, einmal alle Hindernisse über den Haufen zu werfen? Aber wie dies auch sein mag, handle ohne alle Rücksicht und nur nach Deiner Wohlmeinung.«

Mit diesem Brief in der Hand war Georg lange, das Gesicht dem Fenster zugekehrt, an seinem Schreibtisch gesessen. Einem Bekannten, der ihn im Vorübergehen von der Gasse aus gegrüßt hatte, hatte er kaum mit einem abwesenden Lächeln geantwortet.

Endlich steckte er den Brief in die Tasche und ging aus seinem Zimmer quer durch einen kleinen Gang in das Zimmer seines Vaters, in dem er schon seit Monaten nicht gewesen war. Es bestand auch sonst keine Nötigung dazu, denn er verkehrte mit seinem Vater ständig im Geschäft, das Mittagessen nahmen sie gleichzeitig in einem Speisehaus ein, abends versorgte sich zwar jeder nach Belieben, doch saßen sie dann meistens, wenn nicht Georg, wie es am häufigsten geschah, mit Freunden beisammen war oder jetzt seine Braut besuchte, noch ein Weilchen, jeder mit seiner Zeitung, im gemeinsamen Wohnzimmer.

Georg staunte darüber, wie dunkel das Zimmer des Vaters selbst an diesem sonnigen Vormittag war. Einen solchen Schatten warf also die hohe Mauer, die sich jenseits des schmalen Hofes erhob. Der Vater saß beim Fenster in einer Ecke, die mit verschiedenen Andenken an die selige Mutter ausgeschmückt war, und las die Zeitung, die er seitlich vor die Augen hielt, wodurch er irgendeine Augenschwäche auszugleichen suchte. Auf dem Tisch standen die Reste des Frühstücks, von dem nicht viel verzehrt zu sein schien.

»Ah, Georg!« sagte der Vater und ging ihm gleich entgegen. Sein schwerer Schlafrock öffnete sich im Gehen, die Enden umflatterten ihn - »mein Vater ist noch immer ein Riese«, sagte sich Georg.

»Hier ist es ja unerträglich dunkel«, sagte er dann.

»Ja, dunkel ist es schon«, antwortete der Vater.

»Das Fenster hast du auch geschlossen?«

»Ich habe es lieber so.«

»Es ist ja ganz warm draußen«, sagte Georg, wie im Nachhang zu dem Früheren, und setzte sich.

Der Vater räumte das Frühstücksgeschirr ab und stellte es auf einen Kasten.

»Ich wollte dir eigentlich nur sagen«, fuhr Georg fort, der den Bewegungen des alten Mannes ganz verloren folgte, »daß ich nun doch nach Petersburg meine Verlobung angezeigt habe.« Er zog den Brief ein wenig aus der Tasche und ließ ihn wieder zurückfallen.

»Wieso nach Petersburg?« fragte der Vater.

»Meinem Freunde doch«, sagte Georg und suchte des Vaters Augen. - »Im Geschäft ist er doch ganz anders«, dachte er, »wie er hier breit sitzt und die Arme über der Brust kreuzt.«

»Ja. Deinem Freunde«, sagte der Vater mit Betonung.

»Du weißt doch, Vater, daß ich ihm meine Verlobung zuerst verschweigen wollte. Aus Rücksichtnahme, aus keinem anderen Grunde sonst. Du weißt selbst, er ist ein schwieriger Mensch. Ich sagte mir, von anderer Seite kann er von meiner Verlobung wohl erfahren, wenn das auch bei seiner einsamen Lebensweise kaum wahrscheinlich ist - das kann ich nicht hindern -, aber von mir selbst soll er es nun einmal nicht erfahren.«

»Und jetzt hast du es dir wieder anders überlegt?« fragte der Vater, legte die große Zeitung auf den Fensterbord und auf die Zeitung die Brille, die er mit der Hand bedeckte.

»Ja, jetzt habe ich es mir wieder überlegt. Wenn er mein guter Freund ist, sagte ich mir, dann ist meine glückliche Verlobung auch für ihn ein Glück. Und deshalb habe ich nicht mehr gezögert, es ihm anzuzeigen. Ehe ich jedoch den Brief einwarf, wollte ich es dir sagen.«

»Georg«, sagte der Vater und zog den zahnlosen Mund in die Breite, »hör’ einmal! Du bist wegen dieser Sache zu mir gekommen, um dich mit mir zu beraten. Das ehrt dich ohne Zweifel. Aber es ist nichts, es ist ärger als nichts, wenn du mir jetzt nicht die volle Wahrheit sagst. Ich will nicht Dinge aufrühren, die nicht hierher gehören. Seit dem Tode unserer teueren Mutter sind gewisse unschöne Dinge vorgegangen. Vielleicht kommt auch für sie die Zeit und vielleicht kommt sie früher, als wir denken. Im Geschäft entgeht mir manches, es wird mir vielleicht nicht verborgen - ich will jetzt gar nicht die Annahme machen, daß es mir verborgen wird -, ich bin nicht mehr kräftig genug, mein Gedächtnis läßt nach, ich habe nicht mehr den Blick für alle die vielen Sachen. Das ist erstens der Ablauf der Natur, und zweitens hat mich der Tod unseres Mütterchens viel mehr niedergeschlagen als dich. - Aber weil wir gerade bei dieser Sache halten, bei diesem Brief, so bitte ich dich, Georg, täusche mich nicht. Es ist eine Kleinigkeit, es ist nicht des Atems wert, also täusche mich nicht. Hast du wirklich diesen Freund in Petersburg?«

Georg stand verlegen auf. »Lassen wir meine Freunde sein. Tausend Freunde ersetzen mir nicht meinen Vater. Weißt du, was ich glaube? Du schonst dich nicht genug. Aber das Alter verlangt seine Rechte. Du bist mir im Geschäft unentbehrlich, das weißt du ja sehr genau, aber wenn das Geschäft deine Gesundheit bedrohen sollte, sperre ich es noch morgen für immer. Das geht nicht. Wir müssen da eine andere Lebensweise für dich einführen. Aber von Grund aus. Du sitzt hier im Dunkel und im Wohnzimmer hättest du schönes Licht. Du nippst vom Frühstück, statt dich ordentlich zu stärken. Du sitzt bei geschlossenem Fenster und die Luft würde dir so gut tun. Nein, mein Vater! Ich werde den Arzt holen und seinen Vorschriften werden wir folgen. Die Zimmer werden wir wechseln, du wirst ins Vorderzimmer ziehen, ich hierher. Es wird keine Veränderung für dich sein, alles wird mit übertragen werden. Aber das alles hat Zeit, jetzt lege dich noch ein wenig ins Bett, du brauchst unbedingt Ruhe. Komm, ich werde dir beim Ausziehn helfen, du wirst sehn, ich kann es. Oder willst du gleich ins Vorderzimmer gehn, dann legst du dich vorläufig in mein Bett. Das wäre übrigens sehr vernünftig.«

Georg stand knapp neben seinem Vater, der den Kopf mit dem struppigen weißen Haar auf die Brust hatte sinken lassen.

»Georg«, sagte der Vater leise, ohne Bewegung.

Georg kniete sofort neben dem Vater nieder, er sah die Pupillen in dem müden Gesicht des Vaters übergroß in den Winkeln der Augen auf sich gerichtet.

»Du hast keinen Freund in Petersburg. Du bist immer ein Spaßmacher gewesen und hast dich auch mir gegenüber nicht zurückgehalten. Wie solltest du denn gerade dort einen Freund haben! Das kann ich gar nicht glauben.«

»Denk doch noch einmal nach, Vater«, sagte Georg, hob den Vater vom Sessel und zog ihm, wie er nun doch recht schwach dastand, den Schlafrock aus, »jetzt wird es bald drei Jahre her sein, da war ja mein Freund bei uns zu Besuch. Ich erinnere mich noch, daß du ihn nicht besonders gern hattest. Wenigstens zweimal habe ich ihn vor dir verleugnet, trotzdem er gerade bei mir im Zimmer saß. Ich konnte ja deine Abneigung gegen ihn ganz gut verstehn, mein Freund hat seine Eigentümlichkeiten. Aber dann hast du dich doch auch wieder ganz gut mit ihm unterhalten. Ich war damals noch so stolz darauf, daß du ihm zuhörtest, nicktest und fragtest. Wenn du nachdenkst, mußt du dich erinnern. Er erzählte damals unglaubliche Geschichten von der russischen Revolution. Wie er z. B. auf einer Geschäftsreise in Kiew bei einem Tumult einen Geistlichen auf einem Balkon gesehen hatte, der sich ein breites Blutkreuz in die flache Hand schnitt, diese Hand erhob und die Menge anrief. Du hast ja selbst diese Geschichte hie und da wiedererzählt.«

Währenddessen war es Georg gelungen, den Vater wieder niederzusetzen und ihm die Trikothose, die er über den Leinenunterhosen trug, sowie die Socken vorsichtig auszuziehn. Beim Anblick der nicht besonders reinen Wäsche machte er sich Vorwürfe, den Vater vernachlässigt zu haben. Es wäre sicherlich auch seine Pflicht gewesen, über den Wäschewechsel seines Vaters zu wachen. Er hatte mit seiner Braut darüber, wie sie die Zukunft des Vaters einrichten wollten, noch nicht ausdrücklich gesprochen, denn sie hatten stillschweigend vorausgesetzt, daß der Vater allein in der alten Wohnung bleiben würde. Doch jetzt entschloß er sich kurz mit aller Bestimmtheit, den Vater in seinen künftigen Haushalt mitzunehmen. Es schien ja fast, wenn man genauer zusah, daß die Pflege, die dort dem Vater bereitet werden sollte, zu spät kommen könnte.

Auf seinen Armen trug er den Vater ins Bett. Ein schreckliches Gefühl hatte er, als er während der paar Schritte zum Bett hin merkte, daß an seiner Brust der Vater mit seiner Uhrkette spiele. Er konnte ihn nicht gleich ins Bett legen, so fest hielt er sich an dieser Uhrkette.

Kaum war er aber im Bett, schien alles gut. Er deckte sich selbst zu und zog dann die Bettdecke noch besonders weit über die Schulter. Er sah nicht unfreundlich zu Georg hinauf.

»Nicht wahr, du erinnerst dich schon an ihn?« fragte Georg und nickte ihm aufmunternd zu.

»Bin ich jetzt gut zugedeckt?« fragte der Vater, als könne er nicht nachschauen, ob die Füße genug bedeckt seien.

»Es gefällt dir also schon im Bett«, sagte Georg und legte das Deckzeug besser um ihn.

»Bin ich gut zugedeckt?« fragte der Vater noch einmal und schien auf die Antwort besonders aufzupassen.

»Sei nur ruhig, du bist gut zugedeckt.«

»Nein!« rief der Vater, daß die Antwort an die Frage stieß, warf die Decke zurück mit einer Kraft, daß sie einen Augenblick im Fluge sich ganz entfaltete, und stand aufrecht im Bett. Nur eine Hand hielt er leicht an den Plafond. »Du wolltest mich zudecken, das weiß ich, mein Früchtchen, aber zugedeckt bin ich noch nicht. Und ist es auch die letzte Kraft, genug für dich, zuviel für dich. Wohl kenne ich deinen Freund. Er wäre ein Sohn nach meinem Herzen. Darum hast du ihn auch betrogen die ganzen Jahre lang. Warum sonst? Glaubst du, ich habe nicht um ihn geweint? Darum doch sperrst du dich in dein Bureau, niemand soll stören, der Chef ist beschäftigt - nur damit du deine falschen Briefchen nach Rußland schreiben kannst. Aber den Vater muß glücklicherweise niemand lehren, den Sohn zu durchschauen. Wie du jetzt geglaubt hast, du hättest ihn untergekriegt, so untergekriegt, daß du dich mit deinem Hintern auf ihn setzen kannst und er rührt sich nicht, da hat sich mein Herr Sohn zum Heiraten entschlossen!«

Georg sah zum Schreckbild seines Vaters auf. Der Petersburger Freund, den der Vater plötzlich so gut kannte, ergriff ihn, wie noch nie. Verloren im weiten Rußland sah er ihn. An der Türe des leeren, ausgeraubten Geschäftes sah er ihn. Zwischen den Trümmern der Regale, den zerfetzten Waren, den fallenden Gasarmen stand er gerade noch. Warum hatte er so weit wegfahren müssen!

»Aber schau mich an!« rief der Vater, und Georg lief, fast zerstreut, zum Bett, um alles zu fassen, stockte aber in der Mitte des Weges.

»Weil sie die Röcke gehoben hat«, fing der Vater zu flöten an, »weil sie die Röcke so gehoben hat, die widerliche Gans«, und er hob, um das darzustellen, sein Hemd so hoch, daß man auf seinem Oberschenkel die Narbe aus seinen Kriegsjahren sah, »weil sie die Röcke so und so und so gehoben hat, hast du dich an sie herangemacht, und damit du an ihr ohne Störung dich befriedigen kannst, hast du unserer Mutter Andenken geschändet, den Freund verraten und deinen Vater ins Bett gesteckt, damit er sich nicht rühren kann. Aber kann er sich rühren oder nicht?« Und er stand vollkommen frei und warf die Beine. Er strahlte vor Einsicht.

Georg stand in einem Winkel, möglichst weit vom Vater. Vor einer langen Weile hatte er sich fest entschlossen, alles vollkommen genau zu beobachten, damit er nicht irgendwie auf Umwegen, von hinten her, von oben herab überrascht werden könne. Jetzt erinnerte er sich wieder an den längst vergessenen Entschluß und vergaß ihn, wie man einen kurzen Faden durch ein Nadelöhr zieht.

»Aber der Freund ist nun doch nicht verraten!« rief der Vater, und sein hin- und herbewegter Zeigefinger bekräftigte es. »Ich war sein Vertreter hier am Ort.«

»Komödiant!« konnte sich Georg zu rufen nicht enthalten, erkannte sofort den Schaden und biß, nur zu spät, - die Augen erstarrt - in seine Zunge, daß er vor Schmerz einknickte.

»Ja, freilich habe ich Komödie gespielt! Komödie! Gutes Wort! Welcher andere Trost blieb dem alten verwitweten Vater? Sag’ - und für den Augenblick der Antwort sei du noch mein lebender Sohn -, was blieb mir übrig, in meinem Hinterzimmer, verfolgt vom ungetreuen Personal, alt bis in die Knochen? Und mein Sohn ging im Jubel durch die Welt, schloß Geschäfte ab, die ich vorbereitet hatte, überpurzelte sich vor Vergnügen und ging vor seinem Vater mit dem verschlossenen Gesicht eines Ehrenmannes davon! Glaubst du, ich hätte dich nicht geliebt, ich, von dem du ausgingst?«

»Jetzt wird er sich vorbeugen«, dachte Georg, »wenn er fiele und zerschmetterte!« Dieses Wort durchzischte seinen Kopf.

Der Vater beugte sich vor, fiel aber nicht. Da Georg sich nicht näherte, wie er erwartet hatte, erhob er sich wieder.

»Bleib’, wo du bist, ich brauche dich nicht! Du denkst, du hast noch die Kraft, hierher zu kommen und hältst dich bloß zurück, weil du so willst. Daß du dich nicht irrst! Ich bin noch immer der viel Stärkere. Allein hätte ich vielleicht zurückweichen müssen, aber so hat mir die Mutter ihre Kraft abgegeben, mit deinem Freund habe ich mich herrlich verbunden, deine Kundschaft habe ich hier in der Tasche!«

»Sogar im Hemd hat er Taschen!« sagte sich Georg und glaubte, er könne ihn mit dieser Bemerkung in der ganzen Welt unmöglich machen. Nur einen Augenblick dachte er das, denn immerfort vergaß er alles.

»Häng’ dich nur in deine Braut ein und komm’ mir entgegen! Ich fege sie dir von der Seite weg, du weißt nicht wie!«

Georg machte Grimassen, als glaube er das nicht. Der Vater nickte bloß, die Wahrheit dessen, was er sagte, beteuernd, in Georgs Ecke hin.

»Wie hast du mich doch heute unterhalten, als du kamst und fragtest, ob du deinem Freund von der Verlobung schreiben sollst. Er weiß doch alles, dummer Junge, er weiß doch alles! Ich schrieb ihm doch, weil du vergessen hast, mir das Schreibzeug wegzunehmen. Darum kommt er schon seit Jahren nicht, er weiß ja alles hundertmal besser als du selbst, deine Briefe zerknüllt er ungelesen in der linken Hand, während er in der Rechten meine Briefe zum Lesen sich vorhält!«

Seinen Arm schwang er vor Begeisterung über dem Kopf. »Er weiß alles tausendmal besser!« rief er.

»Zehntausendmal!« sagte Georg, um den Vater zu verlachen, aber noch in seinem Munde bekam das Wort einen toternsten Klang.

»Seit Jahren passe ich schon auf, daß du mit dieser Frage kämest! Glaubst du, mich kümmert etwas anderes? Glaubst du, ich lese Zeitungen? Da!« und er warf Georg ein Zeitungsblatt, das irgendwie mit ins Bett getragen worden war, zu. Eine alte Zeitung, mit einem Georg schon ganz unbekannten Namen.

»Wie lange hast du gezögert, ehe du reif geworden bist! Die Mutter mußte sterben, sie konnte den Freudentag nicht erleben, der Freund geht zugrunde in seinem Rußland, schon vor drei Jahren war er gelb zum Wegwerfen, und ich, du siehst ja, wie es mit mir steht. Dafür hast du doch Augen!«

»Du hast mir also aufgelauert!« rief Georg.

Mitleidig sagte der Vater nebenbei: »Das wolltest du wahrscheinlich früher sagen. Jetzt paßt es ja gar nicht mehr.«

Und lauter: »Jetzt weißt du also, was es noch außer dir gab, bisher wußtest du nur von dir! Ein unschuldiges Kind warst du ja eigentlich, aber noch eigentlicher warst du ein teuflischer Mensch! - Und darum wisse: Ich verurteile dich jetzt zum Tode des Ertrinkens!«

Georg fühlte sich aus dem Zimmer gejagt, den Schlag, mit dem der Vater hinter ihm aufs Bett stürzte, trug er noch in den Ohren davon. Auf der Treppe, über deren Stufen er wie über eine schiefe Fläche eilte, überrumpelte er seine Bedienerin, die im Begriffe war heraufzugehen, um die Wohnung nach der Nacht aufzuräumen.

»Jesus!« rief sie und verdeckte mit der Schürze das Gesicht, aber er war schon davon. Aus dem Tor sprang er, über die Fahrbahn zum Wasser trieb es ihn. Schon hielt er das Geländer fest, wie ein Hungriger die Nahrung. Er schwang sich über, als der ausgezeichnete Turner, der er in seinen Jugendjahren zum Stolz seiner Eltern gewesen war. Noch hielt er sich mit schwächer werdenden Händen fest, erspähte zwischen den Geländerstangen einen Autoomnibus, der mit Leichtigkeit seinen Fall übertönen würde, rief leise: »Liebe Eltern, ich habe euch doch immer geliebt«, und ließ sich hinfallen.

In diesem Augenblick ging über die Brücke ein geradezu unendlicher Verkehr.

Ein Landarzt, Franz Kafka

Wednesday, March 21st, 2007
Ich war in großer Verlegenheit: eine dringende Reise stand mir bevor; ein
Schwerkranker wartete auf mich in einem zehn Meilen entfernten Dorfe;
starkes Schneegestöber füllte den weiten Raum zwischen mir und ihm;
einen Wagen hatte ich, leicht, großräderig, ganz wie er für unsere
Landstraßen taugt; in den Pelz gepackt, die Instrumententasche in der Hand,
stand ich reisefertig schon auf dem Hofe; aber das Pferd fehlte, das Pferd.
Mein eigenes Pferd war in der letzten Nacht, infolge der Überanstrengung in
diesem eisigen Winter, verendet; mein Dienstmädchen lief jetzt im Dorf
umher, um ein Pferd geliehen zu bekommen; aber es war aussichtslos, ich
wußte es, und immer mehr vom Schnee überhäuft, immer unbeweglicher
werdend, stand ich zwecklos da. Am Tor erschien das Mädchen, allein,
schwenkte die Laterne; natürlich, wer leiht jetzt sein Pferd her zu solcher
Fahrt? Ich durchmaß noch einmal den Hof; ich fand keine Möglichkeit;
zerstreut, gequält stieß ich mit dem Fuß an die brüchige Tür des schon seit
Jahren unbenützten Schweinestalles.

Sie öffnete sich und klappte in den Angeln auf und zu. Wärme und Geruch
wie von Pferden kam hervor. Eine trübe Stallaterne schwankte drin an
einem Seil. Ein Mann, zusammengekauert in dem niedrigen Verschlag,
zeigte sein offenes blauäugiges Gesicht. » Soll ich anspannen?« fragte er,
auf allen vieren hervorkriechend. Ich wußte nichts zu sagen und beugte
mich nur, um zu sehen, was es noch in dem Stalle gab. Das Dienstmädchen
stand neben mir. »Man weiß nicht, was für Dinge man im eigenen Hause
vorrätig hat«, sagte es, und wir beide lachten. »Holla, Bruder, holla,
Schwester!« rief der Pferdeknecht, und zwei Pferde, mächtige flankenstarke
Tiere, schoben sich hintereinander, die Beine eng am Leib, die
wohlgeformten Köpfe wie Kamele senkend, nur durch die Kraft der
Wendungen ihres Rumpfes aus dem Türloch, das sie restlos ausfüllten. Aber
gleich standen sie aufrecht, hochbeinig, mit dicht ausdampfendem Körper.
»Hilf ihm«, sagte ich, und das willige Mädchen eilte, dem Knecht das
Geschirr des Wagens zu reichen. Doch kaum war es bei ihm, umfaßt es der
Knecht und schlägt sein Gesicht an ihres. Es schreit auf und flüchtet sich zu
mir; rot eingedrückt sind zwei Zahnreihen in des Mädchens Wange. »Du
Vieh«, schreie ich wütend, »willst du die Peitsche?«, besinne mich aber
gleich, daß es ein Fremder ist, daß ich nicht weiß, woher er kommt, und daß
er mir freiwillig aushilft, wo alle andern versagen. Als wisse er von meinen
Gedanken, nimmt er meine Drohung nicht übel, sondern wendet sich nur
einmal, immer mit den Pferden beschäftigt, nach mir um. »Steigt ein«, sagt
er dann, und tatsächlich: alles ist bereit.

Mit so schönem Gespann, das merke ich, bin ich noch nie gefahren, und ich
steige fröhlich ein. »Kutschieren werde aber ich, du kennst nicht den Weg«,
sage ich. »Gewiß«, sagt er, »ich fahre gar nicht mit, ich bleibe bei Rosa.«
»Nein«, schreit Rosa und läuft im richtigen Vorgefühl der Unabwendbarkeit
ihres Schicksals ins Haus; ich höre die Türkette klirren, die sie vorlegt; ich
höre das Schloß einspringen; ich sehe, wie sie überdies im Flur und
weiterjagend durch die Zimmer alle Lichter verlöscht, um sich unauffindbar
zu machen. »Du fährst mit«, sage ich zu dem Knecht, »oder ich verzichte
auf die Fahrt, so dringend sie auch ist. Es fällt mir nicht ein, dir für die Fahrt
das Mädchen als Kaufpreis hinzugeben.« »Munter!« sagt er; klatscht in die
Hände; der Wagen wird fortgerissen, wie Holz in die Strömung; noch höre
ich, wie die Tür meines Hauses unter dem Ansturm des Knechts birst und
splittert, dann sind mir Augen und Ohren von einem zu allen Sinnen
gleichmäßig dringenden Sausen erfüllt. Aber auch das nur einen
Augenblick, denn, als öffne sich unmittelbar vor meinem Hoftor der Hof
meines Kranken, bin ich schon dort; ruhig stehen die Pferde; der Schneefall
hat aufgehört; Mondlicht ringsum; die Eltern des Kranken eilen aus dem
Haus; seine Schwester hinter ihnen; man hebt mich fast aus dem Wagen;
den verwirrten Reden entnehme ich nichts; im Krankenzimmer ist die Luft
kaum atembar; der vernachlässigte Herdofen raucht; ich werde das Fenster
aufstoßen; zuerst aber will ich den Kranken sehen. Mager, ohne Fieber,
nicht kalt, nicht warm, mit leeren Augen, ohne Hemd hebt sich der junge
unter dem Federbett, hängt sich an meinen Hals, flüstert mir ins Ohr:
»Doktor, laß mich sterben. « Ich sehe mich um; niemand hat es gehört; die
Eltern stehen stumm vorgebeugt und erwarten mein Urteil; die Schwester
hat einen Stuhl für meine Handtasche gebracht. Ich öffne die Tasche und
suche unter meinen Instrumenten; der Junge tastet immerfort aus dem Bett
nach mir hin, um mich an seine Bitte zu erinnern; ich fasse eine Pinzette,
prüfe sie im Kerzenlicht und lege sie wieder hin. »Ja«, denke ich lästernd,
»in solchen Fällen helfen die Götter, schicken das fehlende Pferd, fügen der
Eile wegen noch ein zweites hinzu, spenden zum Übermaß noch den
Pferdeknecht-.«

Jetzt erst fällt mir wieder Rosa ein; was tue ich, wie rette ich sie, wie ziehe
ich sie unter diesem Pferdeknecht hervor, zehn Meilen von ihr entfernt,
unbeherrschbare Pferde vor meinem Wagen? Diese Pferde, die jetzt die
Riemen irgendwie gelockert haben; die Fenster, ich weiß nicht wie, von
außen aufstoßen? jedes durch ein Fenster den Kopf stecken und, unbeirrt
durch den Aufschrei der Familie, den Kranken betrachten. »Ich fahre gleich
wieder zurück«, denke ich, als forderten mich die Pferde zur Reise auf, aber
ich dulde es, daß die Schwester, die mich durch die Hitze betäubt glaubt,
den Pelz mir abnimmt. Ein Glas Rum wird mir bereitgestellt, der Alte klopft
mir auf die Schulter, die Hingabe seines Schatzes rechtfertigt diese
Vertraulichkeit. Ich schüttle den Kopf; in dem engen Denkkreis des Alten
würde mir übel; nur aus diesem Grunde lehne ich es ab zu trinken. Die
Mutter steht am Bett und lockt mich hin; ich folge und lege, während ein
Pferd laut zur Zimmerdecke wiehert, den Kopf an die Brust des Jungen, der
unter meinem nassen Bart erschauert. Es bestätigt sich, was ich weiß: der
Junge ist gesund, ein wenig schlecht durchblutet, von der sorgenden Mutter
mit Kaffee durchtränkt, aber gesund und am besten mit einem Stoß aus dem
Bett zu treiben. Ich bin kein Weltverbesserer und lasse ihn liegen.

Ich bin vom Bezirk angestellt und tue meine Pflicht bis zum Rand, bis
dorthin, wo es fast zu viel wird. Schlecht bezahlt, bin ich doch freigebig und
hilfsbereit gegenüber den Armen. Noch für Rosa muß ich sorgen, dann mag
der Junge recht haben und auch ich will sterben. Was tue ich hier in diesem
endlosen Winter! Mein Pferd ist verendet, und da ist niemand im Dorf, der
mir seines leiht. Aus dem Schweinestall muß ich mein Gespann ziehen;
wären es nicht zufällig Pferde, müßte ich mit Säuen fahren. So ist es. Und
ich nicke der Familie zu. Sie wissen nichts davon, und wenn sie es wüßten,
würden sie es nicht glauben. Rezepte schreiben ist leicht, aber im übrigen
sich mit den Leuten verständigen, ist schwer. Nun, hier wäre also mein
Besuch zu Ende, man hat mich wieder einmal unnötig bemüht, daran bin ich
gewöhnt, mit Hilfe meiner Nachtglocke martert mich der ganze Bezirk, aber
daß ich diesmal auch noch Rosa hingeben mußte, dieses schöne Mädchen,
das jahrelang, von mir kaum beachtet, in meinem Hause lebte - dieses Opfer
ist zu groß, und ich muß es mir mit Spitzfindigkeiten aushilfsweise in
meinem Kopf irgendwie zurechtlegen, um nicht auf diese Familie
loszufahren, die mir ja beim besten Willen Rosa nicht zurückgeben kann.

Als ich aber meine Handtasche schließe und nach meinem Pelz winke, die
Familie beisammensteht, der Vater schnuppernd über dem Rumglas in
seiner Hand, die Mutter, von mir wahrscheinlich enttäuscht ja, was erwartet
denn das Volk? - tränenvoll in die Lippen beißend und die Schwester ein
schwer blutiges Handtuch schwenkend, bin ich irgendwie bereit, unter
Umständen zuzugeben, daß der Junge doch vielleicht krank ist. Ich gehe zu
ihm, er lächelt mir entgegen, als brächte ich ihm etwa die allerstärkste
Suppe - ach, jetzt wiehern beide Pferde; der Lärm soll wohl, höhern Orts
angeordnet, die Untersuchung erleichtern - und nun finde ich: ja, der Junge
ist krank. In seiner rechten Seite, in der Hüftengegend hat sich eine
handtellergroße Wunde aufgetan. Rosa, in vielen Schattierungen, dunkel in
der Tiefe, hellwerdend zu den Rändern, zartkörnig, mit ungleichmäßig sich
aufsammelndem Blut, offen wie ein Bergwerk obertags. So aus der
Entfernung. In der Nähe zeigt sich noch eine Erschwerung. Wer kann das
ansehen ohne leise zu pfeifen? Würmer, an Stärke und Länge meinem
kleinen Finger gleich, rosig aus eigenem und außerdem blutbespritzt,
winden sich, im Innern der Wunde festgehalten, mit weißen Köpfchen, mit
vielen Beinchen ans Licht. Armer Junge, dir ist nicht zu helfen. Ich habe
deine große Wunde aufgefunden; an dieser Blume in deiner Seite gehst du
zugrunde. Die Familie ist glücklich, sie sieht mich in Tätigkeit; die
Schwester sagt`s der Mutter, die Mutter dem Vater, der Vater einigen
Gästen, die auf den Fußspitzen, mit ausgestreckten Armen balancierend,
durch den Mondschein der offenen Tür hereinkommen.

»Wirst du mich retten?« flüstert schluchzend der Junge, ganz geblendet
durch das Leben in seiner Wunde. So sind die Leute in meiner Gegend.
Immer das Unmögliche vom Arzt verlangen. Den alten Glauben haben sie
verloren; der Pfarrer sitzt zu Hause und zerzupft die Meßgewänder, eines
nach dem andern; aber der Arzt soll alles leisten mit seiner zarten
chirurgischen Hand. Nun, wie es beliebt: ich habe mich nicht angeboten;
verbraucht ihr mich zu heiligen Zwecken, lasse ich auch das mit mir
geschehen; was will ich Besseres, alter Landarzt, meines Dienstmädchens
beraubt! Und sie kommen, die Familie und die Dorfältesten, und entkleiden
mich; ein Schulchor mit dem Lehrer an der Spitze steht vor dem Haus und
singt eine äußerst einfache Melodie auf den Text:

Entkleidet ihn, dann wird er heilen,
Und heilt er nicht, so tötet ihn!
`s ist nur ein Arzt, `s ist nur ein Arzt.

Dann bin ich entkleidet und sehe, die Finger im Barte, mit geneigtem Kopf
die Leute ruhig an. Ich bin durchaus gefaßt und allen überlegen und bleibe
es auch, trotzdem es mir nichts hilft, denn jetzt nehmen sie mich beim Kopf
und bei den Füßen und tragen mich ins Bett. Zur Mauer, an die Seite der
Wunde legen sie mich. Dann gehen alle aus der Stube; die Tür wird
zugemacht; der Gesang verstummt; Wolken treten vor den Mond; warm
liegt das Bettzeug um mich, schattenhaft schwanken die Pferdeköpfe in den
Fensterlöchern. »Weißt du«, höre ich, mir ins Ohr gesagt, »mein Vertrauen
zu dir ist sehr gering. Du bist ja auch nur irgendwo abgeschüttelt, kommst
nicht auf eigenen Füßen. Statt zu helfen, engst du mir mein Sterbebett ein.
Am liebsten kratzte ich dir die Augen aus.« »Richtig«, sage ich, »es ist eine
Schmach. Nun bin ich aber Arzt. Was soll ich tun? Glaube mir, es wird auch
mir nicht leicht.« »Mit dieser Entschuldigung soll ich mich begnügen?

Ach, ich muß wohl. Immer muß ich mich begnügen. Mit einer schönen
Wunde kam ich auf die Welt; das war meine ganze Ausstattung.« »Junger
Freund«, sage ich, »dein Fehler ist: du hast keinen Überblick. Ich, der ich
schon in allen Krankenstuben, weit und breit, gewesen bin, sage dir: deine
Wunde ist so übel nicht. Im spitzen Winkel mit zwei Hieben der Hacke
geschaffen. Viele bieten ihre Seite an und hören kaum die Hacke im Forst,
geschweige denn, daß sie ihnen näher kommt.« »Ist es wirklich so oder
täuschest du mich im Fieber? « »Es ist wirklich so, nimm das Ehrenwort
eines Amtsarztes mit hinüber.« Und er nahm`s und wurde still.

Aber jetzt war es Zeit, an meine Rettung zu denken. Noch standen treu die
Pferde an ihren Plätzen. Kleider, Pelz und Tasche waren schnell
zusammengerafft; mit dem Ankleiden wollte ich mich nicht aufhalten;
beeilten sich die Pferde wie auf der Herfahrt, sprang ich ja gewissermaßen
aus diesem Bett in meines. Gehorsam zog sich ein Pferd vom Fenster
zurück; ich warf den Ballen in den Wagen; der Pelz flog zu weit, nur mit
einem.Ärmel hielt er sich an einem Haken fest. Gut genug. Ich schwang
mich aufs Pferd. Die Riemen lose schleifend, ein Pferd kaum mit dem
andern verbunden, der Wagen irrend hinterher, den Pelz als letzter im
Schnee. »Munter!« sagte ich, aber munter ging`s nicht; langsam wie alte
Männer zogen wir durch die Schneewüste; lange klang hinter uns der neue,
aber irrtümliche Gesang der Kinder:

Freuet euch, ihr Patienten,
Der Arzt ist euch ins Bett gelegt!

Niemals komme ich so nach Hause; meine blühende Praxis ist verloren; ein
Nachfolger bestiehlt mich, aber ohne Nutzen, denn er kann mich nicht
ersetzen; in meinem Hause wütet der ekle Pferdeknecht; Rosa ist sein Opfer;
ich will es nicht ausdenken. Nackt, dem Froste dieses unglückseligsten
Zeitalters ausgesetzt, mit irdischem Wagen, unirdischen Pferden, treibe ich
alter Mann mich umher. Mein Pelz hängt hinten am Wagen, ich kann ihn
aber nicht erreichen, und keiner aus dem beweglichen Gesindel der
Patienten rührt den Finger. Betrogen! Betrogen! Einmal dem Fehlläuten der
Nachtglocke gefolgt - es ist niemals gutzumachen.